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Der Backsteinbau der Firma Alfred Rilling hat eine ungewisse Zukunft

Bangen um den Hundertsten

DUSSLINGEN (gor). Ein typischer Industriebau der späten Gründerzeit ist das Backsteingebäude der Firma Alfred Rilling in Dußlingen. Ob das 1904 errichtete Bauwerk seinen hundertsten Geburtstag noch erlebt, muss die Gemeinde entscheiden. Von der Bausubstanz und einem Nutzungskonzept hängt es ab, ob die alte Halle im Sanierungsgebiet Bahnhofstraße erhalten bleibt oder wie schon die benachbarten Irus-Werke einem Neubau weichen muss.

18.02.2000

Alfred Rilling, der heute die Firma leitet, hat nach langen Verhandlungen den angestammten Firmensitz an die Gemeinde verkauft. Deshalb will und kann er der Gemeinde keine Vorschriften über ihren Umgang mit dem Areal machen. Aber natürlich hänge er an dem Backsteinbau auch emotional, gibt Rilling zu. Ein Abriss des 1923 angebauten Verwaltungstraktes oder der erst 1984 unter seiner Regie hinzu gekommenen Halle wäre für ihn nicht so schlimm.

Sein Großvater, der ebenfalls Alfred hieß, war vor fast 100 Jahren aus dem gemeinsamen Unternehmen der Gebrüder Rilling ausgestiegen und hatte sich nebenan selbständig gemacht. Eine Zeit lang standen die neue Firma Alfred Rilling und die Firma Jakob Rilling und Söhne (Irus) im direkten Wettbewerb, denn beide bauten Mühlen.

Später entwickelten sich die Schwerpunkte auseinander: Irus konzentrierte sich auf Schrotmühlen vor allem für die Tierfutterproduktion, bei Alfred Rilling wurden Getreidemühlen für Müllereibetriebe gefertigt. Neben den Steinmahlwerken kamen dort auch sogenannte Walzenstühle mit Metall-Mahlwerk zum Einsatz. Von Anfang an hatte die Firma Alfred Rilling ein zweites Standbein mit der Herstellung von Sägewerkseinrichtungen.

Ab den 60er-Jahren ging es bergab mit dem Mühlenbau, es wurden Mitarbeiter entlassen und mit fünf oder sechs Leuten ein Neuanfang gemacht. Um 1980 herum, so erinnert sich Alfred Rilling, dürfte die letzte Mühle den Firmenhof verlassen haben. Heute ist das Unternehmen gleich in mehreren Wirtschaftszweigen aktiv. Siebdruck- und Siebbe-schichtungsmaschinen werden in Dußlingen ebenso hergestellt wie Wiege- und Dosiertechnik für Schüttgüter.

Darunter sind alle mehligen oder körnigen Stoffe zu verstehen, die in der Baustoff- oder Lebensmittelin-dustrie, beim Recycling oder in chemischen Fabriken verarbeitet werden. Außerdem liefert Rilling anderen Maschinenbauern Teile zu und stellt im Auftrag Sondermaschinen, die nur als Einzelstücke oder in Kleinserien produziert werden, für alle möglichen Einsatzzwecke her.

Diese Differenzierung habe er immer gewollt, so Rilling, um die Abhängigkeit von einer Branche zu vermeiden. Nach Vietnam oder Rußland, in die USA und nach ganz Europa exportiert der Betrieb. Vielleicht noch in diesem Jahr werden die 19 Mitarbeiter einen schwierigen Umzug zu bewältigen haben. Wenn der Neubau im Steinlachwasen fertig ist, müssen die bis zu 15 Tonnen schweren Maschinen wegbewegt werden.

Dann liegt es an der Gemeinde, über die Zukunft des Firmengebäudes zu entscheiden, das Gründer Alfred Rilling 1939 an seinen Sohn Hans und der wiederum 1977 an den heutigen Inhaber weiter reichte. Und doch war die Firma nicht immer im Familienbesitz. 1944 wurde das Gebäude beschlagnahmt, weil es für einen „kriegswichtigen“ Produzenten benötigt wurde, der dort Lagerschalen für Flugzeugmotoren goss. Die Gießerei arbeitete bis 1949 weiter, nach dem Krieg dann für die französische Besatzungsmacht. Die Rillings überbrückten diese Zeit in einer Scheuer, wo sie mehr schlecht als recht weiter produzierten, bis sie ihr Firmengebäude in der Bahnhofstraße zurück erhielten.

“20 Jahre hätte ich es auf jeden Fall noch hier ausgehalten“, meint Rilling im Hinblick auf die Bausubstanz. Verkauft hat er es letztlich, weil er Konflikte wegen des Lärms befürchtete, der von seiner Firma ausgeht und sich schlecht mit einer Betreuten Wohnanlage in der Nachbarschaft verträgt, wie sie die Gemeinde plant — und natürlich wegen des finanziellen Angebots. Auf jeden Fall sei die Backsteinhalle mit den hübschen Rundbogenfenstern regelmäßig instand gehalten worden und nicht baufällig, sagt Alfred Rilling. Und die Hoffnung, dass es noch eine Zukunft für die alten Mauern gibt, schwingt hörbar mit.

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18.02.2000, 12:00 Uhr

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