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Scharfe Worte, scharfe Waffen

Ausstellung zeigt die dunkle Vergangenheit des schwäbischen Schriftstellers Thaddäus Troll

Thaddäus Troll gilt als einer der bekanntesten schwäbischen Mundartdichter. Worüber der Satiriker jedoch stets schwieg: E r hat den Zweiten Weltkrieg hautnah miterlebt und in Zeitungen linientreu berichtet.

07.11.2015
  • MADELEINE WEGNER

Tübingen "Der Sieg" hatte einen festen Platz in Hans Bayers Bücherschrank. In der Armee-Zeitung, die den Kampfeswillen der deutschen Soldaten im Zweiten Weltkrieg stärken sollte, hatte er als Kriegsberichterstatter und als Chefredakteur zahlreiche Berichte veröffentlicht. Immer wieder holte ihn seine Vergangenheit ein. Doch auch als Bayers Töchter diese dunklen Boten der Vergangenheit im heimischen Regal entdeckten, schwieg er.

Wenige wissen, dass Hans Bayer der traumatisierte Mann war, der sich hinter dem Pseudonym Thaddäus Troll verbarg. Eine Ausstellung - bis 31. Januar im Museum der Universität Tübingen - beleuchtet Bayers Vergangenheit als Kriegsreporter. Sie war erstmals im vergangenen Jahr in der Topographie des Terrors in Berlin dargestellt.

Die schwarz-weißen Ausstellungstische schlängeln sich durch den Rittersaal im Schloss und verfolgen die Lebensjahre Hans Bayers während der NS-Diktatur. Schon Ende des Jahres 1939 hatte sich Hans Bayer um Aufnahme in die Propaganda-Kompanie (PK) beworben. Der junge Bayer wollte journalistisch arbeiten, aktiv von Kriegseinsätzen der Wehrmacht berichten. Er wurde zunächst abgelehnt, erhielt im Oktober 1940 aber doch eine Zusage. Bayers Reaktion: "Freudentaumel".

"Der PK-Mann ist kein Berichterstatter im herkömmlichen Sinn, sondern ein Soldat. Neben Pistole und Handgranate führt er noch andere Waffen bei sich: die Film-Kamera, die Leica, den Zeichenstift oder den Schreibblock", stellte Joseph Goebbels 1941 fest. Als PK-Mann begleitet Bayer die deutschen Truppen Richtung Moskau. In politisch genehmer Form berichtete er über den schnellen Vormarsch. Seine Texte, Portraits und Bildreportagen erschienen nicht nur in Armee-Zeitungen, sondern auch in regulären Blättern: Die Heimat sollte am unmittelbaren Geschehen an der Front teilhaben.

Bayer war mehrmals im Warschauer Ghetto, er stilisierte Kommandeure zu Helden, berichtete über die angeblich jahrelange Unterdrückung der Volksdeutschen. Worüber er nicht berichtete: die Verbrechen an Kriegsgefangenen, an der jüdischen Bevölkerung, an vermeintlichen oder tatsächlichen Partisanen. Er wusste davon, hatte viele Verbrechen mit eigenen Augen gesehen, selbst in seinem Tagebuch deutet er sie allenfalls an.

Im Juli 1941 schreibt Hans Bayer: ". . . wenn ich dann abends wach liege und darüber nachdenke, was ich erlebt habe, so staune ich nur, wie man das alles sehen kann, ohne innerlich völlig durchgeschüttelt zu werden, wie kaltblütig und hart man zu handeln vermag, wenn es notwendig ist." Einen Monat später bemerkt er, der Krieg sei schrecklich, doch habe die Gefahr etwas "ungemein Lockendes an sich".

1943 verlässt Bayer Warschau, um die "Sieg"-Redaktion in Kiew zu unterstützen. Dort kümmert er sich vor allem um feuilletonistische Texte, die politischen Berichte überlässt er einem überzeugten Nationalsozialisten. 1944 - als Chefredakteur - kehrt er zu propagandistischeren Themen zurück. In seinem 1945 ausgefüllten Entnazifizierungsbogen betont er, "keine politischen Arbeiten" gemacht zu haben.

Die Unterstützung des NS-Regimes hat sich Bayer wohl den Rest seines Lebens vorgeworfen. 1972 schrieb er in einem Brief: "Ich kann nur mit tiefer Scham auf das zurückblicken, was ich im Krieg gesehen und erlebt habe und dass ich nicht den Mut hatte, mich wie die Widerstandskämpfer des 20. Juli gegen diese Gewalt aufzulehnen." Nach Kriegsende trat er jeglichen radikalen Tendenzen in der Bundesrepublik aktiv entgegen. Er gründete die

politisch-satirische Zeitschrift "Das Wespennest", war Mitglied des internationalen Schriftstellerverbandes P.E.N. und warb 1969 für die Wahl Willy Brandts zum Bundeskanzler.

In seinem 1972 verfassten "Nachruf auf die eigene Person" bekannte Bayer: ". . . ging er nicht den Weg des gefährlichen, sondern des geringsten Widerstands. arrangierte sich, versuchte, sich ohne allzu große Zugeständnisse durchzumogeln, durchzumauscheln, zu überleben". 1980 beging Bayer, der unter Depressionen litt, Selbstmord.

Ausstellung zeigt die dunkle Vergangenheit des schwäbischen Schriftstellers Thaddäus Troll
Eine Ausstellung wie eine verschlungene Lebenslinie: Hans Bayer als Kriegsberichterstatter. Foto: Madeleine Wegner

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07.11.2015, 12:00 Uhr

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