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Leben, ohne zu arbeiten?

BASF-Chef: „Wir müssen sagen, dass wir das nicht mehr wollen.“

Eine „hochkarätige Veranstaltung mit vielen gelungenen Doppelpässen und ohne Fouls“ kündigte Firmenchef Klaus Fischer am Freitag nach dem WM-Spiel der deutschen Fußball-Nationalelf an – das 6. Fischer-Forum im Waldachtal. Zu Gast war BASF-Chef Dr. Jürgen Hambrecht.

21.06.2010
  • Monika Schwarz

Tumlingen. „Wie finden sie das Ergebnis des heutigen Fußballspiels“, fragte der Journalist und Moderator Jürgen Offenbach seinen Podiumsgast. „Schade“, kommentierte Jürgen Hambrecht die 1:0-Niederlage gegen das serbische Team. „So viele versiebte Chancen könnten wir uns in der Wirtschaft jedenfalls nicht erlauben.“

So klar und unmissverständlich wie diese Antwort waren viele weitere Aussagen des Wirtschaftsmannes, der 2005 zum Manager des Jahres gewählt wurde. „Eurokrise, Regierungskrise, Wirtschaftskrise – sie sind doch ein Ratgeber der Kanzlerin, was fällt ihnen da überhaupt noch ein?“ Das wollte Offenbach als nächstes wissen. Hambrecht sagte, es gebe „kein Steuerproblem in diesem Land, sondern ein Ausgaben- und Abgabenproblem“. Seit Jahrzehnten werde zu viel ausgegeben, die Politik könne deshalb von der Wirtschaft aus der Krise lernen, dass man auf Dauer nicht mehr ausgeben könne, als man einnehme. Deutschland sei sowieso einer von lediglich vier Staaten weltweit, in denen man aufgrund der Sozialtransfers auch leben könne ohne zu arbeiten, kritisierte Hambrecht. „Irgendwann müssen wir deshalb auch alle gemeinsam aufstehen und sagen, dass wir das nicht mehr wollen.“

Was dem studierten Chemiker weniger gefällt, das ist der Blick zurück auf Sachverhalte, die sich jetzt sowieso nicht mehr ändern lassen. Ob die Aufnahme Griechenlands in der EU „ein Kardinalfehler“ war? Diese Frage beantwortete er mit dem Satz, „das ist jetzt so und nun müssen wir einfach das Beste daraus machen“. Die grundsätzliche Frage sei doch, ob man Europa wolle oder nicht. „Und was die Rückkehr der D-Mark anbelangt so kann ich nur sagen, hoffentlich will das keiner.“ Stattdessen fordert Hambrecht eine Rückkehr zum Stabilitätspakt und bei Regelverletzungen Sanktionen durch Disziplinarmaßnahmen.

Ob es bei den Unternehmen „schützenswerte Branchen“ gebe? Das ist eine Frage, die von Hambrecht mit einem dreifachen „Nein“ beantwortet wurde. „Es gibt kein Unternehmen, das Schutz braucht, und derjenige, der geschützt wird, ist sowieso nicht mehr wettbewerbsfähig. Wir sollten nicht dauernd nach dem Vater Staat schreien.“

Inwieweit die Angst vor der Konkurrenz aus China berechtigt sei, wurde der Asien-Kenner, der mehrere Jahre in Hongkong verbracht hat, gefragt. Nur wer nicht verstanden habe, dass man sich Wohlstand hart erarbeiten müsse, und wer nicht langfristig in Bildung und junge Menschen investiere, der müsse Angst haben, sagt Hambrecht. In diesem Punkt stimmte er mit Gastgeber Klaus Fischer überein – gemeinsam sind beide auch in Sachen „Wissensfabrik“ aktiv. Das ist eine Initiative zur Förderung von Kindern und Jugendlichen im Bereich der Wirtschaft.

Beim Blick in die Zukunft kam Offenbach auf das Thema Gentechnik zu sprechen. Hambrecht: „Es gibt keinen einzigen Hinweis, dass grüne Gentechnik wirklich schädlich ist.“ Er warnte davor, durch die Angst vor dem Risiko jede Innovation sofort abzutöten. Ein Vorsichtsprinzip dürfe nicht zum Risikoausschluss verkommen.

Dass Deutschland im Bereich der Forschung und Entwicklung zu wenig unternehme, lässt Hambrecht so nicht stehen. „Wir liegen bei den Ausgaben in diesem Bereich nicht so schlecht, wie das immer dargestellt wird“, sagte er. Der BASF-Chef plädierte dafür, die Forschung staatlich zu unterstützen. Das sei letztlich eine Investition in die Menschen.

Am Ende kam Offenbach noch einmal auf das Thema „Bildung und Ausbildung“ zurück. Hambrecht forderte in diesem Zusammenhang zwar eine bessere Qualifikation der Lehrer – er warnte jedoch davor, alle Schuld an einer schlechten Ausbildung in den Schulen zu suchen. „Wenn Eltern nicht Vorbild sind, dann kann man das nicht immer alles nur auf die Ausbildung schieben“, betonte er.

Die Zukunft auf dem Arbeitsmarkt für die jungen Menschen bewertete Hambrecht positiv. Bereits in drei, vier Jahren schlage der demografische Wandel durch. Es gebe dann Chancen wie einst in den 50er- und 60er-Jahren.

Dass momentan befristete Arbeitsverhältnisse eher Regel als Ausnahme sind und junge Arbeitssuchende vor eine ungewisse Zukunft stellen, hält Jürgen Hambrecht für richtig. Schließlich habe ein Unternehmen erst einmal Verantwortung für diejenigen, die dort schon lange arbeiten. „Man muss das nur klar, transparent und sauber kommunizieren.“

Nach einer Fragerunde des Publikums bedankte sich Klaus Fischer bei seinem Gast mit einer von Auszubildenden nachgebauten Polyamid-Molekularstruktur. Das ist Material, aus dem die Fischer-Dübel gemacht werden.

Der Lebenslauf von BASF-Chef Dr. Jürgen Hambrecht

Wie bei jedem Fischer-Forum skizzierten zwei Azubis kurz den Lebenslauf des Podiumsgastes: BASF-Chef Dr. Jürgen Hambrecht. Geboren wurde er im Jahr 1946 in Reutlingen. Nach seinem Chemiestudium in Tübingen startete Hambrecht 1976 seine Karriere bei BASF in Ludwigshafen. 1995 wechselte er für die Firma nach Hongkong, um ein Chemiewerk zu eröffnen. Im Jahr 2003 wurde Hambrecht Vorstandsvorsitzender bei BASF, zwei Jahre später wurde er zum Manager des Jahres gewählt. Seit 2008 sitzt Hambrecht auch im Aufsichtsrat von Daimler und von Lufthansa. In seiner Freizeit fährt Hambrecht gerne Rad, joggt, oder spielt auch mal Fußball. Der BASF-Chef ist verheiratet und Vater von vier erwachsenen Kindern.

BASF-Chef: „Wir müssen sagen, dass wir das nicht mehr wollen.“
Dr. Jürgen Hambrecht (rechts) bekam von zwei Azubis der Fischerwerke im Auftrag von Firmenchef Klaus Fischer (links) am Ende ein Molekularmodell als Geschenk überreicht. Bild: mos

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21.06.2010, 12:00 Uhr

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