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Reinrassiges Studium

Ausstellung zur „Universität im Nationalsozialismus“ auf Schloss Hohentübingen

Die Universität betrachtet es als ihre Verpflichtung, zur Aufklärung der Universitätsgeschichte im Nationalsozialismus beizutragen. Einen Beitrag zur Aufarbeitung leistet die Jahresausstellung „Forschung, Lehre, Unrecht“ – sie beleuchtet den Einfluss der NS-Ideologie auf Forschung, Lehre und Studium.

22.05.2015
  • Lorenzo Zimmer

Tübingen. Inmitten der hellen Gipsskulpturen im lichtdurchfluteten Rittersaal im Museum der Universität auf Schloss Hohentübingen sind sechs schwarze Kuben der Öffentlichkeit zugänglich. In ihnen: die dunklen, die braunen Jahre der Wissenschaft und Lehre in Tübingen. Die Ausstellung ist auf sechs Themenschwerpunkte aufgeteilt. Ernst Seidl, Leiter des Museums, eröffnete gestern Abend die Jahresausstellung mit dem Titel „Forschung, Lehre, Unrecht. Die Universität Tübingen im Nationalsozialismus.“

„Die dunklen Würfel symbolisieren die Düsternis, in die der Besucher eintauchen kann, wenn er sich mit der Thematik befasst“, sagt Seidl über das Gestaltungskonzept. Sie sind außerdem um 12 Grad zur Mittelachse des rechteckigen Saals verdreht – zwölf Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten. „Wenn man in einem Kubus steht, ist man in ihm gerade und klar orientiert, doch zur Umgebung, zum Saal drumherum, ist die Ausrichtung verquer“, sagt Seidl. Auch das passe zu den Geschehnissen im „Dritten Reich“.

Jeder der sechs Würfel ist einem eigenen Themenbereich gewidmet – im Gesamten ergeben alle Exponate ein erschreckendes Bild von der Gleichschaltung der Universität und ihrer Einordnung in die Hierarchie der Nationalsozialisten. „Diese Ausstellung ist wegen der Komplexität des Themas ein großes Wagnis“, beschreibt Seidl die Überlegungen und Schwierigkeiten bei den Vorbereitungen. Sie begleitet zusammen mit der Ausstellung zur rassenbiologischen Forschung von Hans Fleischhacker und einer Filmreihe im Kino Museum die Jahresvorlesungen des Studium Generale.

Rassenideologie strahlte in alle Disziplinen

Im ersten Würfel, der sich mit der Struktur und Organisation der Uni zwischen 1933 und ´45 befasst, blickt der „Führerrektor“ Herrmann Hoffmann dem Besucher streng entgegen. Er ließ sich in SA-Uniform porträtieren, an seinem Arm prangt die Kampfbinde mit Hakenkreuz. Einzig die prunkvolle Rektorenkette um seinen Hals deutet auf seine universitäre Funktion hin. Seinen Posten erlangte Hoffmann 1937 schon nicht mehr durch Senatswahlen. Er wurde wegen seiner „Linientreue“ vom Reichswissenschaftsminister zum Rektor der Universität ernannt.

Im zweiten, dritten und vierten Kubus, die sich mit Natur-, Geistes- und Kulturwissenschaften und der Lehre im Allgemeinen befassen, wird deutlich wie sehr das ideologische Verständnis von Rasse und Volk Einzug in den Lehr- und Forschungsalltag an der Universität hielt. Am Institut für Ur- und Frühgeschichte versuchten die Forscher zu beweisen, dass die germanische Kultur als erste der Welt hochentwickelt war. In der Zoologie wurde – analog zum Menschenbild der Nationalsozialisten – nach „herrenrassischen“ Merkmalen bei Tieren gesucht. Alle Wissenschaftsdisziplinen ordneten sich der Ideologie unter. „Dabei ging es den Professoren natürlich auch um Fördergeld. Das gab es für Projekte nur dann, wenn sie ins Weltbild passten oder es stützten“, erklärt Seidl.

Im fünften Würfel erinnert eine lange Liste, rekonstruiert aus den Leichenbüchern der Anatomie, an die Opfer von Arbeitslagern und Kriegsgefangenschaft, die nach ihrem Tod der medizinischen Forschung an der Universität zugeführt wurden. Einige von ihnen wurden gezielt ermordet, andere erfroren in Lagern oder erlagen ihren Krankheiten und Verletzungen.

Schließlich dokumentiert die Ausstellung die Aufarbeitung der Nazi-Herrschaft nach 1945 in einem weiteren Kubus. Zunächst wurden Verdrängung und Verschweigen praktiziert – viel später, erst ab der 1980-er und 1990-er Jahre kam es zu einer kritischen Aufarbeitung des Themas. Dazu soll auch die Ausstellung dienen, die ihren Besucher bildhaft vor Augen führt, wie sich die Ideologie des „Führers“ durch die Flure bis in jeden Hörsaal und jedes Studienzimmer zog. „Die Aufarbeitung ist bis heute ein wichtiges Projekt und lässt uns nicht los“, sagt Seidl.

Ausstellung zur „Universität im Nationalsozialismus“ auf Schloss Hohentübingen
Im einem der sechs Kuben blickt der „Führerrektor“ Herrmann Hoffmann in SA-Uniform dem Besucher streng entgegen, rechts liegt seine Totenmaske.Bilder: Metz

Ausstellung zur „Universität im Nationalsozialismus“ auf Schloss Hohentübingen
Anhand von präparierten, ungewöhnlich großen Tauben versuchten Tübinger Zoologen rassenbiologische Ansätze auf das Tierreich zu übertragen.

Die Ausstellungen „In Fleischhackers Händen“ und „Forschung, Lehre, Unrecht“ laufen parallel im Museum der Universität und begleiten die Vorlesungen des Studium Generale. Die Ausstellung zum Anthropologen Hans Fleischhacker läuft bis 28. Juni, die Jahresausstellung zur Universität im Nationalsozialismus bis 13. September (Öffnungszeiten: Mi, Fr - So 10 bis 17 Uhr, Do 10 - 19 Uhr).

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22.05.2015, 12:00 Uhr

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