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Balanceakt zwischen
Titelkurs und Teamfrieden
Manager und Vermittler im Silberpfeil-Team: Der Österreicher Toto Wolff (Mitte) zwischen Titelverteidiger Lewis Hamilton und dem WM-Führenden Nico Rosberg (rechts). Foto: dpa
Formel 1

Balanceakt zwischen Titelkurs und Teamfrieden

Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff setzt alles daran, beim Saisonendspurt eine Eskalation zwischen den Heißspornen Nico Rosberg und Lewis Hamilton zu vermeiden.

29.10.2016
  • WS

Toto Wolff hat in den vergangenen Jahren viel dazugelernt. Vor allem in Sachen Menschenführung. Denn der Mercedes-Motorsportchef hält die WM-Rivalen Nico Rosberg und Lewis Hamilton in der Balance. Eine Eskalation auf der WM-Zielgeraden soll es nicht geben. Insbesondere auf den letzten Kilometern dieser hochspannenden Entscheidung ist Wolff auf der Hut. Eine weitere Aufwallung zwischen den Teamkollegen auf dem Asphalt kurz vor der WM-Krönung eines seiner Fahrer soll es unter keinen Umständen geben. „Es gibt keine psychologische Kriegsführung, wie wir sie in den vergangenen Jahren gesehen haben. Sie sind beide in einer guten Stimmung, ich bin aber immer skeptisch“, sagte Wolff jüngst. „Ich warte darauf, ob das ein Vulkan ist, der ausbricht oder nicht.“

Toto Wolff weiß mittlerweile genau, was er von seinem Formel-1-Fahrerduo der Spitzenklasse zu erwarten hat. Im positiven wie im negativen Sinne. Eine gewisse Grauzone bei den Silberpfeilpiloten Rosberg und Hamilton gibt es gleichwohl. Denn schon am morgigen Sonntag (20 Uhr/RTL und Sky) könnte beim drittletzten Grand Prix der Saison auf dem Autódromo Hermanos Rodríguez in Mexiko-Stadt die Entscheidung um den Einzeltitel in dieser Weltmeisterschaftssaison fallen.

Der WM-Führende Rosberg und sein ärgster Verfolger Hamilton werden sich wieder nichts schenken. Eine Portion Kompromisslosigkeit gehört zu einem Formel-1-Fahrer einfach dazu. Einen Ausfall, etwa nach einem direkten Duell, wollen natürlich beide unbedingt vermeiden.

„Natürlich ist sie intensiv“, sagte Rosberg über die gegenwärtige Rivalität mit Hamilton. „Zugleich gibt es seit jüngstem aber auch eine Seite des Easygoings.“ Mehr zum Binnenklima der ehemaligen Kartkumpel wollte der Deutsche aber dann nicht verraten. Der Fokus liegt auf seiner eigenen Leistung. Rosberg: „Ich versuche, mein Ding durchzuziehen und das beste Resultat herauszuholen.“

Hamilton denkt genauso. Ein Weltmeister muss so denken. In einer explosiven Fahrerpaarung bleiben dann auch Kollisionen nicht aus. Man denke nur an den Grand Prix von Belgien im August 2014. In Spa kam es zur ersten entscheidenden Berührung beider Piloten, als Rosberg dem Briten ins Auto fuhr und ihm einen Reifen aufschlitzte. Oder an den Grand Prix von Spanien im Mai dieses Jahres. In Barcelona krachten beide Autos ineinander, als Hamilton Rosberg überholen wollte.

Um die vorerst wieder zum Teamfrieden gefundenen Kontrahenten zu maßregeln oder ihnen mal zu schmeicheln – dafür ist auch Wolff da. Weil Teamaufsichtsrat Niki Lauda dem Vernehmen nach einen kleinen Tick mehr zum Bauchmenschen Hamilton tendiert, tendiert Wolff eben jenen kleinen Tick wiederum mehr zum Kopfmenschen Rosberg. Balance ist alles, auch in der Formel 1.

Die Mediation, die Fähigkeit in Konfliktsituationen zu vermitteln, gehört dabei sicher zu Wolffs Stärken. „Es geht darum, ein Verständnis zu entwickeln, wie die Organisation aufgestellt sein muss, in welcher Rolle die Jungs und Mädels am besten performen, welche Rahmenbedingungen geschaffen werden müssen, damit sie Leistung bringen“, sagte der 44-Jährige einmal über Teamführung.

Sein Verhältnis zu Rosberg und Hamilton hat sich seit seinem Einstieg als Motorsportchef bei Mercedes im Januar 2013 natürlich geändert. „Wenn du Jahre miteinander zu tun hast, wächst du auch zusammen, du lernst dich besser kennen und gewinnst Vertrauen. Wir kennen unsere gegenseitigen Stärken und Schwächen sehr genau, nehmen auch darauf Rücksicht und versuchen jeweils das Beste aus der Persönlichkeit herauszuholen“, beschrieb Wolff die Beziehung. Dass Rosberg oder Hamilton die Fahrer-WM in diesem Jahr holen, steht außer Frage. Sie soll aber im fairen Wettkampf zwischen ihnen entschieden werden. Das würde Wolff freuen.

26 Punkte beträgt Rosbergs Vorsprung auf Hamilton, eine komfortable Führung: Gewinnt der Deutsche am Sonntag das Rennen und Hamilton kommt nicht über den zehnten Platz hinaus, dann ist Rosberg vorzeitig Weltmeister. Ein völlig unwahrscheinliches Szenario? Eigentlich nicht. Immer wieder wurde Hamilton zuletzt von technischen Problemen heimgesucht, bei seinem Sieg am vergangenen Sonntag in Austin habe er „nur gehofft, dass das Auto hält“, sagte der Engländer daher. Und geschieht wieder etwas, dann kann alles ganz schnell gehen – selbst, wenn Hamilton erst in der letzten Runde als Führender ausscheidet. Läuft aber alles normal, wird die Entscheidung noch auf sich warten lassen. Dann gilt: Zwei zweite Plätze und ein dritter Rang reichen Rosberg in den letzten Rennen auf jeden Fall zum Titel. dpa/sid

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29.10.2016, 06:00 Uhr

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