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Krieg in Syrien hindert Tübinger Forscher daran, weiter in Qatna zu graben

Auswertung ist angesagt

Den zweiten Sommer schon sind die Tübinger Altorientalisten um Professor Peter Pfälzner daran gehindert, in der altsyrischen Königsstadt Qatna zu graben. Stattdessen werten sie verstärkt aus. Froh sind sie darüber, dass die antike Stätte vom Krieg bisher verschont blieb.

11.08.2012
  • raimund weible

Tübingen. Das Malheur Peter Pfälzners war für die Teilnehmer der Tübinger Sommeruniversität ein Glücksfall. Im August befindet er sich normalerweise in Syrien, um die Forschungen in den Ruinen des altsyrischen Stadtreichs Qatna zu leiten. Aber wegen des Kriegs ist der Aufenthalt auch für Archäologen in Syrien schon seit 2011 unmöglich. Und so hatte Pfälzner gestern Zeit, im Hörsaal des Theologicums vor gut 150 Teilnehmern über die Aufgabe seines Lebens zu berichten – und wie es in Qatna derzeit aussieht.

Die Stadt, die von einem Wallgeviert von jeweils 1000 Meter Seitenlänge eingefasst ist, liegt nur 18 Kilometer von Homs entfernt, einem Schwerpunkt der Gefechte. Pfälzner zeigte ein Bild von den Zerstörungen in der Innenstadt. „Ein Trümmerfeld“, sagte er, „da sind wir oft essen gegangen.“ Auch As-Raslan 14 Kilometer westlich ist bombardiert worden. Nur das antike Qatna selbst und die benachbarte Ortschaft Mishrife blieben von den Kampfhandlungen verschont. Was Pfälzner wie ein Wunder verkommt.

Er erklärt sich die Lage in Mishrife mit dem dortigen multiethnischen Geflecht. In der Mehrheit ist die Bevölkerung christlicher Religion, Sunniten und Aleviten sind in der Minderheit. Sie gehen miteinander auskömmlich um und haben so erreicht, dass der Krieg ihr Dorf nicht erfasste. Allerdings: Die Ernte ist wegen der Trockenheit schlecht ausgefallen, es fehlt an Lebensmitteln und an Gas für die Öfen. Heike Domann-Pfälzner, Ausgrabungsleiterin in Qatna und Frau des Professors, sammelt daher Spenden für die notleidenden Menschen in Mishrife.

In Qatna, so hat Pfälzner von seinen Freunden in Mishrife erfahren, gab es keine Plünderungen, auch das große Dach, das ein Ausgrabungsareal schützt, ist heil geblieben. Die im Homs aufbewahrten Funde sind rechtzeitig nach Damaskus verlagert worden. Meldungen, das Museum in Homs sei ausgeraubt worden, seien falsch, sagte Pfälzner. Und auch die Hölzer, die in einem Brunnen des Palasts 2010 entdeckt wurden, sind erhalten geblieben. Das Forscherteam kam vor zwei Jahren nicht mehr dazu, die 3500 Jahre alten Zeder-Fragmenter zu konservieren. Das erledigte zur Freude von Pfälzner einer der Wächter.

Qatna beschäftigt die Forscher trotz der Spannungen. Sie nutzen die Aus-Zeit damit, die Grabungsfunde auszuwerten. Zwar dürfen die Archäologen die Objekte nicht mit nach Deutschland nehmen. Aber ihnen liegen riesige Mengen an Daten vor. Beispielsweise über das Tontafelarchiv des Königs Idadda, das Einblick ins Leben des Königreiches und in dessen Beziehungen zu den Mächten im Vorderen Orient gibt.

Die Auswertung ist finanziell gesichert. Pfälzner ist froh darüber, dass die Deutsche Forschungsgemeinschaft die Förderung für das Qatna-Projekt um drei Jahre verlängert hat, „ohne dass wir graben können“. Er hofft, in zwei, drei Jahren mit seinem Team nach Syrien zurückkehren und die Forschungen in Qatna fortsetzen zu können.

Pfälzner gab seinem Vortrag den Titel „Diplomatie und internationale Politik in der Bronzezeit“ und stellte dies in einen aktuellen Bezug. Syrien sei eine der Wiegen der Diplomatie und leider scheine bei den syrischen Machthabern keine Bereitschaft vorhanden zu sein, auf die Diplomatie einzugehen. Das Versagen der Diplomatie nannte er eine traurige Tatsache.

Bei der Erforschung der Königsgruft und der Gruft im nordwestlichen Flügel stießen die Archäologen auf Objekte, die die vielfältigen Handelsbeziehungen des Reichs belegen. Die Analyse eines Löwenköpfchens durch britische Spezialisten ergab, dass der Bernstein aus dem Baltikum stammt. Eine Rosette ist mit Lapislazuli aus Afghanistan verziert, Alabaster-Gefäße stammen ebenso aus Ägypten wie eine Serpentit-Flasche. Bei einem Perlenanhänger stellte sich nach der Untersuchung mit einem mobilen Fluoreszenz-Gerät heraus, dass er aus Variscit besteht, ein Material, dessen Vorkommen in Spanien, Tschechien und im Vogtland liegt.

Die Vielzahl von Funden lässt daraus schließen, dass die Beziehungen zwischen Ägypten und Qatna während einer älteren Periode des altsyrischen Königsstadt stärker waren als später.

Auswertung ist angesagt
Mit Atemschutz wegen möglicher Pilzsporen gruben Tübinger Archäologen bis 2010 in den beiden Kammern der Nebengruft unter dem Königspalast von Qatna. Seit zwei Jahren ruhen die Forschungen. Der Krieg macht Archäologie in Syrien unmöglich. Bild: Marc Steinmetz

Auswertung ist angesagt
Peter Pfälzner Archivbild: Metz

Qatna war im zweiten Jahrtausend vor Christus ein wohlhabendes Königreich, das seinen Reichtum der Lage an wichtigen Handelswegen zwischen Ägypten, Mesopotamien und dem Hethiter-Reich verdankte. Qatna wurde 1340 vor Christus vermutlich durch die Hethiter zerstört. Erste Forschungen betrieb der Franzose du Mesnil du Buisson vor über 90 Jahren. 1999 begann die Universität Tübingen zusammen mit der Universität Udine und dem syrischen Antikendienst mit neuen Grabung. Sie entdeckten 2002 die Königsgruft unterhalb der Königswohnung im Palast. 2009 stieß das Pfälzner-Team auf eine zweite Gruft im Nordwestflügel.

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11.08.2012, 12:00 Uhr

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