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Tödlich abgelenkt - Wegen Handy am Steuer Radler erfasst?

Autofahrerin unter Mordanklage

Haben Handy-Nachrichten hinter dem Steuer eine Frau so abgelenkt, dass ein Radfahrer sterben musste? Eine 21-jährige Frau steht nun in Stuttgart vor Gericht - unter anderem wegen Mordversuchs.

11.11.2015
  • KIM A ZICKENHEIMER, DPA

Stuttgart Der tödliche Unfall geschieht an einem hellen Sommermorgen auf einer schnurgeraden Landstraße: Eine junge Frau fährt mit ihrem Auto ungebremst in zwei Rennradfahrer - und flieht, ohne zu helfen. Ein Mann stirbt im Rettungshubschrauber, der andere überlebt schwer verletzt. Nun steht die 21-Jährige vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft wirft ihr vor, sie habe Handy-Nachrichten über den Dienst "Whatsapp" verschickt, statt auf die Straße zu achten. Die Angeklagte sagt, sie habe nur an einer roten Ampel kurz zuvor geschrieben - danach das Smartphone nicht mehr angerührt.

Es geht um zwei Nachrichten im Abstand von weniger als einer Minute. Doch wann wurden sie versendet? Beim Prozessauftakt vor dem Landgericht Stuttgart gestern bittet die nun 21 Jahre alte Frau die Hinterbliebenen des toten Radfahrers und seinen verletzten Freund um Verzeihung. Sie wirkt niedergeschlagen, ihre Erinnerungen sind lückenhaft.

Die Anklage ist juristisch von enormem Gewicht: Der Vorwurf lautet auf versuchten Mord in zwei Fällen sowie fahrlässige Tötung. Die Staatsanwaltschaft wirft ihr zudem vor, sie sei vom Unfallort auf der Bundesstraße zwischen Weil der Stadt und Renningen (Kreis Böblingen) geflohen, um sich der Verantwortung zu entziehen. Sie sagt, sie habe Panik und Hysterie verspürt. "Als ob mir jemand ein schwarzes Blatt vor die Augen gelegt hätte." Sie habe nicht registriert, was passiert sei.

Im Opel Astra ihrer Mutter hatte die damals 19 Jahre alte Frau an jenem Sonntagmorgen im August 2014 einen Freund nach Hause gebracht, wie sie erzählt. An einer roten Ampel habe sie warten müssen und auf ihr Handy geschaut, um die Uhrzeit zu erfahren. Dabei seien ihr Nachrichten aufgefallen, die sie dann beantwortet habe. Dann sei sie losgefahren. Ihre nächsten Erinnerungen: ein großer Knall, dann ein Anruf bei der Schwester. Die rief später auch die Polizei, aber bis dahin waren Rettungskräfte schon vor Ort. Schwester und Mutter der Angeklagten schwiegen vor Gericht.

"Ich kann es mir selber auch gar nicht erklären", sagt die Angeklagte über den Unfall. Nie habe sie beim Fahren Handy-Nachrichten verschickt. Sie mache sich viele Gedanken um die Familien der Männer, sei selbst in psychologischer Behandlung wegen Panikanfällen, Schlafstörungen, Konzentrationsschwächen. Ihren Führerschein hat sie nicht mehr.

Der Wagen ist nach dem Zusammenstoß schwer beschädigt. Die Frontstoßstange hängt herab, der Außenspiegel ist abgebrochen, ein Reifen geplatzt und die Windschutzscheibe gesplittert. Trotzdem fährt die Frau nach dem Unfall weiter. "Was mich persönlich verletzt, ist, dass nicht angehalten worden ist", sagt der schwer verletzte Rennradfahrer vor Gericht. Sein Lendenwirbel wurde zertrümmert.

Seiner großen Leidenschaft, dem Sport, kann er nicht mehr nachgehen. Am Unfallmorgen trainierte er für eine längere Tour. Er trug einen Helm, wie sein getöteter Freund.

Dessen Witwe nennt den Unfall "völlig unnötig". "Man hätte einfach ausweichen können, wenn man es rechtzeitig beachtet hätte." Ihr sei klar, dass es der Angeklagten leidtue. Das Gericht muss nun unter anderem versuchen zu klären, ob die Angeklagte die fraglichen Nachrichten tatsächlich während der Fahrt verschickte.

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11.11.2015, 12:00 Uhr

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