Freudenstadt · Industrie

Bei Bürkle drohen Entlassungen

Der Anlagenbauer wird seine Belegschaft reduzieren.Das Stammhaus soll als High-Tech-Leitwerk aufgestellt und die Produktion in China ausgebaut werden.

15.09.2020

Von Annette Maria Rieger

Anfang September gab es erste Hinweise auf Entlassungen und Verlagerungen nach China und Osteuropa. Vergangene Woche hat dann die Geschäftsleitung den Betriebsrat darüber informiert: Der Anlagenbauer Bürkle wird „seine Kapazitäten am Standort Freudenstadt dem internationalen Markt anpassen müssen.“ So formuliert es Olaf Rohrbeck, verantwortlicher Geschäftsführer für Vertrieb/Marketing und Technik. Konkrete Zahlen zum Stellenabbau will Rohrbeck, der die Geschäftsführung des Freudenstädter Unternehmens nach außen vertritt, nicht nennen.

Dorothee Diehm, Erste Bevollmächtigte der IG Metall Freudenstadt, geht davon aus, dass etwa ein Drittel und damit 70 der 208 Arbeitnehmer in Freudenstadt entlassen werden sollen. Und das womöglich schon im Oktober. Für die Gewerkschafterin ist das eine „absolute Frechheit“ und „eine Backpfeife ins Gesicht der Beschäftigten“. Denn nur durch die maßgebliche Hilfe der Beschäftigten habe das verschuldete Unternehmen 2014 vor der Insolvenz gerettet werden können.

Die Robert Bürkle GmbH, die hauptsächlich Maschinenanlagen für die Möbel-, Parkett- und Türenindustrie herstellt, ist seit der Firmengründung durch Robert Bürkle 1920 einer der großen Arbeitgeber in Freudenstadt.

Ein turbulentes Jahrzehnt

Die vergangenen zehn Jahre verliefen turbulent. 2013 geriet der Maschinenbauer in ernsthafte Schwierigkeiten und stand mit seinen damals rund 500 Beschäftigen kurz vor der Überschuldung.

Zum 1. Januar 2014 trat ein Sanierungstarifvertrag in Kraft und war Dorothee Diehm zufolge nur möglich, weil Banken auf Verbindlichkeiten in Millionenhöhe verzichteten und die Kapitalgesellschaft Nimbus aus den Niederlanden als Investor neues Kapital beisteuerte, damit weiter produziert werden konnte. Es kam zu Entlassungen und die verbliebenen Beschäftigten verzichteten von 2014 bis Ende 2018 auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld, arbeiteten 39 anstatt der bezahlten 35 Stunden pro Woche – und brachten damit Dorothee Diehm zufolge mit einem zweistelligen Millionenbetrag „den Löwenanteil“ auf, um den Fortbestand des Unternehmens zu sichern.

Beschäftigte ausgelagert

2017 wurden dennoch 29 Mitarbeiter aus der Technischen Fertigung in die Freudenstädter Haug Group ausgelagert, deren Inhaber Tobias Haug ist. Die Haug Group beschäftigte zunächst im gemieteten Bürkle-Areal die Facharbeiter weiter und baute dann im Sulzhau neu. Ein solcher Betriebsübergang, erläutert Dorothee Diehm, schützt die Arbeitsplätze ein Jahr lang. Doch letztlich sei ein Großteil der Beschäftigten im Laufe der Zeit durch Aufhebungsverträge eben doch „aussortiert“ worden.

Bei Bürkle zeitigten die harten Einschnitte und zugleich auch die Konjunktur derweil Erfolg. 2017 wurde laut Geschäftsbericht mehr als 104 Millionen Euro Umsatz gemacht. Der Gewinn lag bei 8 Millionen Euro. 2018 stieg der Umsatz auf 116 Millionen Euro und 2019 wurde mit 121 Millionen Euro ein weiteres Rekordergebnis erzielt.

Damit, so sagt Dorothee Diehm, habe Nimbus sein Ziel als Sanierer erreicht und konnte den Anlagenbauer, der vor allem im Anlagenbau für die Möbel-, Parkett- und Türenindustrie stark ist, vor einem Jahr mit Gewinn weiterverkaufen.

Neuer Eigentümer der Bürkle GmbH ist seit 2018 die Kapitalgesellschaft Auctus mit Hauptsitz in München. Und die, so moniert Gewerkschafterin Diehm, habe sich schnell mit weiteren Auslagerungen Richtung Ungarn orientiert und wittere offenbar Möglichkeiten, den Gewinn abzuschöpfen, indem sie die Fertigung weiter verschlankt und die Beschäftigtenzahlen in Freudenstadt reduziert.

Im laufenden Geschäftsjahr sei Bürkle wie viele andere Anlagebauer auch mit dem Abarbeiten seiner Auftragsbestände beschäftigt gewesen, so Diehm. Jetzt, im Herbst 2020, verzeichne die Maschinenbau-Branche generell wenige bis null Auftragseingänge, obgleich die Unternehmen ja eigentlich mit vollen Auftragsbüchern ins nächste Jahr gehen sollten. Bei der Robert Bürkle GmbH sehe sie jedoch zudem die Gefahr: „Da will man halt noch mehr Gewinn machen.“

Deutliche Anzeichen dafür sieht sie in der Auslagerung der sogenannten Low Cost-Produktion nach Ungarn. „Unter ‚Low Cost‘ versteht man die mechanische Fertigung und Montage von standardisierten Teilen, für die es kein besonderes Fachwissen braucht und die deshalb überall hergestellt werden können“, erläutert Diehm. Die IG Metall hatte gegenüber solchen Überlegungen bereits 2016 massive Bedenken angemeldet und, so Diehm, und „erbittert dagegen gekämpft“. Denn im Falle einer Produktionsverlagerung ist Diehm zufolge für den Freudenstädter Standort zu befürchten, dass dieser seine Sonderanfertigungen nicht mehr termingerecht und passgenau produziere könne.

Olaf Rohrbeck sieht diese Befürchtungen als unbegründet und verweist auf die notwendige Konzentration der Fertigung am Standort Freudenstadt auf anspruchsvolle Montage und Inbetriebnahme, damit sich der Konzern auch in der ‚Post-Corona’-Zeit behaupten könne.

Internationalisierung

Olaf Rohrbeck zufolge arbeitet der Konzern derzeit „konzentriert an seiner Internationalisierung“. Stand August 2020 gehören zu dem Konzern Robert Bürkle neben dem Stammhaus in Freudenstadt die Niederlassung in Mastholte bei Rietberg in Nordrhein-Westfalen mit 80 Mitarbeitern. Diese Niederlassung, in der Presseanlagen für die Holzindustrie hergestellt werden, sei derzeit noch stärker ausgelastet als Freudenstadt. Deshalb seien dort auch „keinerlei Kapazitätsanpassungen“ geplant.

Regelrecht im Aufschwung befinde sich der Standort in China, den Bürkle bereits seit 1993 betreibt. Allerdings könne in keinster Weise von einer Verlagerung der Produktion dorthin die Rede sein. Vielmehr sei es so, dass die bisherige Produktionsstätte mit 103 Mitarbeitern in Shanghai aufgrund behördlicher Vorgaben nicht wie bislang fortgeführt werden könne. Deshalb sei man schon seit Anfang des Jahres mit einer „strategischen Anpassung“ befasst und baue für den wachsenden Markt – „auch wegen 5G“ – in China einen neuen Standort auf. Derzeit produzieren dort 103 Bürkle-Mitarbeiter Pressen für die Herstellung von PCB Multilayer für die Elektronikindustrie. In Freudenstadt, so sagt Olaf Rohrbeck, werde man sich weiter auf den High-Tech-Bereich und damit den Kernbereich von Bürkle spezialisieren.

Klar sei dabei auch: Einfachere, standardisierte Maschinen und Produkte mit weniger Anspruch an „Engineering“ (also Ingenieurwissen) müsse man in Ungarn produzieren, um sich in der Post-Corona-Zeit zukunftssicher aufzustellen. Trotz der Corona-Krise, so sagt Olaf Rohrbeck, habe Bürkle durch seine breite Aufstellung einen höheren Auftragseingang als im Vorjahr 2019. Deshalb verwahre er sich dagegen, von einer Reorganisierung zu sprechen. Rohrbeck betont wiederholt: „Wir passen unsere Kapazitäten an, nichts anderes.“

Die alte Schallplatte

Die „alte Schallplatte vom Kampf der Belegschaft“ um den Fortbestand des Unternehmens wolle er nicht immer wieder hören, winkt er ab. Er sagt: „Wir stehen heute ganz anders da als zur Zeit, als Nimbus Bürkle übernommen hat.“ Bürkle habe sich längst in einer Gemeinschaftsleistung von Management und Belegschaft restrukturiert und sich eine hohe Reputation zurück erkämpft.

Rohrbeck, der selbst in Freudenstadt aufgewachsen ist und die Firma von klein auf kennt, sieht deren Stärke in dem „extrem starken technischen Korsett“ und der breiten Aufstellung. Dass es jetzt in Freudenstadt zum Personalabbau komme, sei natürlich keine Mär. Allerdings werde kein Drittel der Belegschaft entlassen und die Zahl 70 sei auch „nicht korrekt“.

Nach außen werde das Unternehmen dazu nicht weiter ins Detail gehen, so Rohrbeck. Nur soviel: Die anstehende Maßnahme wolle man zwar schnellmöglichst umsetzen, doch dies müsse nicht gleich auf den 1. Oktober erfolgen. Rohrbeck: „Wir benötigen den Betriebsrat, um unseren Standort in Freudenstadt für die Hoch-Technologie weiter voranzubringen. Dazu werden wir jetzt ruhig und sachlich in die weiteren Gespräche gehen.“

Bilder: Karl-Heinz Kuball,

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Ein Unternehmen mit 100-jähriger Geschichte

Die Robert Bürkle GmbH wurde 1920 von Robert Bürkle in Christophstal gegründet.

Bürkle gilt als Weltmarktführer auf dem Gebiet der Pressen- und Beschichtungstechnologie.

Der Konzern beschäftigt derzeit insgesamt 461 Mitarbeiter im Stammhaus Freudenstadt, in Mastholte, Ungarn und China.

Über 80 Prozent der Anlagen gehen nach Unternehmensangaben in den Export.

Im Juni ist die Geschäftsleitung vergrößert worden. Neu hinzu gekommen sind Jürgen Müller, verantwortlich für den kaufmännischen Bereich und die Finanzen, und Olaf Hartwig, Leiter der Produktion und Materialwirtschaft.

Verantwortlicher Geschäftsführer für Vertrieb/Marketing und Technik ist weiterhin Olaf Rohrbeck, der das Unternehmen auch als Sprecher nach außen vertritt.

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Erstellt:
15. September 2020, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
15. September 2020, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 15. September 2020, 01:00 Uhr

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