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Aus der Hölle zur Musik
Die Musik hat ihm das Leben gerettet: der britische Pianist und TV-Moderator James Rhodes. Foto: Ullstein
Missbrauchsopfer und Konzertpianist: James Rhodes und "Der Klang der Wut"

Aus der Hölle zur Musik

05.04.2016
  • JÜRGEN KANOLD

Dieses von Grund auf vulgäre Buch ist eine Zumutung. Es ist die wahre Geschichte, die Autobiografie eines weltweit erfolgreichen Konzertpianisten, der als Kind jahrelang von seinem Sportlehrer vergewaltigt wurde, der lange aus Scham geschwiegen hat und sich jetzt alles Leid von der Seele schreibt. Der Engländer James Rhodes schüttet sein Leben wie einen Kübel mit stinkenden Innereien dem Leser vor die Füße. Er erzählt schonungslos von der Hölle: von seinen Schmerzen, dem Selbsthass, seinen Schuldgefühlen, den Drogen, dem Ritzen, den Abstürzen und Selbstmordversuchen, von seinen seelischen Deformationen und Psychiatrie-Aufenthalten.

Er berichtet von seiner verzweifelten Sehnsucht nach Liebe, von seinen Beziehungskrisen und seinem vergötterten Sohn. Der 1975 in London geborene Rhodes beschimpft, mit Verlaub, schonungslos die Arschlöcher in einer Scheißwelt - und bezeichnet sich selbst als das "Oberarschloch". Es ist unerträglich. Und es ist ehrlich, intelligent, witzig, intensiv, pathetisch geschrieben. Ein fesselndes Sozialdrama.

Aber "Der Klang der Wut" ist zugleich ein großartiges Buch über die klassische Musik. Ausgerechnet. "Wie die Musik mich am Leben hielt", lautet der Untertitel, das Klavierspiel hat ihn gerettet, mit sich selbst versöhnt. Die Musik "schenkt Trost, Weisheit, Hoffnung und Geborgenheit. Sie ist Medizin für die Seele", formuliert Rhodes, der Pianist und TV-Moderator, auch mal sanft esoterisch. Wobei der erste Satz im "Präludium" typisch ichbezogen ausfällt: "Von klassischer Musik krieg ich n Ständer." Und das meint er so. Rohdes redet den Leser direkt an und fährt uns auch gelegentlich über den Mund, falls wir über die Aussagen des Autors nachdenken sollten: "Schnauze!"

Rhodes, der den russischen Pianisten Grigory Sokolov überaus verehrt, schwadroniert jedoch nicht einfach von seiner Begeisterung für die klassische Musik. Er tritt an als leidenschaftlicher Missionar. Warum gilt diese coole Musik nicht als cool? Dass es allein in Großbritannien wenigstens 45 Millionen Menschen gibt, die noch nie eine Beethoven-Sonate in voller Länge angehört haben, ist für Rhodes ein "zutiefst deprimierender Gedanke".

Er findet es auch schrecklich, dass viele Menschen aus Unkenntnis ein Klavierkonzert so verlockend finden wie eine Wurzelbehandlung. Kurz gesagt: Klassische Musik, so Rhodes, ist wunderbar, der reine Rock n Roll, nur verkaufe sich die Klassik ganz schlecht, erreiche das Publikum nicht. Alles, was mit klassischer Musik zu tun hat, von den Musikern selbst angefangen über die Präsentation des Produkts bis hin zu den Plattenlabels, dem Management, dem Gebaren und der Moral der gesamten Industrie habe "nichts Sympathisches" an sich. Das ganze verzopfte, erstarrte, veraltete Business verhindere den Zugang zu dieser mitreißenden Musik.

Rhodes selbst durchbricht in seinen Konzerten locker die Konvention, indem er zum Beispiel vor Publikum über die Werke spricht, die er spielt. Kostproben davon gibt er in seinem Buch. Allen 20 Kapiteln ist ein Musikstück in einer besonderen Einspielung vorangestellt, das Rhodes kurz und emphatisch beschreibt. Angefangen von der Aria aus Johann Sebastian Bachs "Goldberg-Variationen", gespielt von Glenn Gould. Okay, auch das geschieht oft im obszönen Tonfall: "Liszt ist der Wichser, dem Pianisten es zu verdanken haben, dass sie ganze Klavierkonzerte aus dem Kopf spielen müssen." Er meint Franz Liszt, den Popstar des 19. Jahrhunderts, der einst so unfassbar virtuos auftrat und komponierte.

Rhodes geht einem mit seiner Sprache auch gewaltig auf die Nerven bei der Lektüre, das Buch ist nichts für empfindsame, wohltemperierte Klassikliebhaber, sondern eher für popkulturell abgehärtete Einsteiger. Aber auch Klassik-Kenner werden durch Rhodes treffliche Einführungen animiert. Franz Liszts "Totentanz" also, "unglaublich bombastisch" gespielt von Sergio Tiempo: "Der Kerl hat zwei unglaubliche Hände, null Angst und einen unerschütterlichen Glauben an das, was er sagen will. Umwerfend."

Die Playlist, die Rhodes mit seinen Lieblingsaufnahmen zusammengestellt hat, spricht für seinen Geschmack. Er selbst ist mit Bachs Violin-Chaconne, für Klavier gesetzt von Ferruccio Busoni, dabei: Diese Musik schleife einen durch sämtliche den Menschen bekannte Emotionen . . .

Rhodes schockiert, aber seine Kritik am Klassikbetrieb trifft oft ins Schwarze. So fordert er etwa die Kollegen auf: "Spielt splitternackt, spielt in Jeans, spielt in Transenfummel. Spielt um Mitternacht oder um fünfzehn Uhr. Spielt in Bars und Kneipen, Sälen und Theatern (. . .) Gebt die Musik denen zurück, denen sie gehört. Lasst nicht zu, dass eine Handvoll inzuchtverblödeter Altersheimer diktieren, wie diese unsterbliche, unglaublich wundervolle, gottgegebene Musik präsentiert werden sollte." Der Leser muss sich jetzt erstmal erholen, Musik hören - und wünscht James Rhodes Glück und inneren Frieden.

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05.04.2016, 06:00 Uhr

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