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Er sammelte alles Alltägliche

Ausstellung: „Otto – ein Mössinger Leben“

Steinhilber, ein gängiger Name in Mössingen. Aber „Otto“ war ein ganz Besonderer. Nach fünf Minuten, erzählte gestern Hermann Berner, hat er fast jeden geduzt. Jetzt hat ihm der Museumsleiter eine eigene Ausstellung gewidmet.

27.09.2012
  • Ernst Bauer

Mössingen. „Otto – ein Mössinger Leben“ heißt die reich bebilderte Schau, die am Freitag in der Kulturscheune eröffnet wird und dort dann bis kurz vor Weihnachten, bis zum 19. Dezember, zu sehen ist. An Ausstellungsmaterial mangelt es nicht. Denn dieser Otto Steinhilber (1918 – 1995) war ein unglaublicher Sammler vor dem Herrn. In der Ausstellung ist selbst jene russische Gewehrkugel zu sehen, die ihn im Krieg knapp verfehlte. Er hatte sie aus dem Holz gekratzt und heimgeschickt. „Er hat schon einen Sammeltick gehabt“, sagt Berner.

Aber der Mössinger Museumsleiter hat von diesem Mann auch viel erfahren: „Er war heimatgeschichtlich absolut der Fachmann, er war ortsbekannt, ein sehr freundlicher, liebenswerter Mensch.“ Als Berner in Mössingen 1985 anfing, empfahl ihm der damalige Bürgermeister Hans Auer ein Besüchle bei dem geschichtskundigen Privatforscher. Jener „war hocherfreut“, entsinnt sich Berner – „und von da an fast jeden Tag bei mir“.

Aufgewachsen ist Otto Steinhilber in ärmlichen Verhältnissen; als Sohn eines Schneiders auf der Hilb, einem Viertel am Ortsrand, ist er dort wohl „auch etwas in das linke, rote Mössingen reingerutscht“, wie Berner sagt. Er ging als Kind mit in den Arbeiterturnverein. Beim Generalstreik 1933 war Steinhilber jedoch nicht dabei – weil er auswärts arbeiten musste; als 14-Jähriger hatte er in Stetten bei Hechingen in der Schuhfabrik Wolf angefangen. Dass er beim „wichtigsten Ereignis, das je in Mössingen stattfand“, nicht dabei sein konnte, hat ihn zeitlebens gefuchst. Doch, so Berner: „Er ist einer der wenigen gewesen, der das linke Mössingen immer hochgehalten hat.“

Die Ausstellung widmet diesem Ereignis denn auch ein eigenes Kapitel – und leitet damit gewissermaßen schon zur nächsten Ausstellung zum 80. Jahrestag 2013 über: „Otto und der Generalstreik“; die anderen Abteilungen beschäftigen sich mit „Ottos Kindheit und Jugend“, „Otto im Krieg“, „Otto als Heimatforscher“, und obendrein ist noch ein Gutteil seiner „Akten“, der ganzen Ordner und Bücher in der Ausstellung zu finden, neben einem alten Buffet, einem Leiterwagen aus der Kindheit, mit schöner Senftopf-Geschichte, unzähligen Fotos, Briefen, Brillen – „er sammelte alles, was irgendwie alt war“, so Berner, und „hat alles aufgeschrieben“.

Leben im Wandel vom Bauerndorf zur Stadt

So sind denn auch seine „Memoiren“, rund 350 Seiten, handgetippt, mit der wertvollste Schatz aus dem Fundus, den Otto Steinhilbers Tochter jetzt dem Museumsleiter überlassen hat, auf Dauer. Er sah das auch als seine Lebensaufgabe an, sagt Berner: „Alles aufzubewahren, was mit Krieg und Faschismus zu tun hat“ – und der Nachwelt vor Augen zu führen.

Für den Museumsleiter war vor allem faszinierend – deshalb hat er auch die Ausstellung gemacht –, wie sich in „Ottos“ Biografie die Zeitgeschichte spiegelt: „Er lebte in einer Zeit, in der sich in Mössingen ungeheuer viel verändert hat. Er erlebt den Wandel vom Bauerndorf zur Stadt. Er macht das linke Mössingen mit, Krieg und Nachkriegszeit.“ Und er schreibt alles auf, wird zum Chronisten. So legte Steinhilber etwa auch ein Fotoalbum an: „Häuser, die es nicht mehr gibt“.

Ein Mann mit ganz praktischem Verstand. 1939 hat er noch schnell geheiratet, Rosa Vogt aus Belsen, sie bekam das Kind, als er in Rußland war. Er schrieb: „Krieg verroht die Menschen.“ Er war nebenher Kleinerwerbslandwirt, hielt Ziegen, Hühner, Hasen. Für die Museumsarbeit war er „eine wichtige Adresse“, für den Museumsleiter „Ratgeber und Fragesteller in einer Person“.

Info „Otto – ein Mössinger Leben“: Ausstellung in der Mössinger Kulturscheune (neben der Peter- und Paulskirche); Eröffnung Freitag, 19.30 Uhr; Hermann Berner führt ein..

Ausstellung: „Otto – ein Mössinger Leben“
„Er war einer der wenigen, der das immer hochgehalten hat“: Ausstellungsmacher Hermann Berner (links) mit „Otto“ (groß im Bild) und seiner Museums-Mitarbeiterin Ulrike Michael, die gestern mit ihm in der Kulturscheune letzte Hand anlegte; vor allem die Vitrinen waren noch zu bestücken.Bild: Franke

In dem TAGBLATT-Band „Noch mehr Mössinger Geschichte(n)“ hat Museumsleiter Hermann Berner 2004 ein eigenes Kapitel über Otto Steinhilber verfasst. Titel: „Der ‚Ortschronikel‘“ – dahinter steckt eine kleine Anekdote für sich. Eigentlich sollte es „Ortschronist“ heißen. Steinhilber war gleichwohl stolz auf diesen speziellen Titel.
Ortsgeschichtlich ein Denkmal gesetzt hat er sich durch die Entdeckung eines „Geheimgangs“ zur Peter- und Paulskirche. Er habe immer wieder die kleinen Dinge des Tages beschrieben, „die einen Blick auf die große weite Welt erlauben“, so Berner in den Mössinger Geschichten (bei uns noch erhältlich).

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27.09.2012, 12:00 Uhr

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