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Bahn-Mitarbeiter räumt Fehler ein
Bis zu seinem fatalen Versagen im Februar als Fahrdienstleiter in Bad Aibling lebte der Angeklagte Michael P. ein unauffälliges Leben. Beim Prozessauftakt gestern in Trauenstein stand er im Fokus der Kameras. Foto: dpa
Prozess

Bahn-Mitarbeiter räumt Fehler ein

Ein gewöhnlich wirkender Mann, der sich für die Katastrophe mit zwölf Toten verantwortlich zeigt: Gestern startete das Verfahren gegen den Fahrdienstleiter von Bad Aibling.

11.11.2016
  • PATRICK GUYTON

Traunstein. Es ist ein kleinerer, schlanker, unscheinbarer Mann, den Beamte am Morgen in den Saal B 33 des Landgerichts Traunstein führen. Schwarzer Anorak, Jeans, gepflegter Vollbart, dunkles Haar. Michael P., 40 Jahre alt, Fahrdienstleiter bei der Deutschen Bahn. Er hat die Katastrophe von Bad Aibling vom 9. Februar dieses Jahres verursacht, bei der zwölf Menschen ums Leben kamen und 89 teils schwer verletzt wurden. Bis kurz vor dem Zusammenprall zweier Regionalzüge auf der eingleisigen Strecke Holzkirchen-Rosenheim hatte P. auf dem Handy gespielt. Erst hatte er beide Züge fahren lassen, dann hatte er beim Notruf auf die falsche Taste gedrückt.

Jetzt steht er vor Gericht, die Anklage lautet auf fahrlässige Tötung, bis zu fünf Jahre Haft sieht das Gesetz dafür vor. Sehr exakt berichtet der Staatsanwalt Jürgen Branz von dem Geschehen am frühen Morgen bis um genau 6.47 Uhr, als die beiden Züge aufeinandergeprallt waren und sich ineinander verkeilt hatten. Schon um 5.11 Uhr startete P. auf seinem Smartphone mit dem Online-Computerspiel „Dungeon Hunter 5“, der Spieler muss sich dort in einer mittelalterlichen Phantasy-Welt durchsetzen.

Beim Lesen verrutscht

Bis 6.40 Uhr spielte er, während er im Bahnkreuzungsplan nachschaute und beim Lesen um eine Zeile verrutschte. Um 6.43 Uhr gab er dem Zug in Bad Aibling mit dem „Sondersignal Zs1“ freie Fahrt Richtung Kolbermoor. Dass der Zug aus der Gegenrichtung auch kam, sei ihm „in diesem Zeitpunkt nicht mehr bewusst“ gewesen. Seinen Fehler erkannte er um 6.46 Uhr und setzte einen Notruf ab, danach noch einen zweiten. Diese kamen aber nicht an, weil er laut Anklage „auf dem Tischfunkgerät jeweils die falsche Taste drückte“.

Es ist sehr still in dem Saal, als der Staatsanwalt die Namen der zwölf Getöteten vorliest, alles Männer, die Verbindung ist eine Pendlerstrecke. In fast grausamer Genauigkeit folgen die 89 Verletzten mitsamt den Verletzungen: offene Unterschenkelfraktur, Beckenbruch, Schleudertrauma – so geht es Minuten lang.

Das Wort hat gleich darauf Michael P. Er steht auf zu „persönlichen Worten an die Opfer und die Angehörigen“. Er habe „schwere Schuld“ auf sich geladen. Er wisse, „dass ich das nicht mehr rückgängig machen kann“. P. redet leise mit starkem bayerischen Akzent. Er sei „mit den Gedanken bei den Angehörigen“ und hoffe, „dass sie das alles aufarbeiten können“. Eine kurze Erklärung. Das Wort „Entschuldigung“ taucht darin nicht auf, wie der Angehörigen-Anwalt Friedrich Schweikert in einer Sitzungspause anmerkt. „Ich habe es nicht gehört, die Betroffenen haben es auch nicht gehört.“

Verteidigerin Ulrike Thole legt im Namen des Angeklagten ein Geständnis ab. Die Dienstverfehlungen räumt er ein, ebenso das Smartphone-Spielen. Die Benutzung dieser elektronischen Medien während der Arbeit ist laut einer Dienstvorschrift der Bahn ausdrücklich untersagt.

Seit April in U-Haft

In der Pause äußert sich ein 23-Jähriger, der an jenem Faschingsdienstag weit vorne im Zug saß und schwer verletzt wurde: „Ich kann ihm nicht richtig böse sein. Ich will nur, dass ich durch den Prozess endlich mit der ganzen Sache klar kommen kann.“ Viele der Verletzten leiden bis heute an den psychischen Folgen des Geschehens. „Der Mann ist gestraft genug“, sagt ein Zuschauer, der in derselben Gemeinde wohnt wie Michael P., einem 3000-Einwohner-Ort in der Nähe des Chiemsees.

Zu den Tatvorwürfen und dem Unfall äußert sich Michael P. nicht, aber zur Person. Er erscheint als ein Mann, der normaler nicht sein könnte. In Rosenheim geboren, in der Region aufgewachsen. Nach der Schule wurde er von 1994 an von der Bahn zum Fahrdienstleiter ausgebildet. An verschiedenen Orten in der Region wurde er eingesetzt. Er ist verheiratet, die Frau hat einen Sohn in die Ehe mitgebracht, der jetzt 16 Jahre alt ist. Im Monat verdiente er etwa 3000 Euro. Seit April sitzt Michael P. in U-Haft.

Für die Beweisaufnahme sind sechs Verhandlungstage angesetzt, das Urteil wird Anfang Dezember erwartet.

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11.11.2016, 06:00 Uhr

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