Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Basler Leckerli
Veränderungsprozesse sichtbar machen: Roni Horns Textcollage nach dem berühmten Satz von Gertrude Stein „A rose is a rose…“ in der Fondation Beyeler. Foto: Gerda Meier-Grolman
Kunst

Basler Leckerli

Kunst-Hochsaison im Dreiländereck: Dem Blauen Reiter wird in einer tollen Werkschau gehuldigt, ebenso Roni Horn und Jackson Pollock.

06.10.2016
  • BURKHARD MEIER-GROLMAN

Basel. Schon ziemlich gewöhnungsbedürftig ist dieser von den beiden eidgenössischen Architekten Christ und Gantenbein mit mehr als 100 Millionen Schweizer Franken Aufwand an das altehrwürdige Basler Kunstmuseum am St. Alban-Graben angesetzte Neubau. Einige Kunstfreunde vermuteten schon bei der Erstbegehung, sie hätten statt der Museumsräume die immerhin mit einem eigens von dem amerikanischen Objektkünstler Frank Stella gefertigten Triumphbogen geschmückte Tiefgarage erreicht. Andere verwechselten die unterirdische Empfangshalle gleich mit dem von einer Putzkolonne kurz zuvor noch auf Hochglanz getrimmten Verkaufsraum einer Großfleischerei.

Nicht zu vergessen die in ein äußerst kühles Eisgrau getauchten, steil himmelwärts zu den Obergeschossen strebenden endlosen marmornen Treppenfluchten, die nur von durchtrainierten Kunstgängern erklommen werden sollten. Den anderen ist dringend der Lift zu empfehlen. Oben angekommen sind dann diese verwirrenden ersten Eindrücke schnell vergessen, denn hier wartet eine dicke Überraschung auf den wissbegierigen Museumsgast. Der figurative Jackson Pollock ist zu entdecken.

Zwar soll dieser 1912 in Cody im US-Bundesstaat Wyoming geborene, 1956 bei einem selbst verschuldeten Autounfall ums Leben gekommene berühmte Action-Painter gesagt haben, wer aus dem Unbewussten heraus malt, der müsse zwangsläufig irgendwelchen Figuren begegnen. Aber wer hat sie schon jemals gesehen, diese Figuren, die bei Pollock auftauchen, und wie sehen sie aus?

Es stellt sich schnell heraus, dass uns bisher nahezu das gesamte Pollock-Oeuvre aus den knapp 30 Schaffensjahren vorenthalten wurde, denn weltweit haben sich so ziemlich alle Kunstinstitute nur auf die zwischen 1947 und 1950 entstandenen Dripping-Bilder gestürzt.

Alle Malregeln ausgehebelt

Natürlich ist das eindrucksvoll, einen Künstler zu beobachten, der alle akademisch geprägten Malregeln aushebelt und der wie Pollock Farbe einfach auf die auf dem Boden liegende Leinwand spritzt und schüttet. Da kommt sogar Hollywood auf den Geschmack und widmet dem Maler einen ganzen Film. Tatsächlich kommt einem jetzt im Basler Kunstmuseum ein völlig unbekannter Pollock entgegen. Da gibt es farbsatte dem Surrealismus abgelauschte Werke, die mit Max Ernst und Salvador Dali liebäugeln und die besonders auf einen anderen Granden der Moderne hinweisen, der ganze Künstler-Generationen geprägt hat.

Pollock war etwa so von Pablo Picassos Guernica-Beschwörung fasziniert, dass aufgerissene Pferdemäuler und geschändete Körper immer wieder in seinen Zeichnungen und Bildern auftauchen. Und dankbar ist man der Kuratorin dieser Pollock-Hommage, Nina Zimmer, auch, dass sie tatsächlich Pollocks sattsam bekannter Dripping-Phase wenig Beachtung schenkt, was das Ausstellungs-Erlebnis intensiver macht.

Wer nun Lust bekommen hat, Pollocks Intention, aus dem abstrakten Raum heraus wieder Figuratives zu filtern, mit anderen Kunstströmungen, die ebenfalls mit der Abstraktion arbeiten, zu vergleichen, der muss nur die Basler Tram 6 zur Fondation Beyeler in Richtung Basler Vorort Riehen besteigen. Dort erwartet ihn eine andere aber doch sehr wesensverwandte Kunst-Offenbarung: Kandinsky, Marc und der Blaue Reiter.

War im Basler Kunstmuseum vom abstrakten US-Expressionismus die Rede, so herrscht in Riehen eindeutig der vor allem an der Isar in München und im bayerischen Voralpenland in Murnau gezeugte deutsche Expressionismus vor. Nur haben wir hier einen Umkehreffekt: Tauchen bei Pollock die Figuren aus der abstrakten Ursuppe auf, so gerinnen bei Kandinsky & Co. Hunde, Pferde, Kühe, Dorfstrassen und ganze Landschaften im Handumdrehen zu emotional stark aufgeladenen grellbunten Farbfeldern, die mitunter nur noch wenige Realitätspartikel enthalten.

Leihgaben aus aller Welt

Um möglichst alle kunstinteressierten Publikumsschichten zu erreichen, hat die Fondation Beyeler nicht nur diesen mit Leihgaben aus aller Welt überaus üppig ausgestatteten Event inszeniert – selbst das Münchner Lenbach-Haus könnte neidisch werden. Nein, als zweites Beyeler-Leckerli wurde dort jetzt eine Werkschau der 1955 in New York geborenen Objektkünstlerin Roni Horn eröffnet.

Schwer einzuordnen, diese Dame, sie ist eine besessene Zeichnerin, sie präsentiert Fotoserien, die ständig das Thema Identität und Selbstfindung umkreisen, sie setzt tonnenschwere und milchig-trüb schimmernde Glasskulpturen in den Hauptraum der Fondation, die begreiflich machen, dass sich alles je nach Standort verändern kann. Und sie lichtet ganz persönliche „selected gifts“ ab, also persönliche Geschenke, die sie selbst erhalten hat – darunter Bücher von Virginia Woolf und Jean Genet, Fleischklößchen, eine Armbanduhr, ein Dinosaurier-Ei, Comic-Püppchen, Lederhandschuhe, einen Jahreskalender. Ein Sammelsurium, das bestens dazu taugt, ein ungefähres, aber recht habhaftes Psychogramm der Künstlerin zu basteln.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

06.10.2016, 06:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball