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Abgewrackte Zukunft

Aus für Windkraft-Prototyp auf der Alb

Das erste Windrad auf der Alb hat ausgedient: Der Prototyp, 1989 mit viel Tamtam eingeweiht, wird abgebaut. Er steht auch sinnbildlich dafür, wie das Land den Anschluss in der Windkraft verpasst hat.

04.02.2013
  • JOACHIM LENK ROLAND MÜLLER

Heroldstatt Das Medieninteresse war riesengroß, als das Windrad im Oktober 1989 nordwestlich von Heroldstatt (Alb-Donau-Kreis) aufgebaut wurde. Kein Wunder: Es war die erste Windkraftanlage der Energie-Versorgung Schwaben AG (EVS), des heutigen Energiekonzerns ENBW. Mit dem Pilotprojekt wollte das Unternehmen eines herausfinden: Ob es sich lohnt, mit Windkraft Strom zu erzeugen. "Wir wollen die Nutzung der Windenergie hierzulande praktisch vorantreiben und der wirtschaftlichen Machbarkeit einen Schritt näherbringen", sagte das damalige EVS-Vorstandsmitglied Peter Schnell. Die Worte klingen heute merkwürdig, denn kein Bundesland hat den Windkraft-Boom danach so verschlafen wie der Südwesten.

Dafür steht auch die Heroldstatter Anlage sinnbildlich. Gemessen an heutigen Maßstäben ist sie ein Winzling: Das Modell der Firma Enercon hat gerade einmal 80 Kilowatt Leistung, der 17 Meter durchmessende Rotor hängt in 28 Metern Höhe. Welche Fortschritte seither gemacht wurden, lässt sich im nicht weit entfernten Berghülen beobachten: Dort wurde vergangenes Jahr ein aktuelles Enercon-Modell aufgebaut. Die Nabenhöhe beträgt 138 Meter, die Rotorblätter sind 39 Meter lang - und die Leistung beträgt mit 2000 Kilowatt das 25-Fache des Urahns. Laut ENBW kann sie den jährlichen Strombedarf von etwa 2500 Haushalten decken.

Der damalige Forscherdrang machte auch vor Experimenten nicht Halt: Im Herbst 1990 wurde auf dem Heroldstatter ENBW-Testgelände eine zweite Windkraftanlage aufgestellt: Es war ein Prototyp, den die Firma Dornier in Zusammenarbeit mit der Flender-Werft entwickelt hatte. Im Gegensatz zu den üblichen Windrädern hatte die Anlage eine vertikale Drehachse (Typ Darrieus). Bei der Einweihung des 25 Meter hohen "Schneebesens", wie die Anlage von der Bevölkerung heute noch liebevoll genannt wird, drückte der damalige Wirtschaftsminister Hermann Schaufler (CDU) den Startknopf. "Auch wenn die umweltfreundliche Stromerzeugung auf der grünen Wiese noch weit von der Wirtschaftlichkeit entfernt ist, hoffen wir, durch die Weiterentwicklung der Aerodynamik und der Leistungselektronik eins Tages damit Geld verdienen zu können", hoffte Schaufler vor 23 Jahren. Ein Vorteil der Darrieus-Anlagen war, dass die Technik wartungsfreundlich in Bodennähe verbaut war. Bald stellte sich aber heraus, dass die Windausbeute gering und das Konzept zu anfällig für Schäden war. Im Jahr 2000 wurde der Versuchsbetrieb mit dem "Schneebesen" eingestellt.

In der Zwischenzeit haben herkömmliche Windräder ihren Siegeszug angetreten - doch ausgerechnet in Baden-Württemberg und bei der ENBW spielte das Thema lange keine Rolle. Wie kaum ein anderes Land machte sich der Südwesten abhängig von der Atomenergie. CDU-geführte Landesregierungen lehnten die Windkraft rundweg ab, der damalige Ministerpräsident Erwin Teufel schnitt mit einem maßgeschneiderten Landesplanungsgesetz der "Verspargelung" der Landschaft mit Windrädern jede Entfaltungschancen ab. Auch die ENBW sprang erst spät wieder auf den Zug auf - zu spät, wie viele Experten heute konstatieren. So gilt die Bewältigung der Energiewende heute als riesige Herausforderung für den angeschlagenen Energiekonzern.

Auch nach dem Regierungswechsel zu Grün-Rot kommt die Windkraft bisher nur schleppend voran: Erst seit 1. Januar gilt das neue Landesplanungsgesetz, das den Ausbau ermöglichen soll. Da viele Projekte ein bis zwei Jahre Vorlaufzeit haben, wird der Aufbruch noch ein wenig auf sich warten lassen. "Richtig mit dem Bauen losgehen wird es wohl erst 2014", sagt ein Sprecher des Landesumweltministeriums. 1200 neue Anlagen sollen bis zum Jahr 2020 entstehen.

2012 wurden nur neun Anlagen gebaut - der niedrigste Wert unter allen Flächenländern. Das Nachbarland Bayern, ebenfalls lange ein Windkraft-Verweigerer, hat den Südwesten abgehängt: 2012 wurde dort mehr als die zehnfache Windkraft-Leistung installiert (siehe Grafik).

Die Tage des 1989 eingeweihten Exemplars in Heroldstatt sind gezählt: Diese Woche beginnt die ENBW mit dem Abbau der Anlage, die seit Jahren wegen eines Generatorschadens stillsteht. Der "Schneebesen" bleibt noch etwas länger, da es sich um die letzte Anlage diesen Typs in Deutschland handelt.

Neue Windräder wird es auf dem Testgelände nicht geben. Heute übliche Modelle wären dort gar nicht mehr genehmigungsfähig.

Aus für Windkraft-Prototyp auf der Alb
Der ENBW-Testrotor bei Heroldstatt (rechts) wird diese Woche abgebaut. Das Windrad des Typs "Schneebesen" hat noch etwas Schonfrist. Foto: Joachim Lenk

Aus für Windkraft-Prototyp auf der Alb

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04.02.2013, 12:00 Uhr

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