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Treffen in Flandern mit Enkel eines britischen Kriegsfotografen

BBC drehte Doku mit Volkmar Kleinfeldt zum Ersten Weltkrieg

Vor vier Jahren hat der Tübinger Fotograf Volkmar Kleinfeldt Aufnahmen seines Vaters von der Front im Ersten Weltkrieg entdeckt. Seither beschäftigt er sich intensiv mit diesem Krieg und den Fotos seines Vaters, die seit gestern im Reutlinger Heimatmuseum gezeigt werden.

16.06.2014
  • Thomas de Marco

Reutlingen/Tübingen. Vergangenen Dezember hat sich der britische Fernsehsender BBC bei Volkmar Kleinfeldt, 80, gemeldet. Geplant war ein Beitrag von zwei bis vier Minuten über ihn und seinen Vater. Wie die BBC auf ihn gekommen war, kann Kleinfeldt gar nicht sagen. Kurz darauf baten die Briten den Tübinger sogar, er solle zu Dreharbeiten nach Flandern kommen. Dort würde er mit dem Enkel eines britischen Weltkriegssoldaten, der ebenfalls an der Front fotografiert hatte, zusammentreffen.

Der Tübinger zögerte, weil ihm die Reise zu weit erschien – doch dann erhielt er per Kurier Zugtickets für sich und den Medienwissenschaftler Ulrich Hägele. In Belgien traf Kleinfeld den Engländer Michael Smallcomb, und sie verglichen die Fotos ihrer Vorfahren. „Es war eine verblüffende Parallelität festzustellen“, sagt der Tübinger.

Zwei Tage lang war er in Flandern – und aus den wenigen Minuten, die von der BBC zunächst vorgesehen waren, wurde dann sogar ein einstündiger Film. „Versteckte Geschichte – die vergessenen Fotografen des Ersten Weltkriegs“, heißt die Dokumentation. Er habe gar nicht gewusst, wie anstrengend Dreharbeiten sein könnten, sagt Kleinfeldt und lacht. „Es waren zwei sehr bewegende Tage in Belgien. Man wird da sehr glücklich und zufrieden, wenn man mit jemandem zusammensitzt, dessen Großvater gegen den eigenen Vater gekämpft hat.“

Früher war der Erste Weltkrieg für Kleinfeldt weit entfernt, ohne großen Bezug zu seiner Welt. Das änderte sich grundlegend, als er zufällig in einem Holzkasten die Dias seines Vaters entdeckte (wir berichteten). Er hatte immer gewusst, dass Walter Kleinfeldt im Krieg fotografiert hatte. Doch da sein Vater immer sehr viel weggeworfen hatte, glaubte er nicht mehr daran, dass noch Aufnahmen existierten. „Ich habe mich saumäßig gefreut, dass doch noch einiges übrig geblieben war“, sagt er.

Seit Volkmar Kleinfeldt die Frontbilder gesichtet hatte, beschäftigt er sich intensiv mit dem Ersten Weltkrieg, liest Bücher, merkt sich Fakten. „Marschall Pétain hat in dem Krieg 35 000 Todesurteile wegen Meuterei unterzeichnet. 1917 hätte man auf Augenhöhe einen Waffenstillstand machen können, doch dann kamen die Amerikaner mit enorm viel Material und Menschen – und alles ging von vorne los.“

Dass sein Vater diesen Stellungskrieg überlebt hat, grenzt für Volkmar Kleinfeldt nach der Lektüre von 16 Feldpostbriefe und dessen Tagebuch an ein Wunder. Doch viel hat er von seinem Vater nicht mehr gehabt: Als Volkmar Kleinfeldt zehn Jahre alt war, wurde Walter Kleinfeldt zum Volkssturm eingezogen und bei einem Gefecht im Schönbuch erschossen – fünf Tage, nachdem die Franzosen Tübingen bereits eingenommen hatten und der Krieg eigentlich vorbei war.

Derzeit ist Volkmar Kleinfeldt viel in Reutlingen unterwegs. Nicht nur wegen der Ausstellung „Walter Kleinfeldt: Fotos von der Front 1915 bis 1918“, die gestern eröffnet wurde und noch bis 28. September zu sehen ist. Der Tübinger Fotografenmeister kommt auch sonst auf den Spuren seines Vaters nach Reutlingen, das er vorher gar nicht richtig gekannt hat. „Ich treibe mich viel in der Stadt herum, weil ich Einst- und Jetzt-Bilder von Aufnahmen meines Vaters mache.“

Doch das, was Walter Kleinfeldt damals abgelichtet hat, im heutigen Zustand noch einmal aufzunehmen, das sei gar nicht so einfach, sagt Volkmar Kleinfeldt. „Denn in Reutlingen ist an vielen Stellen durch den Zweiten Weltkrieg Tabula rasa gemacht worden.“

BBC drehte Doku mit Volkmar Kleinfeldt zum Ersten Weltkrieg
Auf den Spuren des Vaters: der Tübinger Fotograf Volkmar Kleinfeldt vor Bildern von Walter Kleinfeldt, die derzeit im Reutlinger Heimatmuseum zu sehen sind.Bild: Haas

Der Erste Weltkrieg wird hundert Jahre nach seinem Ausbruch heute oft als die Urkatastrophe bezeichnet. Mit diesem Begriff kann der Medienwissenschaftler Ulrich Hägele, Kurator der Reutlinger Ausstellung „Walter Kleinfeldt: Fotos von der Front 1915 bis 1918“, aber nichts anfangen. „Es war keine hereingebrochene Katastrophe, sondern von Menschen gemacht.“ Dieser Krieg habe ganze Städte und Dörfer zerstört und Landschaften bis heute geprägt. Blindgänger, die im Boden liegen, fordern sogar noch heute Opfer. Die Ausstellung im Heimatmuseum mit 134 Aufnahmen des Reutlinger Fotografen ist noch bis zum 28. September zu sehen.

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16.06.2014, 12:00 Uhr

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