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„Jesus ist wichtiger als Abi“

Bei einem TOS-Gottesdienst bleibt das Diesseits zurück

Als ich eine halbe Stunde vor Beginn des Sonntagsgottesdienstes an einem regnerischen Nachmittag in der Tübinger Eisenbahnstraße ankomme, ist das Bistro der TOS schon sehr gut gefüllt. Kleine Kinder wuseln umher, die ältere Generation sitzt an Tischen und trinkt Kaffee. Der freundliche und überschwängliche Empfang beeindruckt mich. Gefühlte 100 Menschen stellen sich vor, untereinander scheinen sich alle zu kennen.

24.07.2012

Der Gottesdienstsaal ist so gar nicht kirchenähnlich: Statt eines Altars ist eine große Bühne aufgebaut, die Menschen sitzen im Halbkreis auf bequemen Stühlen, alles ist weiß gestrichen, der Pastor trägt Hemd statt Talar. Nur einen Healingroom, von dem ich gehört habe, kann ich nicht finden: Der sei kein Raum, sondern eine Institution, erklärt mir Thomas Waldert, der Pressesprecher der Gemeinde: „Wir sind keine Mediziner, aber Jesus hat uns den Auftrag gegeben zu heilen. Demnach kommt es immer wieder vor, dass Ärzte Heilungen feststellen, die nicht medizinisch begründbar sind.“

Zu Beginn des Gottesdienstes überrascht mich die ausgefeilte Choreografie der Tanzgruppe, welche eher an HipHop erinnert. Alles wird auf einer Leinwand übertragen, in Übersetzungskabinen wird der Gottesdienst live gefilmt und ins Englische, Russische, Spanische und Französische übersetzt. Sobald ein Lied ertönt, springen alle Besucher von ihren Sitzen und swingen zum Takt: „Du der Gott Abrahams, der über mir steht.“ Manche schließen die Augen oder heben die Hände. Das Lied dauert eine gefühlte Viertelstunde. Fast wie in einer amerikanischen Megakirchen vor 70 000 Menschen, ich spüre Gänsehaut. Gewaltige Strahler lösen fast schon Diskofeeling bei mir aus, ich fühle mich aufgefordert mitzumachen, weil alle es tun. Einträchtig hängen neben der Bühne eine Israel-, Deutschland- und US-amerikanische Flagge, überall im Raum sind weitere verteilt. Sofort folgt die direkte Ansprache: „Bist du zum ersten Mal hier? Gott hat großes Interesse an dir.“ Daraufhin erzählt Susanne von erfolgreicher Missionsarbeit in Bolivien, es werden Bilder mit traurigen Straßenkindern gezeigt, welche „schon mit neun Jahren merken, dass Gebet hilft, da der Vater weniger trinkt“. Doch auch in Bolivien benötigt die TOS-Gemeinde Tübingen weitere Missionare.

A propos: Wie ist das mit der Mission? Theoretisch, so erfahre ich, wird den Menschen in aller Welt ihr Glaube gelassen: „Der christliche Glaube wird nur angeboten“, erzählt der Pressesprecher. Die erste Aufgabe sei es, Menschen in Not zu helfen, dennoch sei die Erfolgschance, innige Beziehungen zu Gott aufzubauen, sehr hoch. „Wir stülpen niemandem seinen Glauben auf, sondern geben Werte, Stabilität und Ausblick“, sagt Waldert, der als 20-Jähriger 1991 zur TOS kam. Pastor Jobst Bittner, der die TOS gründete, predigt, dass „Deutschland reif ist für eine große Ernte zugunsten von Jesus“. Urplötzlich kommt von der Bühne die Frage, wer dieses Jahr Abitur gemacht habe. Ich hebe zögerlich meine Hand und bekomme mit vielen anderen Jugendlichen um mich herum von der Gemeinde tosenden Applaus.

Doch dann muss ich mir anhören, dass „auch Abiturienten keine Cracks sind, sie sind nichts Besonderes“. Die Mitglieder sagen sich gegenseitig ins Gesicht: „Du bist nicht im Mittelpunkt“. Für Bittner sind „nicht die individuellen Möglichkeiten, sondern der Plan Gottes relevant, Jesus ist wichtiger als Abi.“ Unaufgefordert springt die Menge auf, tanzt Polonaise, lässt die La Ola-Welle kreisen und feiert.

Ich fühle mich wie auf dem Southside-Festival, das am gleichen Sonntag stattfindet. Es folgt: die Opferrede. Sie handelt von einer jungen Erzieherin, die kein Geld hatte und trotzdem brav ihren Zehnten zahlte. Nun packt jeder Einzelne seinen Geldbeutel für Jesus aus, wer nicht genug dabei hat, füllt einen „Versprechenszettel“ aus und wird das Geld später überweisen. Dieses Papier wird zu meinem Erstaunen von vielen der jungen Menschen um mich herum ausgefüllt. Mir stellt sich die Frage nach dem Opferzwang, schließlich finanziert sich die TOS nicht durch Kirchensteuern. Ich fühle mich ins Mittelalter zurückgebeamt.

Was hat es eigentlich mit der Dämonenaustreibung auf sich? Laut Thomas Waldert kennt die Bibel Dämonen, daher soll Gott in das Leben der Menschen eingreifen. Diese kämen mit Nöten und Zwängen, wie einer Pornografiesucht oder Nägelkauen. „Wenn sich die Menschen öffnen, merken wir, dass die Verhaltensstörungen weg sind.“ Und das, obwohl viele Scheidungen, Drogenabhängigkeit oder Vergewaltigungen erlebt hätten. Beim Thema Homosexualität hält sich die TOS-Gemeinde sehr an die Bibel, wonach Mann und Frau füreinander geschaffen seien. Trotzdem sei er nicht generell dagegen, sagt Waldert.

Die Predigt soll nun 45 Minuten dauern. Pastor Jobst Bittner spricht die Gemeinde direkt mit „Du“ an. Das Ganze wirkt mit all der Gestik, Mimik und dem Dauerlauf über die Bühne eher, als wollte Steve Jobs noch lebend charismatisch sein neuestes I-Phone verkaufen. Dabei weicht Bittner von der anfänglichen Bibelstelle ab und gibt Lebenstipps und Warnungen. Konservative Werte stehen dabei im Mittelpunkt: Arbeit, Familie, Ehe. Eine Ehe zu Atheisten? „Die ist schon möglich, doch die Bibel sagt, dass der Ehepartner ein Christ sein sollte“, erzählt Waldert. Denn die Ehe bedeutet für ihn, sein eigenes Leben für den Anderen aufzugeben.

Nach über 120 Minuten folgt das viertelstündige Abschlussgebet: Dabei beten viele der Mitglieder laut vor sich hin, und zum Schluss halten sich alle an den Schultern. Irgendwie suchen all diese Menschen Kraft und Halt in einer immer schneller werdenden Welt. Nach zweieinhalb Stunden ist der Gottesdienst zu Ende, ich bin beeindruckt und vollgepumpt mit dem Wissen, dass Gott für jeden Menschen einen Plan haben soll. Beat Seemann, 20

Die „Tübinger Offensive Stadtmission“ ist eine evangelische Freikirche, die – so die Eigendarstellung – 1987 zunächst als Verein gegründet wurde. Kern der Gemeinschaft war ein privater Gebetskreis von Jobst und Charlotte Bittner mit drei weiteren Ehepaaren. 1990 entwickelte sich der Verein zur Freikirche weiter, mittlerweile gibt es andere Gemeinden im In- und Ausland. Jobst Bittner kritisiert in seinen Schriften die Individualisierung des Glaubens und betont, Satan / das Böse existiere. In einem Deutschlandfunk-Interview berichtete eine Aussteigerin, sie sei von der TOS stark unter Druck gesetzt worden, sich zu engagieren, Kritik sei nicht angenommen worden.

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24.07.2012, 12:00 Uhr

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