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Kommentar

Bauers Rat ist bei der EU gefragt

Der Reutlinger Reporter und frühere TAGBLATT-Journalist Wolfgang Bauer hat sich als Flüchtling ausgegeben und ist mit vielen Verzweifelten aus Syrien in einem Boot von Afrika nach Europa gefahren. Sein Buch „Über das Meer“, das er vor einem Jahr über seine Erfahrungen mit Schleppern, Flüchtlingen und Behörden geschrieben hat, entwickelte eine enorme Langzeitwirkung. So hatte ihn der Innenausschuss des Europaparlaments vor zwei Wochen zu einer Anhörung nach Brüssel eingeladen

09.07.2015

. „Ich kannte diesen Ausschuss gar nicht und habe mir von Kollegen sagen lassen, dass der schon wichtig sei und was bewirken könne“, sagt der Reutlinger Journalist, der für die „Zeit“ schreibt. So wolle dieses Gremium im Dezember in Straßburg eine Resolution zur Reform der Migrationspolitik verabschieden. Die derzeitige Diskussion pendle vor allem zwischen den beiden Extremen, humanitäre Korridore zu öffnen oder alle Flüchtlinge zurückzuschicken, sagt Bauer, der in Brüssel vor allem über seine Erfahrungen mit den Schleusern berichten sollte.

Erschreckt habe ihn dabei, welche Bruchzone innerhalb Europas entlang des früheren Eisernen Vorhangs noch existiere. „In den osteuropäischen Ländern herrscht die Stimmung vor: Flüchtlinge sind nicht integrierbar, bringen kein Wissen mit und lassen unsere Gesellschaften kollabieren“, erklärt der Reporter. Stellvertretend dafür stehe der frühere bulgarische Innenministers Tsvetlin Yovchev, der für den Bau einer Absperrung zwischen seinem Land und der Türkei, die Migranten abhalten soll, verantwortlich ist.

Bauer selbst wäre zwar „von Herzen gerne“ für offene Grenzen für Flüchtlinge, befürchtet aber, dass Europa dann nach rechts driften könnte und damit das Gegenteil einer offenen Gesellschaft herauskäme. Deshalb plädierte der Reutlinger vor dem Innenausschuss des EU-Parlaments für eine Lösung wie im Bosnien-Krieg: Freie Aufnahme für Menschen, die dem Bürgerkrieg entkommen sind – ohne Einzelfallprüfung, aber mit der Vorgabe, dass diese Flüchtlinge nach Beendigung des Bürgerkriegs in ihre Heimatländer zurückkehren. Ausnahmen davon könnten freilich geprüft werden.

„Das hat sich im Bosnienkonflikt bewährt, der Großteil der Flüchtlinge ist nach Ende der Auseinandersetzungen wieder in die Heimat zurück“, erinnert sich Bauer. Viele Menschen aus Syrien, mit denen er gesprochen habe, wollten später ebenfalls wieder in ihr Heimatland.

Und dann kommt der Reporter auch auf den Kreis Reutlingen zu sprechen, in dem er bei der Unterbringung von Flüchtlingen eine Bandbreite zwischen zwei Extrembeispielen festgestellt hat: Gomadingen, wo die Flüchtlinge im ehemaligen Feriendorf wohnen, sei ein Vorzeigeprojekt, hinter dem auch viele in der Bevölkerung stehen würden.

Das Erstaufnahmelager des Landkreises in der Betzinger Carl-Zeiss-Straße dagegen sei ein schlimmer Ort am schlechtesten Platz in ganz Reutlingen: „Ich kenne kein Beispiel in Deutschland, wo Flüchtlinge zwischen zwei Bordellen untergebracht werden. Da fliehen Familien vor religiösen Scharfmachern, die dem Westen Dekadenz und Verderbtheit vorwerfen – und finden sich hier im Puff-Viertel wieder“, schimpft Bauer. Thomas de Marco

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09.07.2015, 12:00 Uhr

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