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Füreinander gemacht

Bebenhäuser Restauratoren Anja Brodbeck-Holzinger und Martin Holzinger

Sie ergänzen sich im Job, in der Erziehung ihrer beiden Kinder und sind 24 Stunden am Tag zusammen: Das Bebenhäuser Restauratoren-Paar Anja Brodbeck-Holzinger und Martin Holzinger über eine Geschichte, die mit einer Nachricht auf dem Anrufbeantworter begann – und sogar in einer Leichenhalle ihre Fortsetzung gefunden hat.

17.09.2016

Von Moritz Hagemann

Tübingen. Im Frühjahr 1999, erinnert sich Martin Holzinger, habe er eine Nachricht auf seinem Anrufbeantworter abgehört. Dass die Frau, die ihn damals um die Hilfe bei der Suche einiger Praktika bat, im April 2010 seine Ehefrau werden sollte, war so schnell nicht absehbar. Denn: „Wir haben es ruhig angehen lassen“, sagt Martin Holzinger. Doch weil beide im Beruf bereits vereint waren, kreuzten sich die Wege mehr und mehr: wie 2000 beim „Lamparter Haus“ in Vaihingen-Enz. Am selben Haus haben beide vor kurzer Zeit erst wieder gemeinsam gearbeitet. Nun als Geschäftspartner, als Eheleute – und als Eltern zweier gemeinsamer Kinder: der sechsjährigen Tochter Emma und Sohn Karl, der im kommenden Januar zwei Jahre alt wird.

Beide haben das Leben von Anja Brodbeck-Holzinger und ihrem Mann verändert – auch den Beruf. „Da konnte es auch sein, dass ein Architekt mal gewartet hat, weil meine Frau auf dem Gerüst noch stillen musste“, sagt er. Martin Holzinger hat noch einen weiteren Sohn: Leo, 23. Doch die Kinder seien auch im Beruf und der Selbstständigkeit keine Last, sondern eine Abwechslung. „Das hilft, dass man kein Fachidiot wird“, sagt er. Erst vorgestern genossen die beiden die Unabhängigkeit und konnten Tochter Emma zur Einschulung begleiten. Er, sagt Holzinger, könne sich sogar vorstellen, für ein Jahr mal den Hausmann zu geben. Dann blickt er lächelnd rüber. „Aber wir würden ja trotzdem ständig über den Beruf diskutieren“, sagt sie. Er ergänzt, dass er den Beruf auch deshalb schnell vermissen würde.

Seit 2007 lebt das Paar in Bebenhausen, wohnte davor schon zusammen in Pfrondorf. Doch als die Großmutter von Anja Brodbeck-Holzinger verstarb, zogen beide in den Klosterort, der mit seinem historischen Charakter auch zum Beruf passt. Sie genießen die Ruhe im Ort, sagen beide. Meist führt Martin Holzinger während des Gespräches das Wort, seine Frau nickt oft zustimmend. Nicht nur dabei ergänzt sich das Paar gut: Da der „Wald- und Wiesenrestaurator“, dort seine Frau, die akademisch durchformulierte Standards und digitalisierte Pläne beherrsche. „Dieses Fachspektrum deckt sie zusätzlich ab“, sagt er.

An ihrem Job reizt beide die Erhaltung und der sichtbare Erfolg. „Man sieht, was man gemacht hat“, sagt sie. „Das ist toll!“, ergänzt er. Sätze wie: „Das ist doch egal, man sieht es doch eh nicht“ – die sind es, die beide nicht hören können. Außerdem warten immer neue Herausforderungen. „Jedes Objekt ist für sich eigenartig“, sagt sie. So braucht es stetig neue Denkweisen und neue Arbeitsansätze. Das verhindere „sich selbst in eine Museumssituation zu bringen und nach hinten zu leben“. Wenn man Martin Holzinger eine Weile zuhört, dann kommt seine Akribie und seine Verliebtheit in Details zum Vorschein: wie bei einem seltenen Pinsel, den er aus der Tasche zieht. „Der ist aus dem Schwanz eines sibirischen Eichhörnchens.“

Aber man hört auch schnell, dass die zunehmende Digitalisierung nicht so seine Sache ist. Einen Fernseher, „die Zeittotschlagmaschine“, besitzen sie nicht. Sie hätten sich zwar eine Zeit lang DVDs wie „Twin Peaks“, „Breaking Bad“ oder „Six Feet Under“ angeschaut. Doch das habe sich eingestellt, „das Gemorde muss nicht sein, wenn die kleine Tochter nebenan schläft“, sagt er. Auch von Twitter oder Facebook will die Familie nichts wissen. Nicht einmal eine Homepage hat sie. Das liege auch daran, dass die Auftraggeber nur selten Privatleute seien. Und: „Manch ein Restaurator hat noch nicht mal ein Namensschild an seiner Klingel“, sagt Martin Holzinger, der das mit möglichem Skulpturenraub in Verbindung bringt.

Viel Freizeit bleibt der Familie bei Kind und Beruf nicht. „Aber es ist auch nicht so, dass ich von Sonntag auf Montag mal den Blues bekommen habe, weil das Wochenende vorbei ist“, sagt er. Doch die Gitarren seien eingestaubt, er fahre zur Entspannung wenn dann mal eine abendliche Motorrad-Runde. In diesem Sommer aber ging’s sogar nach längerer Zeit mal wieder in den Urlaub: einfach los über die Alpen, bis nach Südfrankreich. Doch wenn da eine mittelalterliche Stadt auf dem Weg gelegen habe, dann sei die auch angeschaut worden. „Mit zwei Kindern kann man aber nicht so ein Kunstprogramm durchziehen“, sagt sie. Es sei auch nicht so, dass die Kinder später denselben Beruf einschlagen sollen. Holzinger stellt dar, dass er mit einem Skalpell und einer Lupenbrille auf dem Kopf als Tagwerk eine postkartengroße Fläche freilegen würde. „Und wenn einem das nicht’s gibt“, sagt er, „dann ist das eine regelrechte Folter!“ Deshalb sollen die Kinder zu nichts gezwungen werden.

Die werden eines Tages die Geschichte hören, wie ihre Eltern zu Beginn ihrer gemeinsam Tätigkeit mit einem alten, mittlerweile verrosteten, Mercedes-Wohnmobil an ihren Auftragsorten überachtet haben, in Vilsingen sogar mal neben dem Friedhof campiert und sich in der Leichenhalle gewaschen haben. „Da waren wir auch schon 24 Stunden am Tag zusammen“, sagt er. „Und es hat geklappt. Wir sind da gestählt.“

Für den Besuch beim TAGBLATT, sagt Martin Holzinger, habe er eine Mission mitgebracht: „Ich will eine Lanze für die Denkmalpflege brechen!“ Die Tübinger Altstadt sei ein gutes Beispiel mit all ihren Fachwerkhäusern – denn die sollten geschützt und erhalten werden. „Tübingen ist da mit seiner Altstadtsatzung vorbildlich“, sagt er. Dabei ist der Beruf der Restauratoren auch politisch und von der Umwelt geprägt. Kriege hätten Bauwerke verändert, die Technologie bringe neue Materialien. Und Baustile, die an Temperaturen oder Regionen angelehnt sind, sterben aus. Ein klassisches Schwarzwaldhaus sei so ein Beispiel.

Obwohl die beiden vorwiegend in Baden-Württemberg tätig sind – wie zuletzt am Tübinger Rathaus – sind die Verknüpfungen ins Ausland wichtig. Beide waren zum Praktikum im italienischen Florenz. „Italien ist halt der Befruchter gewesen“, sagt Martin Holzinger. „Ich hatte den Eindruck, dass die sehr freudig in der Welt der Kunst leben.“ In der Umgebung seien Urach, Ulm und Augsburg „ganz wichtige Städte“ für die beruflichen Impulse. In den 80er-Jahren sei der Beruf der Restauratoren generell auch noch „ein gewisser Modeberuf“ gewesen. Durch die große Bannbreite, „von Schaufel und Schubkarre bis hin zum feinsten Pinsel“, habe der Beruf mittlerweile auch das Erbe der akademischen Kunstmaler angetreten; das Spektrum sei größer geworden, das allgemeine Interesse abgeflacht.

Große Firmen gibt es nur noch selten. Auch die Restauratoren aus Bebenhausen haben keinen einzigen Angestellten. Sie arbeiten mit freien Mitarbeitern, „wenn etwas Größeres ansteht, dann telefonieren wir uns zusammen“, sagt Martin Holzinger. Und selbst, wenn es manchmal nur bei einer Nachricht auf dem Anrufbeantworter bleibt. Es kann der Beginn von etwas Großem sein.

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Erstellt:
17. September 2016, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
17. September 2016, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 17. September 2016, 01:00 Uhr

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