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Die Altstadt wieder bewohnbar gemacht

Beginn der Fußgängerzone: Vor 40 Jahren mussten Autos weichen

Lange wurden Fußgänger in der Tübinger Altstadt als lästige Verkehrshindernisse auf schmale Bürgersteige verbannt. Blechlawinen verstopften die Straßen und sorgten für dicke Luft. Geparkt wurde vor der Stiftskirche, auf dem Marktplatz und in den anliegenden Gassen. Die Innenstadt drohte als Wohnquartier zu veröden. 1971 wagte die Stadtverwaltung den Versuch, zumindest Teile der Altstadt autofrei zu bekommen.

29.12.2011
  • Frank Rumpel

Tübingen. „Fußgängerzone vor Weihnachten, das wäre wie Weihnachten“, sagte eine Mutter, die Anfang November 1971 mit ihren beiden Kindern in der Neckargasse unterwegs war, durch die seinerzeit noch reichlich Verkehr rollte. Eine weitere Passantin meinte gegenüber dem TAGBLATT: Hier wisse man nie, „ob man nicht vom nächsten Auto mit geschleift wird“. Der Geschäftsführer eines Fischladens sagte: „Wenn man bei uns aus der Ladentüre raus kommt, hat man geradezu gefährliche Tuchfühlung mit den Autos.“

Es gab also ein Problem in der Tübinger Innenstadt, das mit zunehmender, privater Motorisierung immer schlimmer wurde. „Die Altstadt wurde von Blechlawinen verstopft“, so der Stadtplaner Andreas Feldtkeller, der 1971 das Sonderamt für Altstadtsanierung übernahm. Zum Durchgangsverkehr gesellten sich jene Autofahrer, die sich auf der Suche nach einem geschickten Parkplatz in den Gassen festfraßen und zusätzlich für dicke Luft weit über den heutigen Feinstaubwerten sorgten. Das wurde in markige Sprüche gegossen: „Wer in der Neckargasse nicht erstickt, der wird auf dem Holzmarkt überfahren“, war wohl der markanteste.

Abhilfe sollte eine zunächst zeitlich begrenzte Fußgängerzone schaffen. Dafür sprach sich auch die Polizei aus. Der damalige Hauptkommissar Othmar Fritsch prophezeite, Tübingen sei eine sterbende Stadt, wenn nichts gegen den absehbaren Verkehrsinfarkt unternommen werde. „In drei Jahren“, wagte er damals gegenüber dem TAGBLATT eine Prognose, „ist alles zu spät.“

Zur Weihnachtszeit 1965 hatte es schon einmal einen zaghaften Versuch gegeben, den Verkehr zumindest an den Adventssamstagen aus der Stadt zu verbannen. Der Versuch misslang. Erst 1971 mündete die Idee erneut in eine versuchsweise Sperrung einiger Altstadtgassen. Eine beim Bauamt angesiedelte Planungsgruppe um Andreas Feldtkeller hatte nach einer öffentlichen, auch für Bürger offenen, Tagung in Bad Boll einige Lösungsvorschläge erarbeitet: Der Berufsverkehr sollte vor der Stadt abgefangen und die innerstädtischen Parkplätze so wieder vermehrt den Besuchern zur Verfügung stehen. Den Parkplatzsuchverkehr wollten die Planer besser lenken und einige Verkehrsknoten auflösen.

So sollten etwa in der Hirschgasse einige Parkplätze wegfallen und die Kirchgasse zur Einbahnstraße werden. Zudem schlug die Planungsgruppe eine Fußgängerzone in der Neckargasse und in einem Teil der Kirchgasse vor – vormittags zwischen 8.30 und 11.30 Uhr, nachmittags zwischen 14 und 16 Uhr. Einige Geschäftsleute meldeten Bedenken an. Ohne Parkhaus hinterm Rathaus und auf dem Platz an der Hinteren Grabenstraße, schrieben sie in einem Brief an den Verkehrsbeirat, sei eine Fußgängerzone „absolut nicht denkbar“. Den Versuch ausgerechnet an den „verkaufsstärksten Tagen eines Jahres“ zu starten, müsse „zu einer echten Katastrophe führen“. Auch das städtische Tiefbauamt war gegen die teilweise Sperrung der Innenstadt, weil das die Hauptverkehrszüge der Stadt unzumutbar mehr belaste.

Höhere Kauffreudigkeit festgestellt

Die Pro-Argumente aber überwogen wohl, so dass am 29. November Neckar- und Kirchgasse samt Holzmarkt, dazu Münz-, Bursa- und Clinikumsgasse für den Verkehr gesperrt blieben. Bei einer Umfrage des TAGBLATTS sprachen sich nur neun von 39 befragten Geschäftsleuten für einen Abbruch des Versuchs aus, 17 beurteilten die Fußgängerzone positiv. Zwei behaupteten, weder Luft noch Lärm seien durch die Sperrung besser geworden. Einige Ladeninhaber stellten eine höhere „Kauffreudigkeit“ fest, „weil die Kunden nicht mehr vom Verkehr gehetzt“ würden. Endgültig ließe sich zwar noch nichts sagen, hieß es im TAGBLATT, sicher sei aber, dass „die Tartarenmeldungen vom finanziellen Ruin diverser Geschäfte weitgehend und in der Mehrzahl der Fälle falsch“ seien.

„Die Autos in der Innenstadt, das war kein haltbarer Zustand“, sagt Herbert Tressel, der in der Neckargasse aufwuchs und damals im Bekleidungsgeschäft seines Vaters mitarbeitete. „Ich fand es einen Versuch wert, weil die Altstadtstraßen nicht für die Masse an Autos gemacht waren.“ Das Problem in den ersten Jahren war die Parkplatzfrage. „Es gab ja damals noch kein Parkhaus, und es war auch nicht sicher, ob eines gebaut wird“, sagt er. Auch heute gebe es noch zu wenige davon. Zudem, meint Tressel, konnten sich viele damals eine Fußgängerzone ohne Parkplätze einfach nicht vorstellen, denn entsprechende Beispiele waren noch rar. „Die Leute hatten einfach Angst, weil ein Autokunde nun mal meist der bessere Kunde ist.“

Der Versuch wurde auch nach Weihnachten fortgeführt. Im April 1972 räumten selbst ursprüngliche Gegner ein, dass zwar die Kundenzahl, nicht aber die Umsätze gesunken seien. Die Fußgängerzahlen sprachen derweil für sich. Im Durchschnitt waren zwischen Holzmarkt und Neckargasse bis zu 1500 Passanten pro Stunde unterwegs. „Das ist in jeder zweiten Sekunde einer“, steht da in einem Ausrufezeichengesättigten Absatz des TAGBLATTS. Das mache an einem normalen Fußgängerzonentag 15 000 Menschen. „Also jeder vierte Tübinger läuft da praktisch täglich einmal rum!“

Das Ziel der Stadtplaner freilich war es nicht, eine Tourismus-affine Altstadt zu schaffen. Die vielen Märkte heute und die üppige Deko gerade zu Weihnachten sind dem 79-jährigen Andreas Feldtkeller eher zu viel. „Uns ging es darum, die Altstadt wieder bewohnbar zu machen“, betont Feldtkeller, weil die Leute damals scharenweise an die Stadtränder zogen.

Feldtkellers Ideal, das er später auch im Französischen Viertel versucht hat umzusetzen, ist eine Struktur, „in der die Wege kurz sind und Kinder auf die Straße können, ohne umgefahren zu werden“. Am Anfang habe es in der Altstadt ja noch viele Handwerker gegeben. Das war ihm wichtig. „Die Arbeitswelt darf dort präsent sein, wo man lebt.“ Und genau diese Struktur bot Tübingen, zumal die Altstadt im Krieg nicht zerstört wurde, sich, wie Feldtkeller sagt, in den Wirtschaftswunderjahren nicht viel tat (also vieles stehen blieb) und Großprojekte in den Sechzigern nicht umgesetzt wurden. „Dadurch gab es in den Siebzigern die Gelegenheit umzudenken.“

Viele Passanten und Anwohner begrüßten die Fußgängerzone. Jetzt könne er beim Kochen wieder das Fenster öffnen, „ohne dass sich in der ganzen Küche der penetrante Auspuffgas-Geruch ausbreitet“, sagte ein Jungkoch in der Neckargasse damals dem TAGBLATT. Vor allem aber gefiel dem damaligen Oberbürgermeister Hans Gmelin die Fußgängerzone. „Er hat vehement dafür gestritten und ist dann auch gar nicht mehr in eine große Diskussion eingestiegen“, erinnert sich Feldtkeller.

Im Oktober 1972 wurde es schließlich amtlich: Der Gemeinderat beschloss einstimmig die dauerhafte Einrichtung einer verkehrsfreien Zone, ja sogar deren Ausbau. „Was wir in den vergangenen Monaten zaghaft genießen konnten und uns immer mehr angewöhnt haben, den Bummel in der Innenstadt, das soll nicht wie ein Moderausch verfliegen“, schwärmte Peter Kluge, damals Leiter des Amtes für öffentliche Ordnung, in den Tübinger Blättern. 1974 wurden auch Marktplatz, Marktgasse und Kornhausgasse zur Fußgängerzone, in den folgenden Jahren noch weitere Gassen.

„Der Marktplatz“, erinnert sich Feldtkeller, „war zuvor an drei Tagen Markt- und sonst Parkplatz.“ Über dessen Einbeziehung in die Fußgängerzone habe er mit Gmelin etliche Diskussionen geführt. Was man denn mit einem leeren Platz anfangen solle, habe Gmelin damals von Feldtkeller wissen wollen. Vielleicht, sagte der, gebe es in Tübingen ja irgendwann mal ein Straßencafé. „Ein Straßencafé! In unserem Klima? Niemals!“, habe Gmelin gemeint, erzählt Feldtkeller lachend. „Manches braucht Zeit und wandelt sich dann doch ganz verblüffend.“

Info: Erinnern Sie sich an die Zeit vor der Fußgängerzone? Haben Sie Fotos vom dichten Verkehr in den Altstadtgassen? Dann machen Sie mit beim Projekt der Zeitzeugnisse. Wir scannen Ihre Bilder kostenlos ein. Mehr über die Zeitzeugnisse unter www.zeit-zeugnisse.de.

Beginn der Fußgängerzone: Vor 40 Jahren mussten Autos weichen
So quälten sich die Autofahrer im Parksuchverkehr noch 1971 durch die Neckargasse hinunter zur Mühlstraße. Fußgänger mussten sich ihre Lücke suchen.Archivbild

Beginn der Fußgängerzone: Vor 40 Jahren mussten Autos weichen
Der Tübinger Holzmarkt Ende der 1960er Jahre. Archivbild: Grohe

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29.12.2011, 12:00 Uhr

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