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Zehn Tage nach dem Raub

Bedrohte Verkäuferin spricht über den Überfall

Ivonne Reuter ist vor zehn Tagen in einer Reutlinger Bäckerei von einem bewaffneten Räuber überfallen worden. Die 28-Jährige hat dieses Erlebnis offenbar überraschend gut verkraftet – und wundert sich heute selber darüber, wie sie sich bei dem Überfall verhalten hat.

19.10.2012
  • Thomas de Marco

Reutlingen. Als der unmaskierte Täter, der seine Kapuze tief ins Gesicht gezogen hat, an diesem Montag kurz vor 18 Uhr, wenige Minuten vor Feierabend, den Laden in der Burgstraße betritt, ist Ivonne Reuter gerade mit den letzten Brötchen beschäftigt. Während die Eningerin hoch schaut, hat der Täter schon die Pistole auf sie gerichtet und sagt: „Kasse aufmachen!“

Was dann passiert, ist selbst für die Polizei außergewöhnlich. „Ich habe nur gesagt, nö, geht nicht!“, erinnert sich die Verkäuferin. Obwohl dem Ladenpersonal für diese Momente immer wieder eingeschärft wird, keinen Widerstand zu leisten, macht Reuter ohne groß zu überlegen genau das Gegenteil. „Ich weiß auch nicht, warum ich das getan habe“, sagt sie im Gespräch mit dem TAGBLATT.

Der Täter ist irritiert, fragt nach dem Safe. Die Verkäuferin zeigt ihm den einen Spalt offen stehenden Tresor im Hinterzimmer. Der Räuber hält Reuter die Pistole an die Schläfe, verlangt von ihr, dass sie den Geldbehälter öffnet. Und wieder reagiert sie völlig unerwartet – auch für sie selbst: „Ich habe ihm gesagt, er soll den Scheiß-Safe doch selber öffnen, der steht doch offen.“

Darauf sei der Täter nicht gefasst gewesen, erinnert sich Reuter. „Er hat mich eine halbe Minute lang angeschaut und wusste nicht, was er machen sollte“, sagt sie. Der Räuber öffnet dann doch selbst den Tresor, greift nach einem Kasseneinsatz mit dem Wechselgeld – und hinterlässt wahrscheinlich Fingerabdrücke, da er keine Handschuhe trägt. Er verlässt die Bäckerei durch den Hinterausgang mit wenig Bargeld, die Tageseinnahmen dagegen bleiben in der Kasse.

„Ich habe bei dem Überfall überhaupt keine Angst gehabt und fühlte mich nicht bedroht“, erzählt die Verkäuferin. Erst im Gespräch mit der Polizei stellt sie sich die Frage, weshalb sie so reagiert hat. „Da habe ich schon gedacht, das war ganz schön verrückt. Aber bereut habe ich es nicht.“

Er sei nur froh, dass seiner Mitarbeiterin nichts passiert ist, sagt Ebu Bekir Fazliu, 29, „alles andere ist mir egal.“ Der Filialleiter will seiner Angestellten nach dem Überfall eine Woche frei geben, doch Reuter lehnt ab und arbeitet gleich am nächsten Tag wieder. „Ich wollte mich überwinden und mir beweisen, dass ich es schaffe“, sagt sie.

Doch die Zeit nach der Tat ist schwierig für sie. In der ersten Nacht hat sie höchstens eine Stunde geschlafen. Kurz vor Feierabend schaut sie immer genau hin, wer die Bäckerei betritt. Obwohl Reuter in der ersten Woche nach dem Überfall während der letzten halben Stunde vor Ladenschluss nicht wie sonst alleine hinter der Theke steht, sondern mit ihrem Chef oder einer Kollegin.

Die Eningerin hat mit ihrer Schwester und ihrem Freund über die bedrohliche Situation gesprochen, „aber ausheulen oder um Hilfe bitten musste ich nicht“, sagt sie. Mit jedem Tag Abstand hat die Verkäuferin nachts mehr geschlafen, jetzt sei es wieder normal.

Den Überfall hat sie zwar noch nicht ganz überwunden, „aber ich habe keine Angst, dass der Täter wieder kommt“, erklärt Reuter. Ihr würde es allerdings auf jeden Fall etwas bringen, wenn der Räuber gefasst werde. „Ich habe keinen Hass auf ihn. Aber es wäre gut zu wissen, dass er es umsonst gemacht hat.“

Manchmal hat die Verkäuferin das Gefühl, dass der Vorfall ihren Chef und die Kolleginnen sogar mehr belastet als sie selbst. „Ich sage mir manchmal: Gott sei Dank ist das mir passiert und nicht einer meiner Kolleginnen. Denn die wären sicher nicht so einfach drüber weggekommen“, vermutet die 28-Jährige, die in ihrer Freizeit gerne ins Fitness-Studio geht.

„Ich habe eigentlich schon immer gewusst, dass ich sehr stabil bin“, sagt sie. Als sie früher in der Gastronomie gearbeitet hatte, nahm sie immer mal wieder den vollen Geldbeutel mit nach Hause. „Da habe ich mir immer überlegt: Was passiert bei einem Überfall? Und ich habe mir immer gesagt; Ich gebe alles ohne Widerstand her.“ Jetzt, als Ivonne Reuter tatsächlich überfallen worden ist, hat sie doch ganz anders reagiert. Und kann sich überhaupt nicht erklären, warum.

Bedrohte Verkäuferin spricht über den Überfall
Diese Bäckerei-Filiale in der Burgstraße ist vor zehn Tagen überfallen worden. Verkäuferin Ivonne Reuter erzählt zwar im TAGBLATT, wie sie diese Extremsituation erlebt hat. Im Bild möchte sie aber nicht erscheinen.Bild: Haas

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19.10.2012, 12:00 Uhr

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