Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Kommentar

Bauwahn statt German Angst

Immer, wenn der Versuch unternommen wird, die deutsche Seele zu ergründen, schwingen dunkle Untertöne mit: der Hang zur Romantik, eine gewisse Schwermut, Pessimismus, und vor allem die Furcht vor der Zukunft, die mittlerweile neudeutsch als German Angst verschlagwortet wird. Dabei wird übersehen, dass zumindest in der Ferienzeit an allen Ecken und Enden gebuddelt und hochgezogen, aufgerissen und zugepflastert wird – und dieser Bauboom durchaus von großem Vertrauen in die Zukunft kündet.

21.08.2012
  • Thomas de Marco

Bauwahn statt German Angst – einen Beweis dafür liefert auch die Rückfahrt aus dem Urlaub. Auf gut 700 Kilometern französischer Autobahn von der westlichen Normandie bis zur deutschen Grenze bei Saarbrücken stören zwar die vielen Maut-Zahlstellen massiv den Fahrfluss, doch auf der gesamten Strecke taucht nur eine einzige Baustelle als Hindernis auf.

Das ändert sich auf deutscher Seite sofort und grundlegend: Im Saarland und in der Pfalz wird alle paar Kilometer kräftig für einen besseren Belag gearbeitet, zwischen Karlsruhe und Pforzheim ist die Autobahn dann sowieso nur noch eine einzige Baustelle. Und wenn dann mal die Fahrbahn gerichtet ist, nimmt das fleißige Männchen im dreieckigen Warnschild gleich wieder die Schaufel in die Hand, weil eine neue Raststätte gebaut wird. Bevor es bei Stuttgart auf die B 27 abgeht, ist erneut das Baustellen-Gelb die dominierende Leitfarbe.

Und für die letzten Kilometer nach Reutlingen muss die Einflugschneise über Metzingen genommen werden, weil der Zubringer von der B 27 bekanntlich noch bis 22. August vollständig gesperrt ist. Endlich angekommen in der Stadt der werdenden Stadthalle und des entstehenden Scheingipfeltunnels, ist die Überraschung groß: Innerhalb von zwei Wochen ist in unmittelbarer Nachbarschaft des eigenen Heims ein Rohbau vom Keller bis zum ersten Stock hochgezogen worden.

Wer dann noch kurz der Innenstadt einen Besuch abstattet, stößt auf die nächsten Nachweise gesteigerter Bauwut während der Ferienzeit: Ob neu eingefasste Kanaldeckel entlang der Adenauerstraße, eingerüstete Kalbfell-Halle, Absperrungen in der Wilhelmstraße oder die große Umgestaltung des Westbahnhofs, Baugruben vor und hinter dem Tübinger Tor – überall gilt das kommunale Mantra: Ich baue, also bin ich.

Rund 35 Baustellen tun sich derzeit alleine im Innenstadtbereich auf, ist bei der Stadtverwaltung zu erfahren. Deshalb wird es höchste Zeit, dass sich Reutlingen auch formal dazu bekennt, in der Ferienzeit dem Hoch- und Tiefbau die absolute Priorität einzuräumen.

Damit dies endlich offiziell dokumentiert wird, schlagen wir vor, dass die Stadt ihr Wappen während der Urlaubszeit abändert und dem reichsstädtischen Adler das fleißige Männchen mit der Schaufel verpasst. Dann ist auch heraldisch verbrieft, was jeder beim Stolpern von Baustelle zu Baustelle täglich sowieso erleben muss: In der Feriensaison wird die ehemalige Freie Reichsstadt zur aktiven Baustadt Reutlingen.

Bauwahn statt German Angst

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

21.08.2012, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball