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Nicolas Altstaedt über romantische Zerrissenheit, Verkaufszahlen und Visionen

Begegnung mit dem Unbekannten

Mit gerade einmal 30 Jahren wird der gefeierte Cellist Nicolas Altstaedt Nachfolger von Gidon Kremer als Leiter des legendären Lockenhaus-Festivals. 2010 mit dem bedeutenden Credit Young Artist Award ausgezeichnet, setzt er im Musikbetrieb Akzente – am Dienstag im Uni-Festsaal (siehe auch die Artikel „An der Grenze“ und „Viel Klang, wenig Publikum“ auf dieser Seite).

20.07.2012

TAGBLATT: Nicolas Altstaedt, Sie haben lukrative Angebote großer Labels abgelehnt, weil Sie kein seichtes Programm mit Blick auf hohe Verkaufszahlen einspielen wollten. Stattdessen haben Sie Unbekanntes bei kleinen Labels herausgebracht. Sind kleinere, alternative Labels und Festivals eine Chance, eigene Visionen zu verwirklichen?

Nicolas Altstaedt: Absolut. Jeder Musiker sollte sich mit dem identifizieren, was er spielt. Nur dann ist er hundertprozentig bei sich. Meist werden aber Programme vordiktiert. Im kommerziellen Konzertbetrieb gibt es so viele Beschränkungen: Man darf keine modernen Werke spielen, weil das viel GEMA kostet und weil die Veranstalter Angst vorm Publikum haben. Man kann nicht mit dem oder dem Künstler auftreten, weil der gerade erst irgendwo 100 Kilometer weiter gespielt hat. Oder man darf bestimmte Werke nicht spielen, weil sie dort vor drei Monaten erst gemacht worden sind und so weiter.

Sie treten häufig mit dem Tonhalle-Orchester Zürich auf. In Tübingen musizieren Sie mit dem Bundesjugendorchester – was verbindet Sie mit dem Ensemble?

Es ist mein Jugendorchester gewesen. Vor 14 Jahren habe ich noch mitgespielt. Meine erste Arbeitsphase dort hatte ich eben unter Mario Venzago, der auch jetzt wieder dirigiert. Damals haben wir eine Schumann-Symphonie einstudiert. Venzago hat sie sehr frei interpretiert. Das war für mich damals eine neue Perspektive, weil ich Schumann auf diese Art überhaupt nicht kannte. Vor vier Jahren habe ich dann mit Venzago in Winterthur schon einmal das Schumann-Cellokonzert gemacht. Und jetzt schließt sich der Kreis: Schumann mit Venzago und dem Bundesjugendorchester.

Auf was für einem Cello spielen Sie in Tübingen?

Auf dem von Nicolas Lupot, das ich seit zehn Jahren spiele. Lupot hat nur acht, neun Celli gebaut. Das hier ist aus seinem Todesjahr 1821, vielleicht sein letztes. Ich bin sehr glücklich damit, aber ich muss es im Februar leider wieder an die Stiftung Musikleben zurückgeben.

Was macht Schumanns Cellokonzert so besonders?

Schumann ist am wenigsten perfekt und daher auch am menschlichsten. Instrumentation und Form sind ganz speziell, das geht quasi in einem Puls durch. Daher hat es etwas Rhapsodisches. Es gibt himmlische Stellen, die man sonst nirgends findet. Es ist ein Stück, in dem so viele Dimensionen von Anfang an da sind. Vielleicht ist es das speziellste Cellokonzert überhaupt.

Sie haben einmal gesagt, das Cello sei für Sie immer nur ein Medium. Für was in diesem Fall?

Für Schumanns Zerrissenheit, seine zerbrochene Seele. Oder besser seine zwei Seelen, die er ja Florestan und Eusebius nennt. Diese Ambivalenz hat man bei Schumann mehr noch als bei jedem anderen Romantiker. Innerhalb eines einzigen Taktes ein Zögern, etwas Überschwängliches und dann wieder etwas Zurückhaltendes. Dieses ganze Hin- und Hergerissensein, das ist bei Schumann extrem. Und das ist sehr, sehr menschlich.

Vorige Woche fand das 31. Kammermusikfest im burgenländischen Lockenhaus erstmals unter Ihrer Leitung statt – wie war’s?

Erfüllend und erschöpfend. Es war eine unglaublich anstrengende Woche. Ich habe drei Stunden pro Nacht geschlafen, musste 20 Werke spielen und für alle da sein. Aber für mich war es auch ein Traum, weil ich mir alles verwirklichen konnte und alle meine Freunde da waren. Es hätte nicht schöner sein können.

Das Festival-Motto hieß „Metamorphosen“: Was vom großen Erbe Gidon Kremers werden Sie beibehalten, was werden Sie verändern?

Eigentlich definiert sich der Ort jedes Jahr neu. Was wir beibehalten, ist das System, der Geist: Freunde musizieren für Freunde, jeder bringt seine Wünsche ein. Es gibt kein Honorar, die Programme werden erst zwölf Stunden vorher angekündigt und können jederzeit geändert werden. Damit kann man eine Menge anstellen. Kremer hatte seinen Schwerpunkt auf baltischer Musik, bei mir wird sich das verlagern. Aber in Lockenhaus soll weiterhin alles möglich sein.

Dieses Jahr gastierte dort auch das Ungarische Nationalballett mit einer Choreographie zu Ligetis Streichquartett „Métamorphoses Nocturnes“. Sie selbst musizieren bei Tanzproduktionen von Sasha Waltz. Ist die Vernetzung von Künsten für Sie zukunftsweisend?

Ja. Wir wollen in den nächsten Jahren die Ritterburg Lockenhaus und ihre verschiedenen Höfe noch stärker bespielen. Zum Beispiel mit Promenadenkonzerten. Und es wäre mein Traum, dort auch einmal eine Barockoper zu inszenieren, etwa Purcells „Dido und Aeneas“.

Was war die schönste Rückmeldung, die Sie auf Ihren Lockenhauser „Start in eine neue Ära“ bekommen haben?

Das Allerschönste waren die Äußerungen von Mitkünstlern, weil das für mich am meisten zählt. Wenn die Musiker glücklich sind, dann weiß ich, es gibt eine Zukunft. Ich finde es aber auch sehr schön, wenn ich keine gute Rückmeldung habe: Als bei John Cages „Child of Tree“ für Percussion solo die Leute rausgegangen sind, hat mich das wahnsinnig gefreut.

Weil Cages Musik nach wie vor provoziert?

Nein, weil sie für diese Menschen neu war, weil sie noch nicht damit in Berührung gekommen sind. Wir haben ihnen etwas gezeigt, was sie noch nicht kannten. Und ich finde es wichtig, dass da auch einmal ein Zwiespalt herrschen darf.

Fragen: Achim Stricker

Begegnung mit dem Unbekannten
„Wenn die Musiker glücklich sind, dann weiß ich, es gibt eine Zukunft“, sagt der Leiter des burgenländischen Kammermusikfestivals Lockenhaus. Als Cellist ist Nicolas Altstaedt einer der jungen Stars der klassischen Szene. Am Dienstag konzertierte er mit dem Bundesjugendorchester im Festsaal.Bild: Metz

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20.07.2012, 12:00 Uhr

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