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Ein Besuch in der hässlichsten Straße der Unistadt

Autos, Müllcontainer: Die Wöhrdstraße ist wie ein Hinterhof, um den sich keiner kümmert

Die Wöhrdstraße ist die schmuddeligste Innenstadtstraße Tübingens. Sie soll irgendwann umgestaltet werden. Pläne dafür gibt es noch keine, aber viele Ideen. Ein Rundgang mit der Bauverwaltung.

Die Wöhrdstraße ist die schmuddeligste Innenstadtstraße Tübingens. Sie soll irgendwann umgestaltet werden. Pläne dafür gibt es noch keine, aber viele Ideen. Ein Rundgang mit der Bauverwaltung.

15.04.2017
  • Sabine Lohr

Ausgerechnet in der hässlichsten Straße der Innenstadt landen die meisten Tübingen-Besucher: Wer sein Auto im Neckarparkhaus abstellt, erlebt beim Verlassen des mit Waschbeton verkleideten Klotzes das krasse Gegenteil von Neckarfront-Idyll und Mittelalterstube. Die Wöhrdstraße gleicht einem Hinterhof, um den sich keiner kümmert. Heruntergekommene Häuser, verschmierte Fassaden, ein verbeultes Gebläse in einer Hauswand, mit Taubenkot beschmierte Mülltonnen, parkende Autos, jede Menge Schilder, Lieferwagen, Aufbauten auf der Straße, die keiner mehr braucht, und eine Grünfläche mit immergrünem Bewuchs, Resten eines abgesägten Baumes und vom Zünsler befallenen Buchsbäumen. Aber auch ein hübsches Hotel mit kleinem Café davor, ein Schuhgeschäft mit Auslagen und den hellen Eingang in den Drogeriemarkt gibt es hier – erste und bisher einzige Versuche, auch aus der Wöhrdstraße etwas zu machen.

„Eine Schicki-Micki-Straße wird das hier nie“, sagt Baubürgermeister Cord Soehlke. Die Wöhrdstraße werde immer auch Zulieferer-Straße sein. Ob Café Lieb, Schuhhaus Schneider oder Metzger Kiesinger – sie alle bekommen ihre Ware nicht von der schmucken Friedrichstraße aus geliefert, sondern von hinten, von der Wöhrdstraße her. Die Lieferwagen werden also auch nach einer Umgestaltung hier durchfahren. Und auch das Parkhaus sei an dieser Stelle unverzichtbar.

Aber umgestaltet werden soll die Schmuddelstraße. Es gibt zwar noch keine Pläne dafür, aber doch etliche Ideen, wenigstens einige der Missstände zu beseitigen. Da ist etwa das Haus des Bürger- und Verkehrsvereins (BVV). Es ist mit einem Metalldach nicht gerade ein Schmuckstück, aber für den Verein steht es an der perfekten Stelle. Allerdings ist es längst zu klein geworden, der Verkaufsraum ist vollgestopft mit Souvenirs, Büchern und Karten, die Büros dahinter und darüber sind viel zu eng. Kurz: „Der Verein hat den Wunsch, das Haus zu vergrößern“, sagt Soehlke. Doch wie? Wohin? „Ein Abriss kommt nicht in Frage“, sagt Soehlke. Und auch Stadtplanerin Barbara Landwehr möchte das Haus lieber umgestalten, es aufstocken oder umbauen.

Hinterm Haus ist ein Taxistand, dann folgt der terrassenartige Zugang zur Bootsvermietung, von dem aus man besser nicht in den vermüllten und videoüberwachten Minigarten darunter schaut. Und dahinter wiederum steht ein altes, verwinkeltes Haus, das an seiner Front mit Efeu bewachsen ist. „Das hat was von einem Hexenhaus“, findet Landwehr, die es gerne erhalten möchte. Es gehört der städtischen Wohnungsbaugesellschaft GWG und Landwehr kann sich vorstellen, es zumindest im Erdgeschoss „einer öffentlichen Nutzung zugänglich“ zu machen. Was soviel heißt wie: Ein Café wäre hier nett. Und wieso nicht den BVV hier hinein erweitern? Soehlke dagegen, der das Haus auch hübsch findet, will weder einen Abriss ausschließen, noch sich – im Moment jedenfalls nicht – für die Sanierung stark machen. „Man muss ausrechnen, wie teuer eine Sanierung wird und pragmatisch denken“, sagte er. Auf jeden Fall aber müsse dieses Haus zusammen mit dem Haus des BVV gesehen und geprüft werden.

Gegenüber steht noch ein Sanierungsfall: Ein hübsches, großes, weißes Haus, das allerdings mannshoch beschmiert ist. Ebenfalls ein Haus der GWG. Dahinter öffnet sich ein Platz, der als solcher gar nicht wahrnehmbar ist – höchstens als Parkplatz. Vor der rötlichen, geschlossenen und ziemlich hohen Fassade des DAI stehen Autos, und dahinter versuchen Ortsfremde zu wenden, Lieferwagen zu parken, Kurzzeitparker ihre Autos auf verbotenen Flächen abzustellen und Radfahrer und Fußgänger irgendwie an allen vorbeizukommen. Die dreieckige Grünfläche ist mehr im Weg als schön und die Passage zur Friedrichstraße ist kaum als solche wahrnehmbar. Sie könnte auch ein Hof sein, einer von der Art, wie es viele in der Wöhrdstraße gibt. Etwa zwischen den beiden nächsten Häusern. Eine schmale Abstellfläche für Autos und Müllcontainer. „Ein Tor davor würde schon viel helfen“, findet Landwehr.

Die beiden schlimmsten Fassaden stehen sich gegenüber: die des Parkhauses und die des Drogeriemarktes. Letztere ist zwar durchbrochen von einem hellen Eingang, hinter dessen Glasfront Treppen ins Geschäft führen (deren beide äußeren Drittel nicht nutzbar sind), der Rest aber ist eine glatte, dunkle Fläche, die lediglich durch einen dauernd rauschenden Lüftungsschacht unterbrochen wird. Dieser Zustand wird zur Zeit aber behoben, wie Projektplaner Martin Rasch sagt. Der Kran, der seit einiger Zeit in der Wöhrd-straße steht, dient einer technischen Sanierung des Dachs, auf das eine neue Lüftungsanlage montiert wird. Über der dunklen Mauer: Längsrippen in Metalloptik. Ein Graus für alle Tübinger Stadtplaner, die große Kämpfer für kleinteilige Fassadengestaltungen sind. Vielleicht nimmt der Hausbesitzer Geld in die Hand, um diese Optik ansprechender zu gestalten. Die Stadtverwaltung jedenfalls will es ihm und anderen Eigentümern erleichtern: „Wir werden vorschlagen,
dieses Quartier für zwei weitere Jahre zum Sanierungsgebiet zu erklären“, sagt Landwehr. Das heißt: Es gibt Zuschüsse bei Sanierungen.

Und dann das Neckarparkhaus, Glanzstück billiger, funktionaler und schneller Bauweise Ende der 1960er Jahre. „Es erinnert an die Hallenbäder meiner Kindheit“, sagt Rasch angesichts der Waschbetonverkleidung. Nächstes Jahr, wenn es seit 50 Jahren steht (es war Tübingens erstes Parkhaus), läuft der Erbpacht-Vertrag aus, das Grundstück fällt dann an die Stadt zurück. Mit den Betreibern verhandelt die Verwaltung zur Zeit, die Stadt möchte das durchaus gewinnbringende Parkhaus gerne übernehmen. Und dann: „Dann prüfen wir erstmal die Bausub-stanz“, sagt Landwehr. Sie und Soehlke sind sich sicher, dass sie noch so gut ist, dass das Haus nicht abgerissen werden muss. Und wenn doch, würden sie an genau dieser Stelle wieder ein Parkhaus bauen. „Es liegt sehr richtig für die Altstadt“, sagt Soehlke. Aber schöner soll es werden. Weg mit dem ollen Waschbeton, weg mit der alten, unbenutzten Einfahrt. „Man könnte auch das Erdgeschoss in den Straßenraum hinein erweitern“, überlegt Landwehr. Platz wäre genug da.

Und Soehlke denkt über einen Aufbau nach. Nicht über einen Konzertsaal, wie er dem Tübinger Architekten Werner King vorschwebt, „das ist nicht machbar, schon allein der Kosten wegen nicht“, aber einen Gastronomiebetrieb kann er sich sehr gut dort oben vorstellen. „Der Blick ist schön“, sagt er. Und auch das Problem mit dem Lärm, der die Bewohner der gegenüberliegenden Neckarseite an der Strandbar vor zwei Jahren so gestört hat, sei dann in den Griff zu bekommen.

Aus dem Parkhaus hinaus führt über die Straße hinweg ein massiver Übergang in den Drogeriemarkt. Auch er ist alles andere als schön, wenn auch praktisch. Vor allem aber verstellt er den freien Blick durch die Wöhrdstraße. Wäre da nicht auch etwas leichteres, lichteres denkbar? Eine vielleicht mit einem Glasdach überdeckte offene Brücke? „Unbedingt“, sagen Landwehr und Soehlke.

Teil des Parkhauses war früher eine Tankstelle mit großem Verkaufsraum und einer Waschanlage. Heute nutzt eine Autowerkstatt die Reste dieser Tankstelle. Als „Schaufenster in eine andere Zeit“ bezeichnet Landwehr die gut zu erkennende frühere Nutzung. Sie hat nichts gegen die Werkstatt, aber die vielen herumstehenden Autos stören sie. „Das wird nach der Umgestaltung mit Sicherheit nicht mehr so sein“, sagt sie.

Beim Rundgang war die Lücke zwischen Parkhaus und Casino gerade leer, kein Auto stand dort herum. Stattdessen: ein überraschender Durchblick über den Neckar auf die andere Flussseite. Es ist
eine der „zwei, drei“ Stellen in der Wöhrd-straße, für die sich Soehlke genau das wünscht: Durchgänge zum Fluss,
vielleicht sogar mit Treppen hinunter zum Fluss.

Durchblicke gibt es auch auf der anderen Wöhrdstraßenseite. Etwa hinterm Drogeriemarkt. An der Straße steht dort ein kleines rotes Haus mit einer gigantischen Gaube. Metzger Kiesinger wirbt dort für sich mit einem großen Plakat. Wer durch den Hof spickelt, sieht ein verschachteltes gelbes Gebäude – die Metzgerei von hinten. Ein Haus weiter sieht man über einem zugeparkten Hof ein hübsches gelbes Haus mit schönen Loggien. „Das dürfte so um 1913 entstanden sein“, schätzt Landwehr und stellt fest: „Hier liegen Glanz und Elend nah beieinander.“

Den größten Glanz strahlt sicher das Casino in all seiner herrschaftlichen Bauart aus. Etwas oberhalb des Restaurants solle einmal die Radwegbrücke münden, die die Radler in die Wöhrdstraße leitet. Allein schon das wird eine Umgestaltung nötig machen, denn die Verkehrsführung ist bisher eher chaotisch als übersichtlich. Vor allem Fußgänger wissen oft nicht, wo sie eigentlich gehen dürfen.

Einfach wird diese Umgestaltung nicht, denn die Planer müssen, wie Landwehr es ausdrückt, „mit den Schrägheiten hier umgehen.“ Aber schlimmer werden kann es ja eigentlich nicht.

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15.04.2017, 19:00 Uhr

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