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Spontan-Matinee im DAI

Aus Protest gegen die Eliten

Erwartungen und Emotionen zur US-Wahl tauschten Publikum und Podiumsgäste im DAI aus.

14.11.2016
  • Monica Brana

Der Ausgang der US-Wahlen beeindruckte viele Tübinger dermaßen, dass Ute Bechdolf, die Leiterin des Deutsch Amerikanischen Instituts (DAI) in Tübingen, erstmals an einem Sonntagmorgen zur Matinee lud. Unter dem Motto „Are you Trumpatized?“ diskutierten in gedrückter, Trump-kritischer Atmosphäre vier Amerikaner aus verschiedenen politischen Lagern anderthalb Stunden lang Erwartungen und Befürchtungen zu den Auswirkungen der Wahl. Mit etwa 80 Interessierten war der Veranstaltungsraum im DAI voll besetzt. Der Bedarf an Gedankenaustausch unter den Besuchern aller Altersstufen war ganz offenbar vorhanden.

Als Podiumsgäste gekommen waren vier Lehrkräfte des DAI: die Theologin Angela Baggarley, Politologin Kelly Neudorfer, Theologe Lucas Ogden und Sprachtrainer Robert Strain. Routiniert in binationalem Austausch, ermöglichten sie alle eine vergleichende deutsch-amerikanische Perspektive. Mehrfach betonte Bechdolf die ideelle Unabhängigkeit des DAI. „Unsere Aufgabe ist die Völkerverständigung zwischen Deutschland und den USA.“

Eine ausgewogene Berichterstattung sei in den USA bis zuletzt versäumt worden, so Bechdolf. Das öffentliche Bewusstsein habe sich „in einer Wahrnehmungs-Blase“ befunden. Trump sei zudem über lange Zeit nicht ernst genommen worden und habe anschließend umso mehr mediale Aufmerksamkeit erfahren. Notwendig werde zunehmend der direkte Dialog, unabhängig etwa von sozialen Medien, in denen sich die Nutzer in ihren Foren überwiegend mit Gleichgesinnten austauschen.

Gefragt nach ihren Gefühlen, die sich an das Wahlergebnis anschlossen, artikulierten die Podiumsgäste allgemeine Besorgnis. Strain sagte, es treffe ihn, dass Trump Richter ins Verfassungsgericht berufen dürfe. Als Republikaner zeigte sich Ogden skeptisch gegenüber Trumps Rhetorik, die doch jeglicher politischer Sozialisation entbehre, und befürchtete, er könnte die USA zu stark vom politischen Weltgeschehen isolieren. Neudorfer stellte die Sicht dreier weißer und gut ausgebildeter Trump-Wählerinnen aus dem Bundesstaat Illinois vor. Diese hatten ihre Entscheidung pro Trump eigens für die DAI-Gäste niedergeschrieben.

Enthusiastisch schilderte eine der Amerikanerinnen Trump als wandlungsfähigen Menschen. Ein weiterer Beweggrund, Trump zu wählen, sei für sie dessen Ankündigung gewesen, Obamacare abzuschaffen. Ihre Familie werde durch diese Form der Krankenversicherung finanziell enorm belastet. Was Neudorfers Bekannte von Trumps jüngsten Zugeständnissen an Obamacare hält, wurde nicht bekannt. Eine weitere Bekannte hatte aus Protest gewählt. Die Veterinärin hatte Clinton als Zerstörerin der amerikanischen Arbeiterklasse gesehen, die das Werk ihrer Vorgänger sicherlich fortsetzen werde. Die dritte Trump-Wählerin schließlich betonte, dass viele Amerikaner den Eindruck hätten, von Eliten Werte aufgezwungen zu bekommen, die an ihren eigenen Bedürfnissen jedoch vorbeigingen.

Was die Präsidentschaft Trumps für die Deutschen bedeuten wird, interessierte das Tübinger Publikum besonders. Ogden zeigte daraufhin die Titelseite des „Spiegel“, der titelte: „Das Ende der Welt“. Möglicherweise werde eine internationale Isolierung der USA zu einem Erstarken der EU führen, überlegte er. Neudorfer kritisierte Trumps schnell wechselnde Haltung, wodurch man ihn als Politiker schwer einschätzen könne. „Allein im Präsidentschaftswahlkampf hat er drei Kampagnenmanager verschlissen,“ sagte sie. Trumps Wähler nähmen beispielsweise seine persönliche Haltung gegenüber Homosexuellen nicht ernst, während der neue Präsident noch nicht verstanden habe, welche Macht Worte in der politischen Arena entfalten können.

Laut Ogden solle man klassisch die ersten 100 Tage Amtszeit abwarten, um den Regierungsstil Trumps besser beurteilen zu können. Da dieser noch keine politische Erfahrung besitze, komme Trumps Beratern große Bedeutung zu. Strain hingegen hielt die 100-Tage-Frist für einen Mythos: „Schon im Wahlkampf zeigte sich, dass Trump nicht auf seine Berater hört – und er ist Präsident geworden.“

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14.11.2016, 01:00 Uhr

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