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Zwischen Retro und Experiment

Barbara Schmid läutet mit ihren kalten Kreationen neue Eiszeit ein

Der Laden brummt. Oder soll man besser sagen: Er schnurrt. Denn es geht um ein Café namens Mieze. So hat Barbara Schmid ihre Eisdiele genannt. „Mieze klingt so nach 50er Jahren“, begründet sie die Namensgebung. Ganz im Stil der 50er ist auch der Kassenraum einer ehemaligen Tankstelle gehalten, in dem Schmid ihre Gäste bewirtet.

19.08.2015
  • Uschi Hahn

Tütenlampen an der Decke und den Wänden, der Tresen ganz in Pastell und oben auf der Kuchenvitrine thronen stilisierte Kraniche. Das alles wirkt ziemlich Retro. So ähnlich könnte eine Milchbar in den 50er Jahren tatsächlich ausgesehen haben. Damals war Barbara Schmid zwar noch gar nicht geboren. Dennoch war es für die 38-Jährige gar keine Frage, wie sie ihre Eisdiele einrichten will. Erstens hat sie ein Faible für den Stil der beginnenden Wirtschaftswunderjahre. So stammen auch viele der Einrichtungsgegenstände ihres Eissalons aus dem eigenen Fundus. „Mit der Garderobe bin ich schon drei Mal umgezogen“, sagt sie mit Blick auf die schnörkellose Hut- und Mantelablage direkt neben der Eingangstür. Auch das Küchenbuffet mit den bunten Resopal-Verblendungen vor den Schubkästen nennt Schmid schon lange ihr Eigen. Die für die 50er Jahre typischen Tütenlampen hingegen stammen vom Flohmarkt.

Andererseits handelt es sich bei dem Eissalon an der Ortseinfahrt von Dettenhausen um die ehemaligen Geschäftsräume einer Tankstelle aus eben dieser Zeit. Direkt nebenan werden noch immer Autos repariert und verkauft. Das sorgt nicht nur für Fahrkundschaft. Die Gewerbenachbarn schaffen auch ein unprätentiöses Ambiente, das irgendwie an die Stimmung vieler italienischer Provinzstädtchen erinnert, wo man sich ja auch ganz gerne mal ein Eis im Vorbeifahren gönnt.

Das leicht nierenförmige Tankstellendach gibt es noch. Darunter hat Schmid ein paar Stühle aufgestellt, die zwar modern sind, aber die mit bunten Plastikschnüren bespannten Sesselchen vergangener Zeiten zitieren. Hinter dem Gebäude lädt ein großer Garten mit freiem Blick zum Waldrand und Sandkasten zum Verweilen ein.

Spätestens hier fühlt man sich dann wirklich „so ein bisschen wie im Urlaub“, wie eine Frau voller Begeisterung begründet, weshalb sie mit ihren beiden Kindern „mindestens zweimal die Woche“ hierher kommt. „Für uns ist Dettenhausen total aufgewertet mit dem Eiscafé“, sagt die Frau und schleckt weiter an ihrem Meloneneis in der Waffeltüte. Die Tochter Maria indes bevorzugt Vanille.

Seit Mitte Juli verkauft Barbara Schmid nun ihr selbstgemachtes Eis an der Dettenhäuser Durchgangsstraße. Und kann sich kaum retten vor dem Andrang. Spätestens am frühen Nachmittag bilden sich lange Schlangen in dem kleinen Verkaufsraum. Zwölf verschiedene Sorten hat Schmid immer aktuell im Angebot. Darunter stets Schokolade, Erdbeer und Vanille. „Die Klassiker müssen sein“, sagt Schmid fast entschuldigend.

Die Mutter von zwei Kindern ist keine gelernte Eismacherin, aber sie hat lange aus Aushilfe in einem italienischen Eissalon in Stuttgart gearbeitet. Seit der Zeit ist die eigene Eisdiele ihr Traum. Auch, weil sie schon damals fand, „dass man Eis doch auch anders machen kann“. Anders heißt: „nur aus natürlichen Zutaten“, wie Schmid versichert. Wo also Joghurt-Eis drauf steht, ist bei Schmid auch Naturjoghurt drin. Statt Milchpulver verwendet sie richtige Milch. Und für ihre Fruchteissorten verarbeitet sie „frisches Obst, kein Fruchtmark aus der Dose“. Und schon gar keine künstlichen Farbstoffe. Weshalb Pistazieneis bei ihr auch nicht dunkelgrün ist, sondern eher bräunlich aussieht.

Vor allem aber experimentiert die Eismacherin. Als ein Nachbar ihr vor kurzem einen Korb voller Klaräpfel brachte, stellte sich Barbara Schmid nachts in ihr Eislabor, wie die italienischen Gelatiere ihre Küchen tatsächlich nennen, und kreierte ein Eis aus den Früchten – samt Schale übrigens. „Wegen des Geschmacks“, wie sie sagt.

Das war nicht das erste Geschmacks-Experiment in der noch kurzen Selbstständigen-Karriere der zierlichen Gelatiera. Aus den ersten Zwetschgen der Saison produzierte sie ein „Zwetschgenkucheneis mit handgemachten Streuseln“. Ihr Kabuba-Eis, eine Mixtur aus Karotten, Buttermilch und Banane, war ruckzuck ausverkauft. „Besonders Kinder mochten das gerne, schon allein, weil sie den Namen so lustig fanden“, freut sich Schmid über den Erfolg. Im Herbst will sie ein Quitteneis ausprobieren. „Eben immer das, was gerade frisch auf dem Markt ist“, formuliert sie ihren kulinarischen Anspruch.

Die Freude über den Erfolg ist der 38-Jährigen anzumerken. Aber sie wirkt nach den ersten paar Wochen auch ziemlich erschöpft. Wenn draußen die Sonne scheint und die Kundenschlange vor der Eisvitrine bis hinaus unters Tankstellendach reicht, kommt sie kaum hinterher mit dem Befüllen von Waffeln und Bechern. Dazu die Nächte an der Eismaschine im Labor hinter dem Verkaufsraum. Voller Stolz führt Barbara Schmid das schwere Gerät vor, das sie gebraucht erstanden hat: „Ziemlich alt“, sei die aus Italien stammende Maschine schon, „aber sehr robust“.

Doch bei aller Freude und allem Stolz: Ein Ruhetag in der Woche reicht kaum aus, um die dunklen Ringe unter den Augen zu vertreiben. Aber erst einmal genießt Barbara Schmid den positiven Start. Schließlich war es ein Wagnis, sich selbstständig zu machen. „Beim Eis war ich mir ganz sicher, dass ich das kann“, sagt sie selbstbewusst. Aber zur Geschäftsfrau gehört ja mehr. Ob sie zum Beispiel das mit der Buchhaltung hinbekomme, müsse sich erst noch herausstellen. Auch in die Rolle als Arbeitgeberin müsse sie noch hineinwachsen, bekennt Schmid, die zumindest fürs Wochenende eine Aushilfe beschäftigt hat.

Klar habe es auch mit dem Wetter zu tun, dass ihr die Dettenhäuser vom ersten Tag an die Bude einrannten, räumt die Eismacherin ein. Der Härtetest komme dann im Herbst und Winter. Da will Schmid neben Milch- und Fruchteis auch noch mehr Kuchen anbieten. Selbstgebacken, versteht sich. Auch da ist sie findig, hat aus den Bröseln von Eiswaffeln schon Kuchenböden geformt. „Es wäre ja schade, wenn man die zerbrochenen Waffeln wegschmeißen würde“, sagt Schmid.

Aber es war nicht nur der Hochsommer, der im Café Mieze gleich nach der Eröffnung für Hochbetrieb sorgte. Barbara Schmid scheint mit ihren kalten Kreationen auch voll den Dettenhäuser Publikumsgeschmack zu treffen. Trotz oder gerade weil sie neben den üblichen Sorten auch eher exotischere Eisvarianten anbietet. Eis aus weißer Schokolade etwa, das erstaunlicherweise gar nicht so pappsüß im Mund schmilzt, wie man es von weißer Schokolade eigentlich erwartet. Oder das Karamelleis, dessen nussig-süße Butternote mit etwas Salz ganz wunderbar abgerundet ist.

Der Hit der neuen Dettenhäuser Eiszeit aber ist Barbara Schmids Zitronen-Basilikum-Eis. Die winzigen Stückchen des würzigen Küchenkrauts harmonieren umwerfend gut mit der frischen Säure der von Hand ausgepressten Zitronen. Damit das Eis noch zitroniger schmeckt, hat Schmid auch noch ein wenig Schale von den Biozitronen in die Masse gerieben, bevor sie in die Eismaschine kam. „Mehr wird nicht verraten“, sagt sie mit einem koketten Lächeln.

Als ihr die Idee zu dem Zitronen-Basilikum-Eis kam, war sich Barbara Schmid erst nicht sicher, „ob die Dettenhäuser auch experimentierfreudig sind“. Doch das Eis schlug ein wie eine kleine Bombe. Die Kunde von der neuen Eissorte habe sich schnell herumgesprochen im Ort. „Das wollten plötzlich alle probieren“, erzählt Barbara Schmid. Dass sie dabei in ein schallendes Lachen ausbricht, hat aber nichts mit den Geschmack ihres Publikums zu tun. Schmid findet es nur so lustig, dass die Leute alle kamen und nach einem „Boppel von dem Basilikum-Eis“ verlangten. „Das klingt so lustig“, sagt sie. „Ich verkaufe doch keine Eisboppel, das heißt doch Kugeln.“ Da ist Barbara Schmid dann doch eine ganz klassische Gelatiera.

Barbara Schmid läutet mit ihren kalten Kreationen neue Eiszeit ein
Kraniche auf der Kuchenvitrine, Pastell an den Wänden: Barbara Schmid hat ihre Eisdiele „Café Mieze“ im Retro-Look der 50er Jahre eingerichtet. Mit viel Experimentierfreude im Eislabor hat die Betreiberin von Dettenhausens einzigem Eissalon schnell Stammkunden gefunden, zum Beispiel die zehnjährige Lara Maria Marx, die besonders die kalte Komposition aus Waldfrüchten schätzt. Bild: Sommer

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19.08.2015, 12:00 Uhr

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