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Aus dem Abschiebeflieger
zurück auf den Rasen
Der Kameruner Fabrice Kum (links) flüchtete aus seinem Heimatland und spielt nun für den Bezirksligisten SV Gündringen. Im Spiel gegen Felldorf/Bierlingen hatte der Innenverteidiger, der in seiner Heimat in der zweiten Liga spielte, den Top-Torjäger der Liga Thomas Baur im Griff. Bild: Ulmer
Fußball

Aus dem Abschiebeflieger zurück auf den Rasen

Gündringens Verteidiger Fabrice Kum hat emotionale Monate hinter sich: Der Kameruner wurde eine halbe Stunde vor seiner Abschiebung noch zurückgeholt und kann nun weiter seiner Leidenschaft nachgehen.

11.10.2018
  • Florian Dürr

Für Gündringens Fabrice Kum verliefen die vergangenen Monate teilweise wie ein schlechter Traum, aus dem er schnell wieder erwachen wollte: Zwei Tage nach dem 1:2 gegen Dornstetten am 2. September wurde der aus Kamerun Geflüchtete nachts im Zimmer seiner Unterkunft in Gündringen festgenommen und nach Frankfurt überführt, um dort mit dem nächsten Flieger in sein erstes Asylland Italien abgeschoben zu werden. Lediglich 30 Minuten vor Abflug hatte der Alptraum des 23-Jährigen doch noch ein Ende: Aufgrund eines „Verfahrensfehlers“ (siehe Infokasten) durfte er wieder zurück nach Gündringen.

Traumatisiert von den Geschehnissen, brauchte der Gündringer Innenverteidiger einige Zeit, um sich von diesem Schock zu erholen. Pünktlich zum Lokalderby in Vollmaringen stand er aber wieder im SVG-Trikot auf dem Platz. Und auch beim 1:2 gegen Bezirksliga-Spitzenreiter Felldorf/Bierlingen wirkte der Kameruner mit und sorgte dafür, dass Top-Torjäger Thomas Baur keinen weiteren Treffer erzielte.

In der Heimat ein Zweitliga-Spieler

Denn trotz sprachlicher Verständigungsprobleme war die Ansage von Trainer Sergej Steblau vor dem Spiel in Richtung seines Innenverteidigers klar und deutlich: „9 Matches, 17 Goals“ – so beschrieb Steblau kurz und prägnant die Gefahr, die von Thomas Baur ausgeht. Kum nahm die Herausforderung an und zeigte dem Torjäger in jedem Zweikampf, dass der Weg ins Gündringer Gehäuse für ihn an diesem Tag gesperrt bleiben sollte. „Er hat viel um die Ohren, aber auf dem Platz ist er total fokussiert und will jedes Spiel gewinnen – er ist brutal ehrgeizig“, lobt Steblau.

Damit knüpfte Kum da an, wo er vor seiner versuchten Abschiebung aufgehört hatte. Seine Geschichte ist aufwühlend: Vor zwei Jahren entschloss sich der nun 23-Jährige, aus seinem Heimatland zu flüchten. Damals entfachte der Konflikt zwischen den englischsprachigen Separatisten und der französischsprachigen Mehrheit Kameruns. Kum gehört zur englischsprachigen Minderheit im Südwesten des Landes, die sich seit Jahren unterdrückt und benachteiligt fühlt. Die Regierung ignorierte die Forderungen der Minderheit nach Gleichberechtigung und reagierte mit Gewalt. „Die Regierung sucht nach mir. Die wollen mich töten. Wir reden Englisch und Französisch, aber der französische Teil hasst uns“, erzählt Kum im Gespräch mit der SÜDWEST PRESSE über die gefährliche Lage in seiner Heimat. Insgesamt wurden 300000 Menschen aus den englischsprachigen Gebieten Kameruns vertrieben, 30000 sind nach Nigeria geflüchtet, Kum bis nach Deutschland.

Nach wochenlangem abgerissenen Kontakt hatten die Gündringer schon das Schlimmste für den Politisch-Verfolgten befürchtet: „Ich gehe davon aus, dass er leider schon abgeschoben wurde“, sagte SVG-Abteilungsleiter Dominik Löffler kurz vor dem Derby gegen Vollmaringen.

Klaus Rais, ehrenamtlicher Integrationshelfer für den Asylkreis Gündringen, hatte da aber etwas dagegen und setzte alle Hebel in Bewegung, um den 23-Jährigen noch vor der Abschiebung zu bewahren – mit Erfolg. „Fabrice hat in Kamerun nur Fußball gespielt – er könnte locker Verbands- oder Oberliga spielen“, sagt Rais. Kum selbst erzählt: „Fußball war in
Kamerun mein Job.“ In seinem Heimatland spielte er nämlich
für Mount Cameroon FC in
der zweiten Liga vor bis zu 15000 Zuschauern.

Sein Talent bemerkten auch die Gündringer sofort: „Er stand im Juli irgendwann mal da, hat mittrainiert und gezeigt, dass er fußballerisch was drauf hat. Zudem ist er sehr zuverlässig“, erzählt Dominik Löffler. Auch Trainer Steblau ist begeistert von Kum: „Er ist mit richtig viel Leidenschaft dabei, hat eine aggressive Spielweise, bleibt aber immer fair. Er ist eine extreme Bereicherung für uns.“ So stand Kum gleich am ersten Bezirksliga-Spieltag gegen Salzstetten (1:2) in der Startelf. Zusammen mit Jonas Braun hält er in der laufenden Runde die Gündringer Abwehrkette zusammen.

Und obwohl sich Kum mit seinen Teamkollegen bisher nur auf Englisch verständigen kann, klappt die Zusammenarbeit auf dem Feld überraschend gut. „Viele sprechen richtig gut Englisch, aber ich versuche, auch Deutsch zu sprechen“, erzählt Kum, der am Montag einen Deutsch-Kurs an der Volkshochschule in Nagold beginnt. Zudem macht der Kameruner die Verständigungsprobleme mit seiner fußballerischen Klasse wett: „Er ist laufstark, technisch versiert und hat viel taktisches Verständnis“, lobt Löffler.

Für den Abteilungsleiter ist Kum ein perfektes Beispiel für erfolgreiche Integration: „Er ist extrem vertrauenwürdig und tut alles dafür, um sich zu integrieren. Das merkt man auf und neben dem Platz: Nach dem Spiel bleibt er noch für zwei, drei Bier sitzen, und bei Niederlagen ist er am Boden zerstört – das geht ihm richtig nahe“, erzählt Löffler.

Negative Äußerungen von außen

Der Gündringer appelliert an die Leute, die in den vielen Flüchtlingen eine Gefahr sehen: „Wir sollten es lieber als Chance begreifen. Fabrice möchte zum Beispiel gerne eine Ausbildung zum Altenpfleger machen. Diese Leute brauchen wir.“ Zudem mahnt er auch Zuschauer, die auf dem Sportplatz mit negativen Äußerungen gegenüber Geflüchteten auffallen: „In Gündringen wird Fabrice angesehen wie jeder andere, aber es gab in der Vergangenheit schon zwei, drei rassistische Vorfälle von anderen Vereinen. Emotionen gehören dazu, aber es gibt eine Grenze. Wenn die überschritten wird, werde ich dagegen mit aller Härte vorgehen“, sagt der Abteilungsleiter.

Beim SV Gündringen ist Kum sofort liebevoll in die Vereinsfamilie aufgenommen worden und wird auch in schwierigen Phasen von seinen Mitspielern unterstützt. „Er hat mal eine Zeit lang kein Geld vom Staat bekommen, und dann gab es eine unglaubliche Solidarität im Team: Die Jungs sind mit ihm einkaufen gegangen oder haben ihm Trainingsklamotten besorgt“, erzählt Löffler stolz. Fabrice Kum schätzt diese Gesten seiner Teamkollegen sehr. Sie machen ihn glücklich: „Sie behandeln mich so gut wie einen Bruder.“

Leben unter Brücken: Die Geschichte von Fabrice Kum

Der Kameruner Fabrice Kum kam im Frühjahr 2016 über Libyen durch das Mittelmeer als Flüchtling nach Sizilien. Er reiste anschließend nach Deutschland weiter. Als ihm bekannt wurde, dass er entsprechend dem „Dublin III“-Verfahren nach Italien zurückgeschickt werden würde, tauchte er für ein halbes Jahr ab. Die Nächte hat er unter Brücken, in unbeaufsichtigten Gebäuden oder bei anderen Asylsuchenden verbracht. Damit machte er sich (unwissentlich) strafbar, was zu einem Strafverfahren gegen ihn führte. Deshalb müsste er entweder 900 Euro Strafe zahlen, eine Haftstrafe verbüßen oder Sozialstunden leisten. Nachdem Kums vorletzte Duldung im Juli überschritten war und er Tage später eine neue Duldung beantragen wollte, kündigte das Regierungspräsidium Karlsruhe entsprechend den Statuten von „Dublin III“ die Abschiebung in sein erstes Asylland Italien an. Erst als Integrationshelfer Klaus Rais einen ihm sehr gut bekannten Landtagsabgeordneten kontaktierte, der daraufhin eine Anfrage an das Innenministerium weiterleitete, dass bei der Abschiebung ein sogenannter „Verfahrensfehler“ vorliege, war der Weg für Kums Rückkehr nach Gündringen möglich. Denn der bisherige Rechtsanwalt von Kum war im Krankenstand, und Kums Akte traf nicht rechtzeitig beim neuen Rechtsanwalt ein, um Einspruch gegen das laufende Verfahren einzulegen. Fabrice Kum wird jetzt immer nur monatlich geduldet, aktuell bis zum 10. November.

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11.10.2018, 01:00 Uhr

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