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Buddeln mit dem Joystick

Bei der Firma MTS kann 3D-Baggern per Navi getestet werden

Ein Blick auf den Bildschirm, dann den Schaltknüppel sanft gedrückt – und die Schaufel senkt sich mühelos in die Erde. Ein leichtes Zittern durchläuft den Bagger, als er wenig später die Erde ablädt. Baggern ist mit dem MTS-Navigationssystem fast ein Kinderspiel.

08.06.2015
  • Uschi Kurz

Hayingen. Hinter der neuen Produktionshalle der Firma MTS (Maschinentechnik Schrode) in Hayingen liegt das leicht abschüssige Demo-Gelände. Dort steht ein kleines Raupenfahrzeug und wartet auf die Testpersonen, die das satelittengesteuerte Navigationssystem eigenhändig ausprobieren möchten. Und weil auch Redakteure und Redakteurinnen an den Joystick dürfen, erfülle ich mir heute das, was gemeinhin als Jungentraum gilt: Baggerfahren.

Eigentlich, erklärt Maschinenbauingenieur Frieder Speidel, funktioniere die Technik wie bei einem Fernseher. Auf dem Dach des Baggers sind zwei Antennen installiert, die die GPS-Daten per Satellit empfangen. Ein Receiver im Bagger schickt die Bilder dann auf den kleinen transportablen Rechner in der Führerkabine. Der Bagger selbst hat am Gehäuse an verschiedenen Stellen rote Kästchen: Neigungssensoren, über die seine genaue Position vermessen und in das jeweilige Programm eingespielt werden.

Schwabenpoweraus Hayingen

Die Größe des Baggers, sagt Speidel, spiele dabei keine Rolle. Ob 10-Tonner, wie in unserem Fall, oder 50-Tonner oder mehr, jede Baumaschine lasse sich mit der intelligenten Technik ausrüsten, die von der Firma MTS entwickelt wurde und seit zwei Jahren am Markt ist. Und vor Ort getestet werden kann. Ich steige auf den Bagger und lasse mich in der Führerkabine nieder.

Das Demo-Gelände ist so modelliert und vorbereitet, dass es für verschiedene an der Praxis orientierte Aufgaben geeignet ist. „Wo sind Sie und wo wollen Sie hin?“, stellt Speidel die typische Navi-Frage. Wir wählen das Modell, das einen Kanalbau simuliert. Per Druck auf dem Touchscreen. Auf dem Bildschirm erscheint ein digitales Geländemodell auf dem unser Bagger und darunter ein fiktiver Kanalverlauf erkennbar sind. Dann erläutert Speidel die Funktionen der beiden Schalthebel, die sich so mühelos bedienen lassen wie ein Joystick an einer Spielkonsole. Einmal bis zum Anschlag gedrückt – und die Kabine dreht sich im Kreis. Der rechte Joystick ist für die Steuerung der Baggerschaufel, die, wie ich nun lerne, im Fachjargon auch Löffel heißt. Das 3D-Bild sagt mir, dass wir uns 676 Metern über dem Meeresspiegel befinden. Beziehungsweise die Löffelspitze befindet sich in dieser Höhe.

Mit jedem Zentimeter, den sich der Baggerlöffel der Erde nähert, verändert sich auch die Höhenangabe. Drei Meter unter der Erdoberfläche befindet sich die Sohle des Kanals, den wir auszubaggern gedenken. Auch die Neigung des Geländes lässt sich aus dem digitalen Kanalmodell ablesen, so dass es für einen Baggerführer ein Leichtes sein dürfte, satellitengesteuert zentimetergenau den gewünschten Graben auszuheben.

Meine Ambitionen sind weniger anspruchsvoll. Ein Blick auf den Bildschirm, den Schaltknüppel sanft gedrückt –und der Baggerlöffel senkt sich mühelos in die Erde. Und dann ist es endlich so weit: Ich kann in großem Stil das tun, was ich schon lange einmal machen wollte: Dreck wegschaufeln! Ein erhebendes Gefühl.

Für die Firma MTS ist das hauseigene Demo-Gelände, auf dem der Navi getestet werden kann, ein wichtiger Bestandteil des Angebots. „Wir wollen die Katze ja nicht im Sack verkaufen“, meint Speidel. Deshalb wird der Demo-Bagger auch immer wieder auf Messen geschickt. Was für Laien ein Heidenspaß ist, ist für Profis, die Speidel in die GPS-Technologie einführt, eine wichtige Entscheidungshilfe. Die meisten seien begeistert, weil sie sofort erkennen, wie sehr das MTS-Navi ihnen das tägliche Handwerk erleichtere. Schließlich enthalten die CAD-Pläne aus den Architekturbüros alle notwendigen dreidimensionalen Daten, doch die Schnittpläne, mit denen die Bauleiter auf der Baustelle arbeiten, sind nur zweidimensional. Normalerweise müssen Techniker das Gelände vermessen, bevor ausgehoben werden kann. Dieser Schritt wird mit der MTS-Navigationstechnik überflüssig. Gleichzeitig werde der Arbeitsablauf perfektioniert: „Da entdecken sie jeden Planungsfehler“. Die Vorteile lägen auf der Hand und das Einsparpotenzial sei immens. An Zeit und Geld.

Vom Einheitsdenkmalb bis zur Rhein-Fahrrinne

Die Firma MTS verkauft aber nicht nur die Technologie, sondern auch das Zubehör und den Support. „Plug and play – wir machen alles darum herum.“ Um die Nutzer zu schulen, bietet die Firma in der hauseigenen Akademie Kurse an. „Schwabenpower“ direkt vom Hersteller. Bei der Einführung der neuen Technik, weiß Speidel, ist durchaus Fingerspitzengefühl gefragt. Die Arbeit des Baggerführers werde einerseits einfacher, andererseits bekomme er viel mehr Verantwortung.

Als die Entwicklung der 3D-Baggersteuerung vor Jahren begann, hatte die Abteilung einen Mitarbeiter – mittlerweile sind es zehn. Speidel, der seit zwei Jahren bei MTS arbeitet, hat einen großen Teil der Erfolgsgeschichte des Navigationssystems miterlebt. 50 MTS-Navis wurden bereits deutschlandweit verkauft – und die Tendenz ist steigend. Unter anderem wird die Fahrrinne des Rheins mit MTS-Technik ausgebaggert.

Der erste 3D-Auftrag, erzählt der 29-Jährige, war auch gleich einer der spektakulärsten: Die Stuttgarter Werbeagentur Milla & Partner hatte 2011 den Wettbewerb für das Freiheits- und Einheitsdenkmals in Berlin gewonnen. Für ihren Entwurf „Bürger in Bewegung“ – eine riesige begehbare Schale aus Stahl und Beton, die sich neigt, wenn die Besucher sich von einer auf die andere Seite begeben – erhielt MTS 2014 den Auftrag, in der Nähe der Schleyerhalle einen reversiblen Erdbau-Prototypen zu errichten. Eine Herausforderung, die mit Hilfe des MTS-Navis gemeistert wurde. Dass die Realisation des Einheitsdenkmals in Berlin immer noch auf sich warten lässt, liegt also nicht am fehlenden „Schwabenpower“ aus Hayingen.

Bei der Firma MTS kann 3D-Baggern per Navi getestet werden
Einmal so richtig Dreck wegschaufeln. Maschinenbauingenieur Frieder Speidel von der Firma MTS erklärt TAGBLATT-Redakteurin Uschi Kurz, wie das geht.Bild: Haas

Schon seit längerem wird die GPS-Technologie in der Land- und Forstwirtschaft und auch auf Großbaustellen im Straßenbau verwendet. In der „normalen“ Baubranche ist die Technik noch wenig etabliert. MTS-Geschäftsführer Rainer Schrode – ein ehemaliger Straßenbaumeister und seit 1994 Inhaber der Schrode GmbH Tief- und Straßenbau in Hayingen – kam vor acht Jahren auf die Idee, diese Lücke zu schließen. Doch die angebotenen Produkte aus der Vermessungstechnik bewährten sich im Tiefbau nicht. Auslöser für die Entwicklung eines eigenen Produkts war schließlich eine zu Bruch gegangene teure Antenne. Nach mehrjähriger Forschung erlangte das an der Praxis orientierte MTS-Navi vor zwei Jahren Marktreife und ist bereits zu einem zentralen Geschäftsbereich der Maschinentechnikfirma geworden. Mehr Informationen gibt es unter www.3d-Baggersteuerung.de.

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08.06.2015, 12:00 Uhr

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