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Gezeichnet fürs Leben: Jugendliche Flüchtlinge in Italien

Ausgebeutet von Schleusern und meist traumatisiert

Libysche Menschenhändler gehen immer brutaler gegen Flüchtlinge vor. Ihnen geht es allein um den Profit. Vor allem Kinder kommen deshalb oft schwer traumatisiert auf Lampedusa und Sizilien an.

09.11.2015
  • PHILIPP HEDEMANN

"Ich habe mich an einem Kanister festgeklammert und gebetet. Ich kann doch nicht schwimmen", sagt Ibrahim Traoré (Name geändert). Zusammen mit rund 150 anderen verzweifelten Menschen hatten libysche Schleuser den 17-Jährigen in ein marodes Schlauchboot gesetzt und den Motor gestartet.

Kurz nachdem die libysche Küste außer Sicht geraten war, schlug das Boot leck und sank. Während Ibrahim sich am Kanister festhielt, sah er viele Menschen untergehen und nicht wieder auftauchen. Auch er konnte seinen Kopf kaum noch über Wasser halten, als Fischer ihn schließlich aus dem Meer zogen und zurück nach Libyen brachten. Sechs Monate später bestieg der Malier erneut ein Schleuserboot. Wieder geriet der marode Kahn in Seenot. Beim zweiten Fluchtversuch retteten italienische Marinesoldaten Ibrahim aus dem Meer und brachten ihn nach Sizilien.

Er ist einer von 138 056 Flüchtlingen, die in den ersten neun Monaten des Jahres 2015 über das Mittelmeer nach Italien flohen, 13 629 von ihnen waren Kinder, 9989 flohen wie Ibrahim ohne erwachsene Begleitung. Oft sind Lampedusa, Sizilien und Italien für sie nur Zwischenstationen. Die meisten von ihnen wollen weiter. Nach Deutschland.

"Spätestens nachdem das erste Boot gesunken war, wusste ich, dass die Flucht lebensgefährlich ist. Aber ich wollte lieber schnell im Meer ertrinken, als in Libyen langsam zu Tode gefoltert zu werden", sagt Ibrahim. Nachdem er beim ersten Mal gerettet worden war, war der junge Malier in ein Gefangenenlager gesteckt worden. Dort saßen bereits hunderte andere junge Afrikaner ein. Fast jeden Tag wurden sie von ihren Aufpassern mit Stöcken, Eisenstangen, Ketten und Gewehrkolben geschlagen. Oft wurden sie gezwungen, währenddessen ihre eigenen Mütter im Tausende Kilometer entfernten Nigeria, Gambia, Mali, Eritrea Somalia, Äthiopien, Senegal und Sudan oder Freunde und Verwandte, die es bereits nach Europa geschafft hatten, anzurufen. Die live übertragenen Schreie sollten die Angehörigen dazu bringen, das von den Folterschergen geforderte Geld aufzubringen. Erst dann würden sie die Söhne, Ehemänner und Familienväter freilassen und an Schlepperbanden übergeben.

Doch Ibrahim kannte niemanden, der so viel Geld hatte. Nach vier Wochen Folter, Durst, Hunger und Hitze war er fast tot und damit für seine Peiniger wertlos geworden. Um Platz für Flüchtlinge mit zahlungskräftigeren Verwandten zu machen, legten die Gefängniswärter ihn zum Sterben vor das Tor. Doch Ibrahim starb nicht. Langsam kam er wieder zu Kräften und heuerte in der Hauptstadt Tripolis als Tagelöhner an.

Nach sechs Monaten hatte er die 650 Dinar (umgerechnet 415 Euro) zusammen, die Menschenhändler für einen Platz im Schlauchboot verlangten. Immer mehr Männer, Frauen und Kinder pferchen die libyschen Schleuser nach Erhebungen der Internationalen Organisation für Migration in immer schlechteren Booten zusammen. Zudem sei der Gesundheitszustand vieler Flüchtlinge schon vor der lebensgefährlichen Überfahrt nach langen Aufenthalten in libyschen Gefangenenlagern äußerst schlecht. So wie bei Ibrahim.

Ein paar Tage nach seiner Rettung durch italienische Soldaten sitzt er in einer Erstaufnahmeeinrichtung für unbegleitete jugendliche Flüchtlinge irgendwo im sizilianischen Hinterland und sagt: "Ich möchte arbeiten. In Mali habe ich Kamele gehütet." Er weiß, dass dort, wo er jetzt ist, keine Kamelhirten gesucht werden. Und trotzdem ist er sich sicher, dass er schon bald einen Job finden wird. "Ich habe es geschafft, lebend in Europa anzukommen. Dann schaffe ich es auch, das zu lernen, was man hier braucht, um arbeiten zu können", sagt der 17-Jährige trotzig.

Doch bislang hat der Junge mit den großen Plänen nur kleine Fortschritte gemacht. Bereits vor Wochen hätte der Italienischunterricht in der ehemaligen Schule, in der Ibrahim mit 15 anderen Jungs aus Afrika untergebracht ist, beginnen sollen, aber der Lehrer ließ sich nicht blicken. "Die Regierung ist vom Flüchtlingsansturm völlig überfordert. Es wäre so wichtig, dass die jungen Flüchtlinge möglichst schnell Unterricht erhalten und in Pflegefamilien untergebracht werden. Je länger sie in abgelegenen Heimen auf dem Abstellgleis geparkt sind, desto schwieriger wird ihre Integration", sagt Michele Prosperi von "Save the Children". Die internationale Kinderschutzorganisation ist mit Sozialarbeitern stets am Anleger, wenn aus Seenot gerettete Flüchtlinge in den sizilianischen Häfen ankommen und achtet darauf, dass noch minderjährige Flüchtlinge in speziellen Einrichtungen untergebracht werden, in denen sie Rechtsberatung, geschützte Räume zum Spielen und Kindsein und, wenn nötig, psychotherapeutische Unterstützung erhalten.

"Alle Kinder und Jugendlichen, die bei uns ankommen, haben auf der Flucht Gewalt erlebt, manche wurden sogar gezwungen, selbst Gewalt auszuüben. Einige Jungs leiden unter Panikattacken und werden Bettnässer. Aber in Italien haben wir nicht genug Psychologen, die auf die Behandlung der Flucht-Traumata spezialisiert sind", sagt Heimleiterin Maria Rosaria. Oft fällt es der Psychologin schwer, zu Ibrahim und den anderen jungen Flüchtlingen vorzudringen. "Wenn ich im Gefängnis in Libyen nach Essen oder Wasser gefragt habe, haben die Männer mich mit dem Gewehr geschlagen. Irgendwann habe ich aufgehört zu fragen", sagt Ibrahim. Das Misstrauen gegenüber Erwachsenen sitzt tief. Eine Psychologin um Hilfe zu bitten, fällt nicht nur dem pubertierenden Jungen schwer.

Auch viele Patienten von Massimo Turco haben Berührungsängste. Der Psychologe arbeitet in Cara di Mineo, dem größten Aufnahmelager für Flüchtlinge in Europa. Rund 3000 Menschen sind in der ehemaligen amerikanischen Militärbasis im Osten Siziliens untergebracht. Die meisten von ihnen sind junge Männer aus Westafrika, fast alle wurden während ihrer Flucht misshandelt, viele von ihnen leiden unter Depressionen.

"Vor allem jene, die zusehen mussten, wie die eigenen Kinder, Verwandten oder Freunde ertrunken sind, leiden. Manche haben sogar ein schlechtes Gewissen, dass ausgerechnet sie die Flucht überlebt haben", sagt Turco. Viele der weiblichen Flüchtlinge wurden zudem auf ihrem Weg nach Europa vergewaltigt. Doch die meisten von ihnen sind zu verletzt oder zu stolz, um professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Auch die 34-jährige Joy (Englisch für Freude) aus Nigeria hat nie einem Psychologen erzählt, dass sie aus ihrer Heimat floh, nachdem ihr Vater ihre sechs älteren Geschwister in Kulthandlungen opferte und sie die nächste sein sollte. Sie hat keinem Therapeuten berichtet, dass ihre Söhne Gift (Geschenk) und Godstime (Gotteszeit) und ihr Mann Charles bei einem Granatenangriff in Libyen getötet wurden und sie während der Flucht mehrfach vergewaltigt worden ist, bevor sie schließlich mit ihrer fünf Jahre alten Tochter Precious (Wertvoll) und ihrer drei Jahre alten Tochter Divine (Göttlich) in Cara di Mineo ankam. "Das Leben muss weitergehen", sagt die vierfache Mutter in der Flüchtlingsunterkunft.

Doch das Leben geht für viele nigerianische Frauen in Sizilien auf dem illegalen Straßenstrich weiter. Schon am frühen Morgen stehen sie am Wegesrand. Ab zehn Euro bieten sie sich an, um ihre Schulden bei internationalen Schlepperbanden abzubezahlen. Da die meist nigerianischen Zuhälterinnen den oft noch sehr jungen Frauen drohen, sie mit einem tödlichen Voodoo-Zauber zu belegen, trauen die wenigsten Zwangsprostituierten sich, aus dem menschenverachtenden System auszubrechen.

Ibrahim muss keine Schulden abbezahlen. Dennoch will er so schnell wie möglich Geld verdienen, um seine Familie in Mali zu unterstützen. Doch von anderen Flüchtlingen hat er gehört, dass der Süden Italiens seit Jahren unter einer Wirtschaftskrise leide, Flüchtlinge dort höchstens als illegal beschäftigte und schlecht bezahlte Erntehelfer Gelegenheitsjobs fänden. Dafür will Ibrahim nicht sein Leben riskiert haben.

Der Malier: "Ich will nach Deutschland. Ich habe gehört, dass Flüchtlinge dort willkommen sind und dass es dort für alle, die hart arbeiten wollen, Jobs gibt."

Ausgebeutet von Schleusern und meist traumatisiert
Die Nigerianerin Joy mit ihren Töchtern: "Das Leben muss weitergehen". Ihr Mann und zwei Söhne wurden in Libyen getötet. Foto: Philipp Hedemann

Ausgebeutet von Schleusern und meist traumatisiert
Ibrahim aus Mali mit einer Flüchtlingsbetreuerin: Alle Jugendlichen erleben auf ihrer Flucht Gewalt. Foto: Philipp Hedemann

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09.11.2015, 12:00 Uhr

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