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Spott und Liebe im Garten

Bei der Gutenachtgeschichte waren alle Stühle besetzt

Zum zweiten Mal fand der Lesesessel der Gutenachtgeschichte seinen Platz im Garten des Bühler Schlosses. Die beiden Autoren Johannes Schweikle und Cornelia Lotter entführten dort in den Harz und in die virtuelle Welt.

02.08.2012
  • Sascha Geldermann

Bühl. Als der TAGBLATT-Mitarbeiter Jürgen Jonas im vergangenen Jahr die erste Gutenachtgeschichte im Bühler Schloss moderierte, ließ er sich durch das Gebäude führen. Sein Empfinden dabei kleidete er am Dienstag in gewählte Worte: „Hier hat nur noch der Lesesessel des SCHWÄBISCHEN TAGBLATTS gefehlt, um dem Übermaß an Wohlgestaltetheit und Eleganz ein neckisches Sahnekrönchen von ausgezeichneter Geschmacksvielfalt aufzusetzen.“

Jonas führte sehr humorvoll durch den Abend. Schließlich werde er ja auch danach bezahlt, wie oft er die Leute zum Lachen bringe. Im vergangenen Jahr sei das 17 Mal geglückt. Am Dienstag konnte sich der Moderator sogar noch steigern. Dabei versäumte er nicht, sich bei den Bühlern einzuschmeicheln. So verfasste er ein Gedicht über den Stadtteil, in dem es unter anderem heißt: „Hängst du zerschrottet in der Alltagsmühl, lenk deine Schritte allsogleich nach Bühl.“

Was Heinrich Heine wohl zu dem Gedicht gesagt hätte? Über die Verse, die Reisende in einem Gästebuch auf dem Brocken hinterlassen hatten, äußert sich der Dichter in seinem Reisebericht „Die Harzreise“ zumindest recht spöttisch. Der Autor Johannes Schweikle hatte als erster Leser des Abends das Buch gewählt, in dem Heine, aus der Universitätsstadt Göttingen aufbricht, um durch das Mittelgebirge zu wandern.

Heine lässt an kaum jemanden oder etwas ein gutes Haar. Göttingen gefalle am besten, wenn man die Stadt mit dem Rücken anschaue. Beim Anblick der dort lebenden Bürger frage er sich, wie Gott so viel Lumpenpack erschaffen konnte. Und seine Begegnung mit einem Schneidergesellen kommentiert er mit den Worten: „Das ist schön bei den Deutschen – keiner ist so verrückt, dass er nicht einen noch Verrückteren fände, der ihn versteht.“ Schweikle hatte das Buch gewählt, da er mit „Westwegs“ gerade erst selbst einen Reisebericht veröffentlicht hat. Eigentlich hätte er gerne daraus vorgelesen, doch die Regeln der Gutenachtgeschichte verbieten, selbst geschriebene Bücher mitzubringen.

Schweikle wohnt direkt im Bühler Schloss. Die Liebe hatte ihn nach Tübingen geführt. Das hat er mit der zweiten Leserin Cornelia Lotter gemeinsam, die mit Daniel Glattauers „Alle sieben Wellen“ ein Buch gewählt hatte, in dem es auch um Liebe geht. Die beiden Protagonisten Emmi Rothner und Leo Leike haben sich zwar nie von Angesicht zu Angesicht getroffen, sind im Vorgängerroman „Gut gegen Nordwind“ aber durch eine fehlgeleitete E-Mail in eine sehr enge virtuelle Beziehung geraten.

Leo spricht von einer „intimen Nichtbegegnung“. Das ganze Buch ist als E-Mail-Austausch gestaltet. Lotter wählte eine Stelle, in der Emmi ganz verzweifelt ist, weil Leo für acht Monate nach Boston muss und nun nicht mehr zu erreichen ist. Nach der Rückkehr aus den USA keimt der E-Mail-Kontakt wieder auf, wenn auch sehr dramatisch. Lotter schloss mit einer E-Mail, in der Leo entgegen seiner normalen Art sehr emotional wird. Dort schreibt er: „Ich bin betrunken und einsam.“ Das sei ein schwerer Fehler, denn man sollte niemals beides sein.

Die Bühler Autorin, Germanistin und Werbefachwirtin Lotter war skeptisch, als sie das erste Mal von dem Buch hörte. Doch dann bekam sie den ersten Teil als Hörbuch geschenkt und war sofort begeistert.

Vor, zwischen und nach den Lesern sorgte das Gesangstrio „Dreiklang“ mit ihrem Pianisten Manfred Wolf für die musikalische Umrahmung. Jonas schloss den Abend mit einer beeindruckenden Alliteration und verabschiedete sich vom „beliebten, bemerkenswerten, aber belangvollen, bereitwillig meine Betrachtungen beklatschenden, ganz besonderen Bühler Boogie-Woogie-Bublikum.“

Bei der Gutenachtgeschichte waren alle Stühle besetzt
Der erste Leser des Abends Johannes Schweikle hatte Heinrich Heines „Die Harzreise“ als Gutenachtgeschichte gewählt.Bild: Sommer

Bei der Gutenachtgeschichte waren alle Stühle besetzt

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02.08.2012, 12:00 Uhr

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