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Aus der Welt heraus
Klassisch modern: Der 65-jährige Wolfgang Rihm hat jetzt auch ein Requiem komponiert. Foto: dpa
Musik

Aus der Welt heraus

Abgesang eines großen Komponisten: Wolfgang Rihms „Requiem-Strophen“ sind in München unter Leitung von Mariss Jansons uraufgeführt worden.

03.04.2017
  • JÜRGEN KANOLD

München. Wie ein Todesengel klopft der Bote an die Tür. Der verzweifelte Mozart diktiert auf dem Sterbebett seinem Schüler das Requiem in die Feder. Und verliert den höllischen Wettlauf. So erzählt das Milos Forman in „Amadeus“. Mozarts letztes Werk ist ein Mythos. Und ein Fragment. Der Tod traf den 35-Jährigen überraschend. Witwe Constanze freilich hatte Angst, den Vorschuss für das Auftragswerk zurückzahlen zu müssen, sie behauptete also, die Partitur sei fertig, und beauftragte Franz Xaver Süßmayr, die hinterlassenen Skizzen zu vervollständigen. Denn es war ja so gewesen: Franz Graf Wolfegg kaufte gern bei Komponisten anonym Musik ein, die er in Privatkonzerten für seine eigene ausgab, und diesmal musste es ein Requiem sein zum Jahrestag des Todes seiner Gattin. Mozart sollte liefern . . .

Heutzutage bestellt ein öffentlich-rechtlicher Sender beim berühmtesten zeitgenössischen Komponisten ein Requiem: der Bayerische Rundfunk bei Wolfgang Rihm. In Starbesetzung ist es im Münchner Herkulessaal makellos uraufgeführt worden: Mariss Jansons dirigierte in einem „musica-viva“-Konzert Symphonieorchester und Chor des Bayerischen Rundfunks. Die Sopranistinnen Mojca Erdmann und Anna Prohaska sangen in höchsten Tönen das Lacrimosa als eine einzige, vegetativ wuchernde Stimme der Liebe. Hanno Müller-Brachmann übernahm tief sonor den Bariton-Part eines fragenden, zweifelnden Ichs: mit drei Sonetten Michelangelos in der Übersetzung Rainer Maria Rilkes.

„Requiem-Strophen“ nennt Rihm sein neues Opus, er hat schon rund 200 Orchester- und Kammermusikwerke komponiert, arbeitet sich klassisch-modern an allen Gattungen ab. Auch religiös. Im Jahre 2000 etwa schrieb er für Helmuth Rillings Stuttgarter Bachakademie mit „Deus Passus“ eine Lukas-Passion. Aber in weltliche und sakrale Musik wollte er schon damals nicht unterscheiden: „Ein Streichquartett verdankt sich derselben Energie wie ein vertonter Sequenz-Text.“

Sehnsucht nach ewiger Ruhe

In welche Tradition reiht sich Rihm ein? Nicht „irgendwelche Schreckensbilder vom Jüngsten Tag“ habe er malen, keine „endzeitliche Drohkulisse“ aufbauen wollen, sondern den Fall des homo reus, „des schuldigen Menschen“ ins Bewusstsein rücken. Verdis Requiem von 1874, ein überwältigend operntheatralisches Werk mit einem erdbebenhaften „Dies irae“, bezeichnete Rihm im Programmheft als „geniales Bubenstück“. Ähnlich der „Grande messe des morts“ von Hector Berlioz (1837), dem staatstragenden Spektakel mit vier Blasorchestern und 16 Pauken im „Tuba mirum“. Mit frommem Gottesdienst hatte das nichts mehr zu tun.

Herr, gib ihnen ewige Ruhe: Ein Requiem ist eine Fürbitte für die Toten, dazu da, die Schrecken der Apokalypse zu überwinden, den Glauben an die Auferstehung zu bekräftigen. Ein gutes Werk der Lebenden für die Toten. Papst Pius V. legte im Jahr 1570 die Liturgie fest: Introitius, Kyrie, Graduale, Tractus, Sequenz, Offertorium, Sanctus, Agnus Dei und Communio. Seit dem romantischen 19. Jahrhundert aber treten viele Komponisten sozusagen aus der Kirche aus, schreiben auch fern der Liturgie. Und der evangelische Johannes Brahms kehrte mit seinem „Deutschen Requiem“ die Richtung um: Seine Musik ist für die Lebenden bestimmt, ist Trost für die Trauernden.

Rihm liebt das sanfte, menschliche Requiem Gabriel Faurés und hält sich vor allem an den skeptischen Brahms. So beginnen seine „Requiem-Strophen“ (auf Latein) auch mit dem Propheten Jesaja (40,6-7): „Alles Fleisch ist wie Gras und all seine Herrlichkeit ist wie eine Feldblume.“ Kein Schreckensdonner folgt, Rihms Werk braust selten expressiv auf oder verstärkt mit Schlagwerk das Aufbäumen einer wunden Seele. Im Mittelpunkt steht das Befragen, die Reflexion. Der Chor führt mit zarten harmonischen Reibungen das Wort. Die alte Polyphonie, ein Bach-Choral in neuer, nie verstörender Klangsprache.

Aus vierzehn „Zeilen“ setzen sich die „Requiem-Strophen“ zusammen: in der Kreuzform eines Sonetts. Die Texte neben Auszügen aus der Missa pro defunctis sind: „Der Tod ist groß“ aus Rilkes „Buch der Bilder“, „Der Tod“ von Johannes Bobrowski. Und Hans Sahls namensgebende „Strophen“ als Epilog: „Ich gehe langsam aus der Welt heraus . . .“ Es ist tatsächlich der von zwei Bratschen widerstreitend umspielte Abgesang eines Ermüdeten. „Als wär` ich nie gewesen oder kaum“: keine Totenmesse, eine ersterbende Musik.

Ein kraftvolles Statement war das nicht, eher ein verschleiertes, graues Nachdenken. Großer Beifall. Schon bei der Eröffnung der Elbphilharmonie hatte sich Wolfgang Rihm krankheitshalber entschuldigt (damals erklang von ihm „Reminiszenz“ in memoriam Hans Henny Jahnn), jetzt fehlte er wieder. „Wir wünschen ihm beste Genesung!“, stand im Namen der Musiker auf einem Hinweiszettel. Und das bei der Uraufführung eines Requiem.

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03.04.2017, 06:00 Uhr

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