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Jazz- und Klassiktage: Zum Piepen!

August Zirner und Die Spardosen therapieren den Jazz

Ein Schauspieler, der Zuhörern die Flötentöne beibringt: Im alten Kino „Löwen“ verlebten sie alle einen launigen jazzhistorisch-didaktischen Abend.

16.10.2012
  • Wilhelm Triebold

Tübingen. August Zirners Gesicht ist, wie sagt man, bekannt aus Film und Fernsehen. Zuletzt durfte der Mime als Hermann Hesses Wiedergänger durch die TV-Verfilmung „Die Heimkehr“ geistern, und auch sonst ist das Ensemblemitglied am Münchner Residenztheater gut im Geschäft. Nötig hätte Zirner es jedenfalls nicht, mit der Querflöte an den schmalen Lippen auf Kleinkunstbühnen zu stehen.

Doch die Musik ist eine Leidenschaft des 56-Jährigen. Warum das so ist, verrät er etwas unvermittelt mitten im Programm, das eigentlich eine „Diagnose Jazz“ (so der Titel) anhand dreier großer Schmerzensmänner der Jazz-Geschichte stellen mochte. Doch einmal geht’s kurz um August Zirner.

Da erzählt er von diesem jungen Wiener, den die Nazis weder als Klarinettisten noch als Mitbürger duldeten. Der als US-Soldat zurückkam und später dann in einem amerikanischen Kreißsaal den ersten Erdenschrei des Nachkommen freudig musikalisch einordnet: „Ein Es!“ Kein Er, keine Sie.

Das Über-Ich grüßt mit dieser netten Anekdote. August Zirner, denn um ihn handelt es bei dem hochmusikalischen Baby, ist daraufhin ein ebenso passabler wie passionierter Flötist geworden. Und der Schauspieler versteht die Texte, mit denen er dieses Programm zusammenhält, eindringlich vorzutragen. Es sind Fallbeispiele aus der Welt des Jazz, als die späteren Legenden mehr noch mit Ignoranz und Rassismus – und dazu mit Krankheiten – zu kämpfen hatten als mit den Tönen selbst.

Zirner spannt mit Debussys Syrinx-Solo einen Goldrahmen um die drei eher düsteren Porträtskizzen, die den ungebärdigen Bass-Brocken Charles Mingus, den blinden Ausnahme-Bläser Rahsaan Roland Kirk und die sich vorwärts tastende Tasten-Sphinx Thelonius Monk zeigen. Drei so unterschiedliche wie unsichtbar verbundene Meister des Modern Jazz. Zirner zitiert ihre Leidensgeschichten herbei. Das Schwarzweißhafte in einer Zeit, in der sogenannte Farbige noch stärker auf sich allein (und gegen viele andere) gestellt waren. Als sie, wie Bremens Stadtmusikanten, etwas Besseres als den Tod eben in der Musik finden wollten.

Zusammenspiel von Poesie und Musik

Das ist für sich schon hochspannend. Kochende Temperaturen und Temperamente, Sklavenhaltermentalität und schreiende Ungerechtigkeit – aber auch Witz statt (un)gehöriger Wut im Bauch. Die Diagnose von Zirner und den drei gleichwertigen Mitspielern (Rainer Lipski, Piano; Kai Struwe, Bass und Mickey Neher, Drums) stößt auf die schmerzhafte Wurzel des Jazz. Versucht ursächlich, nie unsachlich zu werden.

So tauchen Zirner und Die Spardosen tief in den Kanon ein, mit feinen Interpretationen einiger ewiger Jazz-Standards. Joachim E. Berendt wäre entzückt gewesen. Ob ihm aber die Piep-Aktion gefallen hätte? Ans Publikum wurden vorher Plastikflöten verteilt, mit denen Zirner und Co. wohl etwas Interaktion aufkommen lassen wollten. Das Resultat war eher zum Piepen – nervtötendes Tröten zur Unzeit und ein heimliches Verlangen, den Störenfrieden ihr Spielzeug ganz schnell wieder abzunehmen. Ansonsten aber war es ein ausnehmend schönes Einvernehmen zwischen Wort und Musik.

August Zirner und Die Spardosen therapieren den Jazz
Der Schauspieler August Zirner und seine Querflöte: Auf der Suche nach den Ursprüngen und den Ursachen des Jazz.Bild: Jazz- und Klassiktage

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16.10.2012, 12:00 Uhr

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