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Barometer des Ruhms
Sie stellt die Rangliste der Großkünstler auf: Linde Rohr-Bongard. Foto: dpa
Linde Rohr-Bongard, Herrin über den Kunstkompass, sucht neuen Verlag

Barometer des Ruhms

Iin der Kunstwelt ist Linde Rohr-Bongard einfach nur "der Kompass". Die Kölnerin erstellt das einflussreichste deutsche Kunst-Ranking. Unklar ist allerdings, wo der Kunstkompass künftig erscheinen soll.

21.04.2016
  • CHRISTOPH DRIESSEN, DPA

Köln. "Was ist denn hier drin?", fragt sich Linde Rohr-Bongard und öffnet einen alten Karton. "Ach, die Bilder mit Sigmar!" Die Schachtel ist bis zum Rand gefüllt mit Fotos, die immer wieder den gleichen dicken Mann zeigen. Mal wirft er eine Pizza in die Luft, mal wirbelt er mit einem großen Stück Stoff herum, mal lässt er sich mit einem Zollstock vermessen. Und egal was passiert, immer lacht er. "Ach ja, er war einer der humorvollsten Menschen, die ich je kennengelernt habe, der Sigmar", seufzt Rohr-Bongard. "Der Sigmar" hieß mit Nachnamen Polke, war ein Maler von Weltrang und galt als äußerst verschlossen. Was aber nicht für "die Heidelinde" galt, wie er Rohr-Bongard anzusprechen pflegte.

Die 70-jährige Kölnerin, die immerzu Geschichten aus der Kunstwelt erzählt, ist keine Galeristin, keine Kuratorin, keine Sammlerin, keine Kritikerin. Sie ist "der Kompass." Wenn sie ein Atelier oder eine Galerie betritt, dann fällt oft der Satz: "Ach guck mal, da kommt der Kompass!" Seit nahezu einem halben Jahrhundert erstellt sie das einflussreichste in Deutschland erscheinende Kunstranking - den Kunstkompass. Wie in einer Bundesliga-Tabelle ist dort aufgelistet, wer zurzeit die Nummer eins ist, wer auf den weiteren Plätzen folgt, wer aufgestiegen ist und wer abstiegsgefährdet. Dabei ist die Tabelle nicht auf Deutschland beschränkt, sondern international. An der Spitze steht seit zwölf Jahren Gerhard Richter, und dies mittlerweile mit so großem Abstand, dass ihm die Position auch dieses Jahr niemand streitig machen kann.

Natürlich ist ein solches Ruhmesbarometer umstritten. Regelmäßig beschweren sich Künstler, dass sie eigentlich höher stehen müssten. "Auch Georg Baselitz hat hier schon angerufen und mir gesagt: ,Sie machen das nicht richtig! ", erzählt Linde Rohr-Bongard. Beeinflussen lasse sie sich aber nicht, beteuert die ehemalige Kunstpädagogin. Es gehe ja auch nicht um ihre persönliche Meinung. Die Kompassnadel wird nach einem ausgetüftelten System ausgerichtet: Berücksichtigt und jeweils mit einer bestimmten Punktezahl bewertet werden Einzelausstellungen in rund 300 bedeutenden Museen weltweit, die Teilnahme an wichtigen Gruppenausstellungen, Rezensionen in Fachmagazinen und Auszeichnungen. Preise und Auktionsrekorde schlagen sich nicht nieder.

Erfunden wurde der Kunstkompass 1970 von Lindes Mann, dem Journalisten Willi Bongard. "Erst haben wir uns deshalb unglaublich gefetzt", erzählt sie. "Ich fand ein solches Ranking skandalös. Künstler sind schließlich keine Rennpferde." Doch dann habe er sie mit dem Argument überzeugt, der Kompass mache den undurchsichtigen Kunstmarkt transparenter. Nach dem Unfalltod ihres Mannes 1985 habe Joseph Beuys zu ihr gesagt: "Du musst das jetzt machen. Wer denn sonst? Das bist du Willi schuldig."

Im Lauf der Jahre wuchs ihr privates Archiv für die Recherchen. Der Großteil davon liegt inzwischen im Research Center des Getty-Museums in Los Angeles. Reste finden sich aber auch noch in ihrer Garage und im Keller. Über eine finstere Treppe gelangt man dorthin. Wo andere Leute Rasenmäher oder Werkzeug deponieren, türmen sich bei ihr Kunstbände und Aktenordner.

Mittlerweile wird der Kompass am Computer erstellt. Viele Jahre erschien die Rangliste im Wirtschaftsmagazin "Capital" und im "Manager-Magazin", 2015 dann in der Zeitschrift "Weltkunst" aus dem "Zeit"-Kunstverlag. Dieses Jahr wird der Kompass dort nicht mehr veröffentlicht, auch wenn die Zusammenarbeit "für beide Seiten ein Erfolg" gewesen sei, wie eine Verlagssprecherin betont. Aber das Thema Ranking habe für die "Weltkunst" an Bedeutung verloren.

Bis zum Herbst, wenn der Kunstkompass 2016 fertig wird, sucht Rohr-Bongard nun einen neuen Partner. "Vielleicht ein großes Magazin oder ein Fernsehsender, ich bin da offen." Finanziert wird der Kompass vor allem über Kunsteditionen, die Rohr-Bongard jedes Jahr herausgibt. Für diese limitierten Serien hat sie in der Vergangenheit Künstler wie Baselitz, Polke, Trockel und Uecker gewonnen.

Erschiene der Kompass künftig nicht mehr, würde das manch einen wohl freuen. "Man zieht sich mit dieser Arbeit auch ne Menge Hass zu", hat sie festgestellt. Kaum eine Branche ist so sehr von Eitelkeit und Eifersucht geprägt wie der Kunstbetrieb. Aber viele würden den Kompass auch vermissen. Denn bei einer Sache ist sie sich absolut sicher: "Heimlich hofft natürlich jeder, dass er irgendwann auch mal die Nr. 1 wird."

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21.04.2016, 06:00 Uhr

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