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Politik

Banausentum in der Literaturstadt

Der Kulturbürgermeister von Heidelberg fühlt sich in einem satirischen Offenen Brief angegriffen.

21.01.2017
  • WOLFGANG RISCH

Heidelberg. Unter sprachlichen Gesichtspunkten lädt der „Zweite Staatenbericht 2016“ des Auswärtigen Amtes in Berlin nicht zur Lektüre ein. Vielleicht hat ihn der Heidelberger Buchhändler Clemens Bellut deshalb nicht gelesen. Letzterer, von Berufs wegen mit Literatur vertraut, verwendet geschliffene Formulierungen wie „Der Befund ist offensichtlich“. Das Ministerium des Frank-Walter Steinmeier hingegen müht sich ab mit „Maßnahmenbündeln“ und „Kulturproduzentinnen und Kulturproduzenten“.

Hätte Bellut den „Zweiten Staatenbericht 2016“ gelesen, wäre sein Urteil über die „Unesco-Literaturstadt“ Heidelberg nicht so negativ ausgefallen. Das Auswärtige Amt hat sie nämlich jüngst im „Kapitel 1: Kulturpolitische Maßnahmen und Programme“ hinter der Musik-Stadt Hannover auf Platz zwei der vier deutschen Unesco-Kulturstädte (Berlin: Design, Mannheim: Musik) gelistet.

Der Steinmeier-Bericht ist nicht nur hölzern, sondern auch ernst gemeint. Belluts „Offener Brief“ an die Stadt Heidelberg hingegen Satire. Da das der Regionalzeitung entgangen war, geriet Kulturbürgermeister Joachim Gerner in Erklärungsnot. Denn Bellut fordert die „Rückgabe des Titels aus freien Stücken“, bevor ihn die Unesco in zwei Jahren „ohnehin aberkennt“.

Seit Dezember 2014 trägt Heidelberg den Titel und ist damit in der Gesellschaft von Unesco-Literaturstädten wie Dublin, Edinburgh, Prag und Krakau. Seit 2008, sagt Gerner, seien die Vorbereitungen gelaufen; die Mehrzahl der Bevölkerung fand die Idee „gut“, was nicht verwundert: „79 Prozent aller Heidelberger ab 16 Jahren haben Bücher gekauft“, sagt Gerner, mehr als die Hälfte im örtlichen Buchhandel.

SPD: 25 000 Euro streichen

Auch deshalb ist die „Buchhandlungsdichte sehr hoch“, Gerner bezog diese und örtliche Autoren in die Ausarbeitung des Bewerbungs-Konzepts ein. Mehr als 100 000 Euro gibt der Kulturbürgermeister jährlich in Sachen Unesco-Literaturstadt aus.

Die Fraktion der SPD hat bei den Haushaltsberatungen für 2017 eine Kürzung des Literatur- stadt-Etats um 25 000 Euro beantragt. Dieses Banausentum hat den Buchhändler Bellut so erbost, dass er seine „ausdrücklich nicht gegen das Kulturamt“ gerichtete Aktion startete. Er bedauert auch, dass er Gerner in diese Lage gebracht hat, schließlich sei dieser „ein redlicher Schwabe“. Gerners Sprecher im Rathaus, Timm Herre, bescheinigt Bellut im Gegenzug, unter den vielen Buchhändlern am Ort „ein gewichtiger Spieler“ zu sein. Klingt beides irgendwie nach Satire. Ist es aber nicht. Wolfgang Risch

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21.01.2017, 06:00 Uhr

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