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Dem Abschlussjahrgang des Uhland-Gymnaisums 1962 die nötige Reife abgesprochen

Beim Abi noch recht schülerhaft

Erich Haag, der Leiter des Uhland-Gymnasiums, hielt den Abiturienten 1962 ihre „Schülerhaftigkeit“ vor. Die müssten sie überwinden. Das nahmen die Schulabgänger offensichtlich ernst, denn sie brachten es später beruflich weit – als Wissenschaftler, Pädagogen, Ärzte und Juristen.

19.05.2012
  • Ute Kaiser

Tübingen. Hintergrund der Brandrede zu den mit den eingeräumten Rechten verbundenen Pflichten war der sogenannte Rotbartprozess vor dem Tübinger Landgericht: Neun Jugendliche, einer hatte sich einen roten Bart zur Tarnung angeklebt, hatten 1961 in Tübinger Läden Schallplatten, Bücher, Feinkost und Zigaretten geklaut.

Unter den Tätern waren auch Kepler- und Uhland-Gymnasiasten. Allerdings keine aus dem Abitur-Jahrgang 1962, der sich am vergangenen Wochenende im Uhland-Gymnasium (UG) traf. Die Abi-Rede des Schulleiters und der Prozess sind mehr als eine Fußnote in dem 200 Seiten starken und reich bebilderten Band, den Klaus Mohr, Eberhard Schwarz und Ulrich Steckfuß zum 50-Jährigen zusammengestellt haben.

Die beklagte „Schülerhaftigkeit“ erklärt der Kilchberger Klaus Mohr, der später selbst ein Gymnasium in Haigerloch leitete, mit der Oberstufenreform. Das UG machte sich schon 1959/60, lange vor anderen Gymnasien im Ländle, auf den Weg. Der Abi-Jahrgang 1962 profitierte von der Reform doppelt: mit der Abwahl vieler Fächer und zwei wunderschönen Schuljahren „im sozialen Sinn“, so Mohr.

Damit meint er weniger die Schwammschlachten oder das Fuchsen um Pfennige. Auch nicht das Schreiben für die Schülerzeitung, die nach dem Götterboten „Hermes“ hieß. Weniger Wochenstunden ließen den Oberstufenschüler(inne)n genügend Zeit für Stadtbummel, Ausflüge, zum freitäglichen Skatspiel im Gasthaus „Kiess“ und zum Schwof – wovon heutige Turbo-Gymnasiasten träumen.

Das alles förderte offensichtlich das Zusammengehörigkeitsgefühl. Die Klasse trifft sich seit 1972 regelmäßig alle zwei Jahre jeweils an einem anderen Ort. Nur auf die Abi-Reise musste sie verzichten, weil es in der Parallelklasse beim Schriftlichen Unregelmäßigkeiten gab.

Die entspannte Schulzeit, von Anfang an koedukativ, um auch Mädchen eine humanistische Bildung zu ermöglichen, hat den Abi-Jahrgang 1962 geprägt. Das legen zumindest die Lebensläufe nahe. Immerhin 14 UG-Absolventen sind Lehrer oder Lehrerin geworden. Dazu kommen sieben Ärzte, eine Handvoll Juristen und vier Naturwissenschaftler. Unter ihnen ist auch Prof. Bettina Baronesse von Freytag genannt Löringhoff. Sie leitete bis 2008 das Tübinger Universitätsmuseum und hielt am Samstag für ihre ehemalige Klasse einen Vortrag über „Spannende Archäologenjahre“.

Beim Abi noch recht schülerhaft
Kurze Hosen und weite Röcke trugen die Uhland-Gymnasiast(inn)en im Jahr 1958. Fürs Foto formierten sich vor der Schule (hinten von links) Karl-Rudolf Winkler, Eberhard Schwarz, Wolfgang Nesch, Viktor Hanuska, Wolfram Stumpp, (vorletzte Reihe von links) Klassenlehrer Eberhard Krauß, Konrad Kramer, Dirk van Beuningen, Christian König, Peter Boos, (erste und zweite Reihe von links) Christine Margenfeld (verheiratete Keitel), Renate Daniel, Gabi Zanker, Sigrun Isler (Möller), Olga Hellmich (Brixner), Volker Keuler, Konrad Bezler, Thomas Tolk, Walter Dick, Heinz Großmann, Heinz Messmer, Ekkehard Horowski, Ernst Maier, Klaus Mohr und Ulrich Streckfuß. Privatbilder

Die einen machten in Deutschland Karriere. Andere zog es ins Ausland wie etwa Gisela von Brunn. Sie lebt in Bolivien und hat unter anderem sechs Theaterstücke auf Spanisch geschrieben. Walter Dick trat in die Fußstapfen seines Vaters und war bis zu seiner Pensionierung Chefarzt der Orthopädischen Klinik in Basel. Hans-Joachim Heuer, der 2005 starb, war Staatsanwalt in Tübingen. Klassenkamerad Karl-Rudolf Winkler brachte es zum stellvertretenden Generalstaatsanwalt in Koblenz – obwohl er Regeln übertrat und, so der Eintrag im Klassenbuch, „wegen renitenten Schwätzens des Klassenraums verwiesen“ wurde.

Zum Jurastudium entschied sich auch Henning Kroymann, der Bruder des früheren Tübinger Landrats Albrecht Kroymann. Weil er aus Tübingen rauswollte, stieg Henning Kroymann ein Jahr aus und ging zur Bundeswehr. Später ging er nach Düsseldorf und war für die Linke Liste Mitglied im Stadtbezirks-Parlament Süd. Mit Tübingen, besonders mit der Rechtsanwältin Felicia Langer, verbindet ihn eine 2004 gegründete Palästina-Friedensstiftung.

Von Bluejeans bis Simone de Beauvoir

Während der Schulzeit kamen etliche Neuerungen auf: Bluejeans, Comic-Hefte, das Spiel Monopoly und der Jazz. Manche der Lehrer, die lang vor dem Zweiten Weltkrieg studiert hatten, empfanden das als befremdlich. Nicht an alle Pädagogen haben die Abiturienten gute Erinnerungen. Eine der Ausnahmen ist der Historiker Eberhard Krauß. Eberhard Schwarz nennt ihn eine Lehrerpersönlichkeit, „die immer anständig und fair gewesen ist und dabei einen höchst qualifizierten Unterricht erteilte“. Krauß, so das Schülerlob, blendete auch die Zeit zwischen 1933 und 1945 nicht aus.

Positiv aus dem Kollegium hervor stach auch der langjährige Mathematik- und Physiklehrer Walter Gölz, der in der 13. Klasse auch Philosophie gab. Er erwischte einmal Schüler dabei, wie sie im – wegen eines optischen Versuchs verdunkelten – Physiksaal Karten droschen: „Also Winkler, das Blatt, das Sie da haben, würde ich aber nicht spielen.“ Diesen Regelverstoß der Lümmel ließ Lehrer Gölz, der „freundliche Philanthrop“, so Klaus Mohr, ungestraft durch.

Mal mehr, mal weniger Spuren im Gedächtnis der ehemaligen Schüler hinterließ Hartmut von Hentig. Der deutschlandweit bekannte Reformpädagoge war als spätberufener Referendar am UG und gab der Klasse unter anderem „einen Vorgeschmack auf angewandte Linguistik“.

Beim Abi noch recht schülerhaft
Zum jüngsten Treffen des Abiturjahrgangs 1962 kamen teilweise bis zu 45 Gäste, darunter auch Partner und Partnerinnen der ehemaligen Uhland-Abiturienten. Im Physiksaal ihrer Schule erzählte der Mathematik-, Physik- und Philosophielehrer Walter Gölz (rechts stehend), wie ihn ein ehemaliger Schüler, der es später zum Professor für Orthopädie gebracht hat, in diesem Zimmer einmal ärgerte. Die aktuelle Aufnahme vom vergangenen Samstag ist aus zwei Bildern zusammengesetzt.

In Erinnerung blieb Margret Klumb und Burgel Dick, die damals noch Kuhn hieß und später ihren Klassenkameraden Walter Dick heiratete, auch der Tübinger Professor Andreas Flitner. Er sprach im Gemeinschaftskunde-Unterricht in der Oberstufe mit der Klasse über die „Anthropologie des weiblichen Geschlechts“ anhand von Simone de Beauvoir – damals wohl einmalig und deshalb für die beiden unvergessen.

Ein Fremdenzimmer für die Fahrschüler

Die Zeit, in der der Abi-Jahrgang 1962 aufs UG kam, war hart. Die Schule hatte strenge Regeln. In der b-Klasse sammelte sie Katholiken und Fahrschüler. Für sie war ein „Fremdenzimmer“ neben der Hausmeisterloge eingerichtet. Dort verbrachte der Nehrener Ulrich Streckfuß, der zur ersten Stunde den Zug um 6.18 Uhr nehmen musste, die Zeit bis Unterrichtsbeginn – schwatzend, lesend oder Hausaufgaben (ab-)schreibend.

Etliche der „Kriegskinder“ wuchsen bei alleinerziehenden Müttern auf. Ihre Väter waren im Krieg gefallen oder vermisst. Doch auch für Klaus Mohrs Vater, einen Pfarrer, war es keine einfache Sache, das Schulgeld aufzubringen – als Alleinverdienender mit sieben Kindern.

Weil sich die Familie den Kauf von Schulbüchern nicht leisten konnte, wurden die Kinder mit Bänden aus der schuleigenen Bücherei versorgt. Obwohl es sprachlich, sozial und intellektuell Unterschiede gab, so Eberhard Schwarz, gab es „zu keiner Zeit so etwas wie eine Mehrklassen-Gesellschaft“.

Auch Gastfreundschaft galt in der b-Klasse viel. Die Jugendlichen verbrachten nicht nur ihre Freizeit gemeinsam auf dem Fußballplatz oder im Freibad, sondern auch in den jeweiligen Elternhäusern – ob im Nehrener Pfarrhaus des als „rot“ eingeschätzten Vaters von Thomas Tolk oder beim Tübinger Psychiatrieprofessor Winkler.

Wahrscheinlich ein weiterer Grund für den lang währenden Zusammenhalt. Nach dem Abitur verließen etliche der Abiturienten zum fröhlichen Drauflosstudieren Tübingen. Ohne jegliche Studienbeschränkungen oder Probleme wegen des Numerus clausus.

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19.05.2012, 12:00 Uhr

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