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Langes Warten auf die Polizei

Beamte kamen erst nach 20 Minuten zur Randale in der Neckargasse

Am Dienstagnachmittag randalierte ein Mann unter Medikamenteneinfluss in der Neckargasse. Passanten griffen ein und bändigten ihn, bevor er sich und andere ernstlich verletzen konnte. Die Polizei war erst 20 Minuten später vor Ort. Für die Notärztin Lisa Federle kein Einzelfall: Seit der Polizeireform kämen Beamte später als zuvor. Die Polizei weist den Vorwurf zurück.

11.12.2014
  • Jonas Bleeser

Tübingen. Dienstagnachmittag, kurz vor 17 Uhr: Ein Mann torkelt sichtlich desorientiert die Neckargasse hinunter. Leute sprechen ihn an, fragen, ob er Hilfe braucht. Doch der reagiert aggressiv: „Der wollte sich nicht helfen lassen“, erinnert sich eine Angestellte eines Geschäfts. Um 16.59 Uhr erreicht ein Notruf einer Augenzeugin den Rettungsdienst. Da der Mann um sich schlägt, gibt die Leitstelle des Roten Kreuzes (DRK) die Meldung an die Polizei weiter.

Mittlerweile sind einige Passanten stehengeblieben, um zu helfen. „Die haben klasse reagiert“, sagt die Verkäuferin. Zwei versuchen, den Mann zu bändigen, der offenbar verwirrt ist und versucht, auf die Straße zu laufen. Die Polizei wiederum informiert um 17.06 Uhr die Leitstelle, es werde ein Rettungswagen benötigt, die Polizei sei vor Ort. So schildert es die Notärztin Lisa Federle. Als sie um 17.12 Uhr in die Neckargasse kommt, ist jedoch noch kein Polizist zu sehen. Der Mann wird von zwei Männern am Boden festgehalten, ist aber sehr aggressiv: „Er hat um sich geschlagen und ein Werbeschild zertrümmert“, erinnert sich Federle. Als um 17.18 Uhr immer noch keine Streife da ist, fragt Federle auf ihrer Leitstelle erneut nach, wo die Beamten bleiben. Die bekommt vom Reutlinger Präsidium die Auskunft, die Polizei müsste eigentlich längst da sein. Doch erst einige Minuten darauf trifft ein Streifenwagen ein, dann eine Zivilstreife, schließlich ein drittes Polizeiauto. Die Polizisten nehmen den Mann mit und bringen ihn in die Klinik.

Federle: Schuld ist die Polizeireform

Für Federle ist der Vorfall ein Beispiel für ein grundlegenderes Problem: Seit Januar 2014 sind die Dienststellen Tübingen, Reutlingen und Esslingen zum neuen Polizeipräsidium vereinigt – und seither komme die Polizei häufiger später zu gemeinsamen Einsätzen mit dem DRK. Auf eine Rückfrage, warum die Polizei noch nicht da sei, habe einer ihrer Kollegen einmal zur Antwort bekommen, das läge eben an der Polizeireform.

Prinzipiell arbeite man nach wie vor gut zusammen und habe ein „ausgezeichnetes Verhältnis“. Doch ihrem Eindruck nach reichten die Kapazitäten bei der Polizei nicht aus. „Die Kripo kommt beispielsweise deutlich später zu einem Suizid als früher. Das dauerte auch schon Mal über eine Stunde.“ Darüber hinaus gebe es eine größere Anonymität als zu der Zeit, als die Notrufe noch über das Tübinger Revier liefen und nicht über Reutlingen.

Polizeisprecher Josef Hönes bestätigt, dass seine Kollegen am Dienstag ungewöhnlich lange brauchten, bis sie in der Neckargasse waren: „Das war ein langer Zeitraum und ist nicht die Normalität.“ Im Führungs- und Lagezentrum in Reutlingen sei dank der mit GPS ausgerüsteten Wagen immer klar, wo sich welche Streife im Kreis Tübingen befindet. Aber am Dienstag sei sehr viel los gewesen: Um 16.34 Uhr ein Brandalarm am Europaplatz, um 16.45 Uhr ein Unfall auf Waldhäuser Ost, um 16.59 Uhr ein Unfall in der Eberhardstraße und zeitgleich in der Hechinger Straße. Der Polizeiposten in der Pfleghofstraße, von dem aus die Beamten am schnellsten da gewesen wären, war mit einer Anzeigenaufnahme beschäftigt. „Wir hatten fünf Streifen, alle waren im Einsatz. Deshalb hat es länger gedauert.“ Um 17.09 Uhr habe man eine Zivilstreife, die gerade mit einer Personenkontrolle beschäftigt war, in die Neckargasse beordert. Die anderen Beamten seien sofort aufgebrochen, als es ihnen bei ihren jeweiligen Einsätzen möglich gewesen sei.

Einen Zusammenhang mit der Polizeireform kann er nicht erkennen: „Das war in der alten Welt nicht anders, früher hatten wir manchmal nur drei Streifen.“ In Tübingen gebe es in der Regel kaum einen Ort, den man tagsüber nicht in fünf Minuten erreiche. Verändert habe sich allerdings die Zuständigkeit bei Todesfällen: „Da ist jetzt immer zuerst der Kriminaldauerdienst zuständig, auch nachts.“ Sein Sitz ist in Nürtingen, und wenn die beiden Besatzungen beispielsweise gerade in Plochingen oder Esslingen im Einsatz seien, dann könne es eben länger dauern. Die nachfolgenden Ermittlungen übernehme dann aber wie früher auch das Tübinger Kriminalkommissariat mit seinen rund 30 Beamten.

Tübingens Stadtbrandmeister Michael Oser kann Federles Beobachtung nicht bestätigen. „Mal ist die Polizei vor uns da, mal kommen sie hinterdrein.“ Eine Veränderung zur Zeit vor der Reform kann er nicht feststellen.

Personalrat: Reform ist richtig, aber unfertig

„Wir sehen durchaus einen Mangel an Personal im operativen Bereich“, sagt dagegen Hans-Jürgen Maier von der Deutschen Polizeigewerkschaft und Personalrat im Reutlinger Präsidium. Den habe allerdings schon die Schwarz-Gelbe Landesregierung verschuldet. Durch die Reform habe eine Verstärkung der Reviere stattgefunden, „aber sie versickert in den Stäben und im Ermittlungsdienst“. Es fehle an frischem Streifenpersonal.

„Vom Ansatz her ist die Reform richtig“, glaubt Maier. Sie wirke aber erst auf lange Sicht und sei zu groß angelegt gewesen. Man habe die Zuschnitte der neuen Präsidien teilweise schlecht gewählt. Dadurch seien bestehende Netzwerke zwischen der Polizei, anderen Behörden und Einrichtungen zerschlagen worden. „Damit hadern wir immer noch.“

Beamte kamen erst nach 20 Minuten zur Randale in der Neckargasse
Polizeistreife im Einsatz: Wie schnell die Beamten vor Ort sind, hängt mit der Auslastung zusammen. Am Dienstag dauerte es ungewöhnlich lange.Archivbild: Metz

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11.12.2014, 12:00 Uhr

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