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17-Jährige Mössingerin ist eine von 50 Talenten im Land, die Robert-Bosch- und Baden-Württemberg-Stiftung fördern

Autodesign als Ziel

Bis zum Abi hat Sürreya Basal jetzt die „Connections“, die sie bisher nicht hatte. Die Mössingerin ist Stipendiatin im Talent-Programm von der Baden-Württemberg- und der Robert-Bosch-Stiftung.

08.01.2015
  • Mario Beisswenger

Mössingen. Es war in der achten Klasse, als sich Sürreya Basal dachte: Jetzt erst recht. Zum ersten Mal hatte die heute 17-jährige Türkin die beste Deutscharbeit ihrer Klasse. In ihre Freude grätschte ein Klassenkamerad. Sie solle sich jetzt bloß nicht zu viel freuen. „Du endest doch als Putzfrau in meinem Büro.“

Basal lernte noch mehr als ohnehin schon. Sie besuchte extra ein Training gegen Prüfungsangst und schloss diesen Sommer die Friedrich-List-Realschule als beste ihrer Klasse ab. Inzwischen geht sie aufs Technische Gymnasium in Tübingen. Eine späte Genugtuung: „Ich mach in zweieinhalb Jahren Abi, der andere Junge eine Ausbildung.“

Auf der Bildungsleiter ist sie schon nach oben geklettert. Nur, gute Noten allein bringen für die Karriere halt nicht alles. Basal hat das schon verstanden. „Meinen Eltern fehlen die Connections.“ Die bekommt sie vielleicht jetzt.

Ihre Lehrerin Katrin Stengele wies sie im vergangenen Frühjahr auf das Programm „Talent im Land“ hin. Die Baden-Württemberg- und die Robert-Bosch-Stiftung geben da Stipendien und organisieren ein Unterstützer-Netzwerk für begabte Schülerinnen und Schüler. Seit Anfang Dezember hat Basal das Stipendium. Sie wurde als eines von 50 Talenten ausgesucht – aus 350 Bewerbungen.

Ein ordentliches Taschengeld bekommt sie bis zum Abitur und vor allem Verbindungen. Englisch, eine ihrer vier Sprachen neben Deutsch, Französisch und Türkisch bräuchte etwas Support, meinte sie. Schon bekam sie ein Lernpaket nach Hause geschickt. „Das war süß.“ Es sind aber auch Seminare im Talent-Programm dabei zur Orientierung nach dem Abitur und die Talente helfen sich auch untereinander, etwa wenn ein kniffliges Physik-Problem zu lösen ist.

Basal will Ingenieurin werden, vielleicht im Autodesign. Sie wirkt positiv, aufstiegsorientiert und doch kommt immer wieder durch, welche Schwierigkeiten sich ihr in den Weg legen.

Das Nicht-Dazugehören weder ganz zur deutschen noch zur türkischen Kultur. Dort ist sie Touristin oder Deutschländerin, hier ist sie Ausländerin. Basal ist in Tübingen geboren, in Ofterdingen aufgewachsen. Die kleinen Diskriminierungen im Alltag ist sie gewohnt. „Ich lächle einfach. Und dann lächle ich nochmal“, beschreibt sie ihre Reaktion. Sie sei ja gut erzogen.

Gegen die auch durch die Pegida-Demonstrationen geschürte Stimmung, dass der Islam eine Bedrohung des Abendlandes sei, hat sie sich selbst schon im Religionsunterricht engagiert. In der Realschule erklärte sie den unteren Klassen die fünf Säulen des Islam und warum sie Kopftuch trägt.

Die 17-Jährige Mössingerin trägt auf jeden Fall eines, aber welches sei nicht immer einfach zu entscheiden. Schließlich müsse ihre Kleidung immer schick und dynamisch sein, aber dabei trotzdem noch dezent. Sie reagiert geduldig, wenn sie mal wieder – oft mit unpassenden Scherzen – auf Greueltaten islamische Kämpfer angesprochen wird „Ich versuch immer, zu erklären: Der Islam ist eine sehr harmlose Religion wie evangelisch und katholisch.“

Dieser Unterricht, ihr Angebot die Techniken gegen Prüfungsangst an andere Mitschüler und Mitschülerinnen weiterzugeben und ihre praktische Nachbarschaftshilfe waren Punkte, die bei ihrer Bewerbung um das Talente- Programm, neben ihren Noten, ausschlaggebend waren.

Ihr erster Eindruck nach dem Treffen mit den anderen 49 neuen Talenten in Stuttgart: „Ich weiß jetzt, dass es auch andere gibt.“ Junge Leute, die so wie sie mit immer wieder abgenudelten Benjamin-Blümchen-Kasetten deutsch gelernt haben. Basal hat sich Nachrichten angehört wegen der richtigen Aussprache. Sie las schon von der fünften Klasse an für ihre Eltern die Behördenbriefe und beantwortete sie auch.

„Es ist wichtig, dass wir jemand anrufen können, wenn wir Probleme haben.“ Denn was ihr Klassenkamerad damals in der Achten gesagt hat, beschäftigt sie immer noch. Nun sagt sie: „Egal, was jetzt jemand sagt: Wir haben unser Ziel vor Augen.“

Autodesign als Ziel

Jugendliche ab der siebten Klasse können sich beim Programm „Talent im Land Baden-Württemberg“ bewerben, wenn sie Abitur oder Fachhochschulreife machen wollen.
Die Bewerbung für 2015 startet im Februar mit einem Online-Verfahren auf www.talentimland.de. Ausgesucht wird nach Begabung, Zielstrebigkeit und sozialem Engagement.
Das Stipendium bringt ein gutes Taschengeld, Seminarangebote, individuelle Beratung und ein Netzwerk Ehemaliger, das auf Talente bis ins Jahr 2003 zurückgreifen kann.

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08.01.2015, 12:00 Uhr

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