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Ausschreitungen in Paris
Demonstranten sind nach einer TV-Ansprache des Präsidenten am Donnerstag spontan zum Élysée-Palast marschiert. Foto: afp
Nach einer Fernsehansprache des Präsidenten eskaliert die "Nuit debout"

Ausschreitungen in Paris

Jugendliche proben in Frankreich jede Nacht den friedlichen Aufstand gegen die soziale Ungerechtigkeit. Ein Besänftigungsversuch des Präsidenten im Fernsehen mündete am Donnerstag in Ausschreitungen.

16.04.2016
  • PETER HEUSCH

Paris. Wie groß der Graben zwischen der französischen Jugend und dem rekordverdächtig unpopulären Präsidenten François Hollande ist, zeigte sich am Donnerstagabend. Seit zwei Wochen versammeln sich auf dem Pariser Place de la République Hunderte zumeist junge Menschen zur "Nuit debout" (Nacht im Stehen), um dort soziale Missstände anzuprangern und einen radikalen Wandel der Gesellschaft zu fordern.

In einer Fernsehsendung zur besten Sendezeit versuchte Hollande nun, seine Reformen zu verteidigen und den Jugendprotesten die Spitze zu nehmen. Zumindest letzteres scheiterte kläglich. Empörte Zwischen- und Buhrufe schallten über den Place de la République, wo an die tausend Jugendliche die TV-Debatte live verfolgten, als der Präsident erklärte, dass es dem Land zwar nicht gut, aber besser ginge seit seinen Amtsantritt.

Wenig später kochte der Unmut über. Da hatte Hollande die hohe Jugendarbeitslosigkeit von über 25 Prozent mit dem Hinweis beschönigt, dass sie immerhin noch unter dem EU-Durchschnitt läge (der in Wahrheit 6 Punkte niedriger ist). Dem Aufruf einiger Studenten, zum Elysée Palast zu marschieren und dem Präsidenten die Meinung zu geigen, folgten an die 300 Demonstranten. Als die Polizei den Zug mit einem Großaufgebot stoppte, kam es zu straßenschlachtähnlichen Szenen, bei denen Schaufensterscheiben eingeschlagen und Geschäfte geplündert wurden.

Auf der Place de République kam es zeitgleich ebenfalls zu Ausschreitungen. Weil Aktivisten Wurfgeschosse auf die Polizisten schleuderten, setzten diese Tränengas ein. Obwohl sich in den vergangenen Tagen schon mehrfach Krawallmacher unter die Debattierenden gemischt hatten, war es das erste Mal, dass eine "Nuit debout" in offener Gewalt mündete.

Bislang nämlich fanden die Nachtwachen in einer friedlichen Atmosphäre statt, die auch vor der Fernsehsendung noch herrschte. Oder in der Nacht zuvor, als etwa Christine erklärte, dass "die Politiker sich den wirklichen Problemen nicht mehr annehmen wollen". Die 24-jährige Studentin trug ein Schild um den Hals, auf dem in großen Buchstaben "Freiheit provisorisch, Gleichheit lachhaft, Brüderlichkeit zufällig" steht. In Frankreich, so erklärt sie ihren Zuhörern, herrsche nur noch eine Illusion von Demokratie. In Wirklichkeit seien es die Wirtschaft, die Lobbyisten und die Banken, die den Ton angeben.

Andere Gesprächskreise, andere Themen. Um Umweltschutz geht es da, um eine humanere Aufnahme von Flüchtlingen, um die "überfällige Reform" des Wahlsystems, um die "Panama Papers", gegen den Ausnahmezustand und die Anti-Terror-Gesetzgebung, um die hohe Jugendarbeitslosigkeit, ja sogar um das neue Prostitutionsgesetz. Wer da nach einer Synthese sucht, wird sie am ehesten in dem von beinahe allen geteilten Gefühl finden, in einer blockierten Gesellschaft zu leben. Die Medien fragen sich, ob Frankreich gerade den Beginn einer großen antikapitalistischen Protestbewegung erlebt, wie sie die USA mit "Occupy Wall Street" gekannt haben oder wie in Spanien, wo sich die "Indignados" gegen die sozialen Verhältnisse auflehnten.

Entstanden ist "Nuit debout" im Umfeld des Widerstands gegen die Arbeitsrechtsreform, mit der die Regierung den Kündigungsschutz und die 35-Stunden-Woche lockern will. Nach einem landesweiten, von Gewerkschaften, Schüler- und Studentenverbänden organisierten Protesttag am 31. März gingen viele Demonstranten einfach nicht nach Hause. Sie blieben seither nicht unter sich, sondern haben mittlerweile auch Nachahmer in rund 100 weiteren französischen Städten gefunden.

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16.04.2016, 06:04 Uhr

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