Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Dank des namensgebenden Besuchers blieb das Goethe-Türmchen der Stadt teuer

„Aussicht auf das Ammerthal und das Neckarthal zugleich“

Schon die ältesten Tübinger Flurkarten zeigen an der Schlossbergstraße ein kleines achteckiges Gartenhaus. Wahrscheinlich wäre es längst – wie so viele andere auch – verschwunden, hätte hier nicht einst ein bedeutender Dichter für ein paar abendliche Stunden Einkehr gehalten. Am 7. September1797 war hier Johann Wolfgang Goethe zu Gast. Er wurde begleitet von seinem Verleger Johann Friedrich Cotta und dem Apotheker Christian Gmelin, dem das Gartenhäuschen damals gehörte.

27.04.2011

Von Udo Rauch, Stadtarchiv Tübingen

In seinem Tagebuch

Zinnenbewehrt präsentierte sich das alte Gartenhaus nach einem Umbau vor über hundert Jahren. Als Denkmal geschützt und rustikal herausgeputzt ist es in der Gegenwart angekommen.

Goethe, der den Ausblick von hoher Warte schätzte, hat seinen Aufenthalt in seinem Tagebuch überliefert: „Ich machte bei ihm [Cotta] die Bekanntschaft mit Herrn Dr. Gmelin und gieng gegen Abend mit beiden die Gegend zu sehen. Aus dem Garten des Dr. Gmelin hatte man die Aussicht auf das Ammerthal und Neckarthal zugleich.“

Der hohe Besuch im Gartenhaus sollte in der Folgezeit nicht mehr in Vergessenheit geraten und verschaffte dem Ort in Tübingen eine besondere Aura. Er sollte das Häuschen zwar vor dem Abbruch bewahren, nicht aber vor mancherlei Umgestaltung. Dies belegt das Foto des Stadtarchivs, das um 1900 entstanden sein dürfte. Der Garten gehörte damals dem „Lamm“-Wirt Friedrich Bayha. Er hatte ihn 1870 erworben und bald darauf das Häuschen mit den abgebildeten Zinnen bekrönt.

Diese Veränderung wurde später öffentlich kritisiert. Leider habe Bayha eine ältere Zeichnung des Türmchens nicht gekannt, sonst hätte er es in seiner ursprünglichen Form wieder hergestellt, liest man in den Tübinger Blättern von 1898.

Die Zinnen blieben

Der Goethe-Turm im Bayha'schen Garten auf dem Burgholz; von Oesterlen um 1865 vor dem Umbau durch Friedrich Bayha.

Wie auch immer, die Zinnen waren nun einmal da und blieben auch in den nächsten Jahrzehnten. Wann sie wieder entfernt wurden, lässt sich heute nicht mehr genau sagen, möglicherweise aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg.Gegen Ende der 1950er Jahre geriet das Häuschen in die Schlagzeilen. Das „Goethehäuschen steht auf dem Spiel“, schrieb am 9. Mai 1957 das TAGBLATT. Ein Stuttgarter Fabrikant wollte das Grundstück erwerben, um darauf zu bauen. Er bot der Familie Bayha den damals sagenhaften Preis von 75000 Mark. Nun war eine empfindliche Störung der Idylle zu befürchten, vielleicht sogar der Abbruch des Häuschens, das damals noch nicht unter Denkmalschutz stand.

Stadtverwaltung und Gemeinderat handelten schnell und wollten das Grundstück für die Stadt erwerben. Allein es fehlte am notwendigen Geld, zumal man den Verkehrswert auf maximal 40000 Mark taxierte und nicht bereit war, den überteuerten Preis zu akzeptieren. In dieser ausweglosen Situation trat schließlich der Fabrikant Paul Zanker auf den Plan, der durch eine Spende in Höhe von 25000 Mark den Erwerb des Anwesens ermöglichte.
1961 sanierte die Stadt ihr wohl prominentestes Gartenhäuschen grundlegend und ließ es bei der Gelegenheit für 17000 Mark noch einmal völlig umgestalten.

Obwohl man nun die ältesten Ansichten vorliegen hatte, wurde wiederum kaum Rücksicht darauf genommen. An die Stelle der alten steinernen Außentreppe trat eine Stiege aus Metall. Der Putz wurde abgeschlagen und das konstruktive Fachwerk freigelegt. Auch das Innere wurde verändert. Die Turmstube im Obergeschoss wurde wohnlich hergerichtet und mit einem runden Tisch ausgestattet, der Platz für zwölf Personen bot. Im Erdgeschoss ließ man eine kleine Küche einbauen. Damit sollte das Häuschen künftig für „kleinere offizielle Veranstaltungen und Empfänge der Stadt“ gerüstet sein. Im ebenfalls hergerichteten Garten wollte man künftig „bei idyllischem Lampionschein (...) vielleicht ein wenig vom Geist Goethes inspiriert und beschwingt“ sein.

Nicht einhellig begrüßt

Das Goethe-Häuschen.

Die Veränderungen wurden seinerzeit nicht einhellig begrüßt. Stadträtin Hedwig Rieth (SPD) kritisierte den Stil, in dem man das Türmchen renoviert hatte. Sie sehe nicht ein, „warum man aus dem Raum eine Art altdeutsche Weinstube gemacht (...) habe“. Außerdem habe man „baugeschichtlich nicht auf das Rücksicht genommen, was vorhanden gewesen“ sei.

Ein TAGBLATT-Leserbriefschreiber kritisierte, dass man die „gemütlich gewundene Steintreppe“ abgerissen hatte und fühlte sich bei der neuen Stiege an eine „Feuerwehrleiter“ erinnert: „Soll dieser Raum im ersten Stock (...) nun wirklich ein Trinkerzimmer werden? Dann bin ich gespannt, wie viele Zecher die Treppe herunterpurzeln.“ Sein Fazit: „Schade, dass dieses so entzückende Türmchen nicht unter Denkmalschutz steht, denn sonst wären solche stillosen Veränderungen beim Umbau nicht vorgekommen!“.

Seinem Wunsch wurde später tatsächlich entsprochen und das Häuschen als Baudenkmal geschützt. Allerdings konnte der Denkmalschutz die Idylle an der Schlossbergstraße trotzdem nicht bewahren. Vor vier Jahren wurde der benachbarte Garten mit Wohnhäusern bebaut, so dass das Türmchen mittlerweile ziemlich eingeklemmt sein weiteres Dasein fristen muss.

Zum Artikel

Erstellt:
27. April 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
27. April 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 27. April 2011, 12:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen