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Bühne

Begehbare Erinnerung

„Bitte lassen Sie Ihr Smartphone eingeschaltet!“: Wie in Dortmund mit digitaler Technik das Theater der Zukunft entsteht.

08.03.2018
  • URS HUMPENÖDER

Dortmund. Der Raum wird immer realer. Anfangs besteht er aus Gitterstrukturen, durch die der Zuschauer hindurchläuft. Dann sehen die Stuhlreihen, die Bühne, die Gesichter der Schauspieler aus wie in einem Animationsfilm. Ein Tastendruck auf der Fernbedienung, schon ist der riesige Bühnenraum durchschritten. Das ist kein Theater, es ist die Virtuelle Realität (VR). Björn Lengers und Marcel Karnapke von den CyberRäubern sind dafür verantwortlich, dass aus dem Stück „Die Borderline Prozession“ von Regisseur Kay Voges eine begehbare Erinnerung geworden ist.

Es reicht eine handelsübliche VR-Brille, schon steht der Zuschauer in der Inszenierung – kann sich umgucken und frei bewegen. Die Handlung des Stücks indes schreitet voran. Und der Zuschauer ist mittendrin. Realisiert haben die CyberRäuber ihr Projekt, indem sie den Bühnenraum mit Laserscans und 360-Grad Filmaufnahmen aufgezeichnet haben. Dass ausgerechnet ein Stück vom Intendanten des Schauspiels Dortmund eine digitale Version und damit auch eine Archivierung bekommt, ist kein Zufall. Voges hat es geschafft, sein Haus zum Vorreiter für Theater im digitalen Wandel zu machen.

Jeder darf Fehler machen

In Dortmund-Kley will Voges in einem ehemaligen Abendschulgebäude seine Visionen in eine Institution überführen. Sein Vorhaben: die Gründung der „Akademie für Digitalität und Theater“. Kürzlich haben Voges und sein Team zur Gründungskonferenz eingeladen, die unter dem Titel „Enjoy Complexity“ all jene versammelte, die vom digitalen Wandel im Theaterbetrieb nicht nur betroffen sind, sondern diesen auch mitgestalten wollen.

„Wir sind wie eine große Maschine am Theater, wir arbeiten eigentlich zusammen. Trotzdem gibt es immer noch dieses unheimliche Sektionsdenken“, erzählt Voges in seiner Rolle als Intendant. Ausstattung, Kostüm, Bühne, Oberbeleuchter – der Theaterbetrieb ist noch nicht im digitalen Zeitalter angekommen, wo professionsübergreifend gearbeitet werden soll. „Wir brauchen mehr Kompetenz. Und gleichzeitig müssen wir wegkommen von dieser Angst vor Fehlern. Auch die Tonabteilung oder die Ausstattung darf Fehler machen“, appelliert Voges. Schließlich gebe es im Schauspiel ja auch Souffleusen, die notfalls eingreifen, und keiner störe sich daran.

Probleme in der gegenwärtigen Situation sehen auch Wesko Rohde, der Vorsitzende der Deutschen Theatertechnischen Gesellschaft, und Hubert Eckart, der Geschäftsführer. Beide sind davon überzeugt, dass auch in Theaterberufen das Prinzip des lebenslangen Lernens eingeführt werden müsse. „Was nützt ein Elektriker, der Löten kann wie ein Gott, aber keine Ahnung hat von Server-Installation?“ Die Mitarbeiter müssten erst einmal fit gemacht werden für die Gegenwart, um dann für die digitale Zukunft gerüstet zu sein.

Doch was heißt das? Werden klassische Theaterberufe wie Bühnenmaler oder Beleuchter überflüssig, weil digitale Technologien wie Projektionen in den Raum oder automatisch dem Schauspieler folgende Scheinwerfer sie ersetzen? Immerhin arbeiten rund 38 000 Menschen festangestellt an deutschen Theatern. Nein, sagen die versammelten Theatermacher, aber es müsse ein Umdenken stattfinden. Immer wieder: mehr Kompetenzen. Es scheint, als sei die Digitalisierung für die große deutsche Theaterlandschaft Neuland. Selbst vermeintlich einfache Dinge wie WLan überall im Haus seien oft nicht umgesetzt, sagt Wesko Rohde. Das Theater der Zukunft aber wird nicht nur mit neuen Technologien wie Bewegungssensoren, 3D-Brillen oder digitalen Eintrittskarten gemacht, sondern auch durch neue Formen des Zusammenarbeitens. Kooperationen mit Hackern, Programmierern und Medienkünstlern sind in Dortmund Alltag.

Auf der anderen Seite der Bühne sitzt der Zuschauer und wird gebeten, sein Smartphone anzulassen. Denn ohne Smartphone würde er einen Teil der Inszenierung verpassen: die Augmented Reality (AR), die erweiterte Wirklichkeit. Der Medienkünstler Bobby Rajesh Malhotra hat in Dortmund gezeigt, wie das geht: Mit dem Tablet laufen die Zuschauer durch einen Raum, sehen gleichzeitig das, was sie immer sehen: einen Raum. Beim Blick aufs Tablet aber sehen sie mehr: plötzlich laufen und springen menschengroße Figuren durch den Raum, Wände verändern sich, die Realität löst sich auf.

Malhotra und andere Künstler und Theaterschaffende zeigen, wie ein Theater der Zukunft neue Geschichten erzählen kann. Virtuelle und erweiterte Realitäten werden genauso relevant wie Motion Tracking oder das Interagieren mit einer Künstlichen Intelligenz. Aber nur, weil es digitale Technologien gibt, heißt das nicht, dass das Theater sie benutzen muss.

Denn im Zentrum steht der Mensch, dessen körperliche Anwesenheit sowohl auf der Bühne als auch im Zuschauerraum das Theater erst schafft. Marc Grandmontagne, geschäftsführender Direktor des Deutschen Bühnenvereins fordert deshalb „intellektuelles Rüstzeug“ für die bevorstehenden Veränderungen. „Zeit und Raum müssen neu gedacht werden.“ Wo, wenn nicht am Theater, können solche Fragen gestellt werden?

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08.03.2018, 06:00 Uhr

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