Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Dennis Klein interessiert sich weltweit für Menschen mit Handicap und will einen Film über sie machen

Behinderten die Würde zurückgeben

Der Rottenburger Realschullehrer Dennis Klein sammelte weltweit in 16 Ländern 20 Lebensgeschichten von Menschen mit Beeinträchtigungen. Er versprach, ihre Geschichten bekannt zu machen. Jetzt droht das Filmprojekt an der Finanzierung zu scheitern.

25.09.2014
  • Dunja Bernhard

Rottenburg. Was Dennis Klein auf seiner Reise gesehen und erlebt hat, ist selbst beim Zuhören nur schwer auszuhalten. Manches Schicksal treibt ihm beim Erzählen noch immer Tränen in die Augen. Ein Jahr lang reiste Klein durch 25 Länder und traf Menschen, die nicht nur unter körperlichen oder seelischen Beeinträchtigungen leiden, sondern auch darunter, wie die Gesellschaft mit ihnen umgeht.

Er hörte ihnen zu und hielt das, was sie zu sagen haben, auf Filmsequenzen fest. Seine Idee war, daraus einen eineinhalbstündigen Film zu produzieren. Dieser soll in Kinos, Schulen und auf Kongressen gezeigt werden. Klein möchte mit diesem Projekt dazu beitragen, dass ein Paradigmenwechsel stattfindet. „Jeder sollte in einem Rollstuhlfahrer zuerst den Menschen sehen.“ Die Würde jedes Menschen anzuerkennen, sei, was in vielen Ländern am meisten fehle, sagt der 33-Jährige Realschullehrer. „Respekt verlangt humane Umgangsformen.“

Als Jugendlicher hatte er Vorurteile

Als 16-Jähriger habe er Vorurteile gegen Menschen mit Behinderungen gehabt, sagt Klein. Bis er erlebt habe, dass ein Freund ganz natürlich mit diesen Menschen umging. „Inklusion ist da, wo man nicht drüber spricht“, erkannte Klein. Dieses Erlebnis hat Klein so beeindruckt, dass er begann, sich in der Heilerziehung ehrenamtlich zu engagieren. Seit elf Jahren begleitet er inklusive Freizeiten. Er erlebt, dass auch in Deutschland Ausgrenzung alltägliche Realität ist. Beeinträchtigte Menschen müssten sich immer mehr beweisen. „Das macht mich wütend.“

Klein wollte sich ein Bild davon machen, wie es weltweit mit der Inklusion aussieht. In Deutschland kämpfen Menschen mit Beeinträchtigungen um Teilhabe, sagt er. In anderen Ländern gehe es ums nackte Überleben. In Guatemala ließ eine Familie ihren Sohn verhungern, weil er eine Behinderung hatte. „Ich sah Kinder an Betten gekettet, weil schlichtweg zu wenig Personal da war, um auf sie aufzupassen“, sagt Klein, um Fassung ringend.

Indische Familie versteckt behinderte Tochter

In Indien traf er eine 16-Jährige, die noch nie Regen auf der Haut gespürt hat, weil ihre Familie sie aufgrund ihrer Behinderung versteckt. Wenn bekannt werde, dass jemand in Europa ein Kind gefangen halte, sei dies ein Skandal, sagt Klein. „Die Geschichte geht durch alle Zeitungen.“ Wenn jedoch in Indien ein Kind mit einer Behinderung sterbe, erfahre kein Mensch davon. „Es hat gar nicht existiert.“ Dieses Werteempfinden im eigenen Land mache ihn fertig.

Wenn er die Menschen, die ihm ihre Geschichte erzählten, wieder verließ, habe er sich oft geschämt. „Dafür, dass ich nichts ändern konnte. Und dafür, dass ich gehen konnte, weil es nicht mein Leben ist.“

In Kambodscha traf Klein „Miss Landmine“. Die 19-Jährige hat einen Schönheitswettbewerb gewonnen, an dem nur Frauen mit amputierten Gliedmaßen teilnehmen können. Als Preis erhielt sie eine Prothese. „Die sie nicht benutzen kann, weil sie nicht angepasst wurde“, sagt Klein. Die anderen Teilnehmerinnen bekamen nichts. Ihr Leben hat sich nicht verändert.

Die Inklusionsbewegung gehe von den Betroffenen aus und nicht vom Staat, ist Klein überzeugt. Die Menschen, mit denen er gesprochen hat, seien dankbar gewesen, dass ihnen überhaupt jemand zuhörte. „Wie soll sich an ihrer Situation etwas ändern, wenn keiner darüber redet?“

In seinem Film will Klein auf „krasse Bilder“ verzichten. Es geht ihm nicht um Effekthascherei. „Ich will die Menschen abbilden mit all ihren Macken.“ Er möchte ihnen ihre Würde zurückgeben.

Ohne Regisseur ist ein professioneller Film jedoch nicht möglich. In dem Berliner Oliver Stritzke fand Klein einen, der sein Projekt seit November begleitet. Stritzke produzierte einen kurzen Vorfilm, den Dennis Klein am Samstag auf der Messe Rehacare in Hannover vorstellt. Bisher arbeitete der Regisseur unentgeltlich. „Er scheint an das Projekt zu glauben“, hofft Klein.

Finanzier für Filmprojekt gesucht

Die Herstellung des Kinofilms würde jedoch 10 000 Euro kosten. Klein versuchte, die Summe über Crowdfunding zusammenzukriegen, schrieb die UNESCO an und verschiedene Menschenrechtsorganisationen. Bislang ohne Erfolg. Nun hofft er auf einem anderen Weg, einen Finanzier zu finden. Sonst kann er sein Versprechen, das er den Menschen gegeben hat, ihre Geschichten bekannt zu machen, nicht einlösen.

Info Ein Trailer zu dem geplanten Film findet man bei Youtube unter dem Titel „Das Stille Band der Menschlichkeit“. Weitere Informationen zu dem Projekt gibt es bei facebook unter „Inclusion Around The World“. Dennis Klein ist für Anregungen und Diskussionen über seine Email-Adresse amitabhy@aol.com zu erreichen.

Behinderten die Würde zurückgeben
Diese 19-Jährige Kambodschanerin gewann den Schönheitswettbewerb „Miss Landmine“. In ihrem Leben hat sich dadurch nichts geändert. Die Freunde, auf die sie am Tor warteten, kamen nicht. Bild: Dennis Klein

Behinderten die Würde zurückgeben
Dennis Klein plant ein Filmprojekt über weltweite Integration. Privatbild

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

25.09.2014, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball