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Aufhören? Niemals!
78 Jahre, Sportschuhe an den Füßen und fit wie ein Turnschuh: Günter Hammele. Foto: privat
Aktiv im Alter: Nicht nur Günter Hammele will s wissen

Aufhören? Niemals!

19.04.2016
  • CHRISTIAN NICK

Er läuft und läuft und läuft. Das galt nicht nur für den VW Käfer oder den "Duracell-Hasen": Auch Günter Hammele hört so schnell nicht auf. Und wenn, fängt er schon bald wieder an. Der Thalfinger ist Ex-Postbeamter, Pensionär, 78 Jahre alt - und passionierter Triathlet.

Hammeles Trainingspensum nötigt auch halb so alten Sportlern Respekt ab; seine sportliche Vita, die er stolz als Ausdruck zum Gespräch mitbringt, ist lang wie ein Marathon und weist ihn als Sieger von 150 nationalen und internationalen Senioren-Wettkämpfen aus. Seit 1986. Acht bis zehn Triathlons pro Jahr.

Ihn einen rüstigen Ruheständler zu nennen, empfände der Mann glatt als Beleidigung: Hammele trainiert täglich, schwimmt je 2000 bis 3000 Meter, strapaziert die Jogging-Schuhe und den Fahrradsattel - bis zu 100 Kilometer reißt der ehemalige Amateur-Radrennfahrer, der einst schon gegen Rudi Altig gefahren ist, pro Tour immer noch runter.

Kann das gesund sein? In dem Alter? Günter Hammele lacht ein Das-können-Sie-unmöglich-ernsthaft-fragen-Lachen. Er glaubt fest daran: "Ich höre in meinen Körper hinein und weiß genau, was mir guttut." Beim Arzt ist er schon Jahre nicht mehr gewesen. Medikamente? Hammeles Medikation gibt es in keiner Apotheke: "Mein Sport hält mich gesund und jung." Er sagt es mehrmals, fast wie ein Mantra.

Jugendlichkeit ist ein Wert für den Senior. "Ich bin stolz, dass ich in einer solchen Verfassung bin." Fitness als Selbstvergewisserung - der Leistungsportler kennt es seit seiner Kindheit. Wie geht so jemand um mit dem Altwerden? "Jedenfalls ohne Melancholie." So ganz dann aber doch nicht: "Ich schaue beim Training kaum mehr auf die Stoppuhr." Zu frustrierend.

Auch Hammeles Physis wird zur Beute der Zeit, die Konzentrationsfähigkeit lässt nach, das Joggen geht schlechter. Reduzieren? Wenn s sein muss. Aufhören? "Niemals". Ein Herztod beim Training wäre "doch eine schöne Art des Ablebens". Das Positive am Altsein? "Mehr Zeit" - unter anderem fürs Training. Hammele hat wenig Ängste. Sagt er. Vor Pflegebedürftigkeit indes schon.

Bisweilen schlagen ganz faustisch "zwei Seelen in meiner Brust": Eine davon hofft manchmal, dass ihn der Trainingspartner heute mal nicht abholt. "Aber der kommt immer." Und dann kommt Günter Hammele mit. Würde er eine Pille gegen das Altern schlucken? "Nur wenn s kein Doping ist."

Szenenwechsel. In einem Ulmer Fitnessstudio sitzen die 60-jährige Tine und die 67 Jahre alte Barbara vor Regalen mit Tüten voller Protein-Pülverchen und warten auf den Beginn des Pilates-Kurses. Im Hintergrund wummert Techno. "Immer mehr Menschen über 60 Jahre kommen zu uns", freut sich Trainerin Edina: Die nämlich stellen mittlerweile rund zehn Prozent derjenigen, die dort regelmäßig Laufbänder, Crosstrainer und Stepper malträtieren.

Wenn die Schriftstellerin Juli Zeh in ihrem Roman "Corpus Delicti" die Dystopie einer Gesundheitsdiktatur entwirft, ist das Fiktion. Aber Gesundheit, Vitalität, Schönheit und Jugendlichkeit sind längst zu Dogmen einer Überfluss-Gesellschaft geworden, in der es statt Senioren nur noch "Best Ager" zu geben scheint.

Auch die Statistik spiegelt dies wider: 1990 waren 1,3 Millionen Menschen über 60 Jahre in bundesdeutschen Sportvereinen eingeschrieben - im Jahr 2015 4,2 Millionen. Das liegt einerseits sicherlich an Demografie und vergrößertem Angebot, reflektiert aber auch einen gesellschaftlichen Trend.

"Ich werde nicht alt, nur älter", sagt lachend denn auch Barbara, blondierte Strähnchen, solariumgebräunte Haut, mindestens zweimal pro Woche im Studio, das für sie längst ein "zweites Wohnzimmer" geworden ist. Montags Pilates, mittwochs Gerätetraining. Tine hatte es Zumba angetan, eine Kombination aus Aerobic und lateinamerikanischen Tänzen. Das geht nun nicht mehr. Der Rücken. Trotzdem arbeitet auch sie weiterhin regelmäßig an ihrer Fitness.

Was bedeutet "Alter" für die beiden? "Die Lebensqualität wird geringer", sagt Barbara und legt sich ein Bedauern ins Gesicht, ehe sie von ihrer Arthrose erzählt. Hüfte, Knie, Schultern: Vieles schmerzt, nichts aber hält sie vom Sporteln ab. Was sie damit erreichen möchte? "Vital bleiben und den Alterungsprozess aufhalten." Dass sie manchmal Probleme mit ebendiesem hat, gibt sie freimütig zu: "Wenn ich im Schwimmbad die knackigen Körper der jungen Frauen sehe, bin ich neidisch."

Jugendwahn? Den freilich wollen die zwei allenfalls bei anderen Menschen diagnostizieren. Aber: "Wenn ich mit Gleichaltrigen zu tun habe, denke ich mir oft, dass die echt verdammt alt sind." Dann ruft das Training. Heute will es Barbara mal etwas langsamer angehen lassen. Sie sei gerade am Heilfasten, zehn Tage lang gibt es nur Flüssigkeit. Warum? "Die Waage zeigte vier Kilo zu viel."

Die Zigarette nach dem Training gönnt sie sich aber trotzdem. Irgendwie beruhigend.

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19.04.2016, 06:00 Uhr

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