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Tod über dem Sinai

Beim Absturz eines russischen Flugzeugs sterben alle 224 Passagiere

Technischer Defekt oder Anschlag? Experten suchen nach der Ursache für den Absturz eines Airbus über dem Sinai. Für den ägyptischen Tourismus ist das Unglück erneut ein schwerer Schlag.

02.11.2015
  • MARTIN GEHLEN & STEFAN SCHOLL

Im Stadtzentrum von Sankt Petersburg herrsche Karneval, schrieb der russische Blogger Ila Warlamow in der Nacht auf Sonntag und postete Fotos fröhlicher Mädchen mit Totenkopfmasken. "Vor den Bars stehen sie Schlange, die Bürgersteige sind vollgekotzt." Das, obwohl am Samstagvormittag in Ägypten ein Airbus der russischen Fluggesellschaft Kogalymavia auf dem Weg von Scharm el Scheich nach Sankt Petersburg abgestürzt war. "Petersburg tanzt", staunte Warlamow. Gestern dann herrschte in Russland Staatstrauer.

Experten aus Ägypten und Russland sowie des Flugzeugherstellers Airbus haben unterdessen an der Absturzstelle der Maschine begonnen, die Ursachen der Katastrophe zu ermitteln. Bergungskräfte suchten in dem Trümmergebiet nach Leichen, 163 wurden mit Hubschraubern nach Kairo geflogen. Bei dem Unglück starben alle 224 Passagiere, unter ihnen 25 Kinder und 7 Besatzungsmitglieder.

Die Regierungen in Kairo und Moskau traten derweil Spekulationen entgegen, die Zivilmaschine könnte von Terroristen abgeschossen worden sein. Am Samstag hatte die Terrormiliz IS in einer Internetbotschaft behauptet, das Flugzeug mit "mehr als 200 russischen Kreuzrittern" sei von "den Soldaten des Kalifats" über dem Sinai zerstört worden. Parallel dazu tauchte auf Youtube ein mysteriöses, inzwischen entferntes Video auf, auf dem - unterlegt von koranischen Gesängen - der Abschuss eines großen Flugzeugs am blauen Himmel zu sehen ist, das dann mit einer schwarzen Rauchfahne gen Boden rast. Das sei die Rache "für die Dutzenden, die täglich in Syrien durch eure Bombenflugzeuge getötet werden", heißt es in dem IS-Text.

Der russische Verkehrsminister Maxim Sokolow erklärte, "allen Daten zufolge, die uns Ägypten zur Verfügung gestellt hat, sind diese Behauptungen unglaubwürdig". Ägyptens Premierminister Sherif Ismail versicherte, die Terroristen auf dem Sinai besäßen keine Raketen, die einem Flugzeug in 9000 Metern Höhe gefährlich werden könnten. Trotzdem wiesen große Fluggesellschaften wie Lufthansa, Air France-KLM und Emirates ihre Piloten an, vorerst nicht mehr den Sinai zu überqueren. Die amerikanische Luftaufsicht hatte bereits im Frühjahr allen US-Gesellschaften empfohlen, über dem Gebiet eine Mindestflughöhe von 8000 Metern einzuhalten. Die bergige und zerklüftete Absturzregion Jabal Halal etwa 100 Kilometer südlich der Provinzhauptstadt El-Arish gilt als Rückzugsgebiet für Terroristen. Im Nordsinai tobt seit zwei Jahren Krieg zwischen der ägyptischen Armee und Dschihadisten der "Provinz Sinai", die sich als Ableger des IS verstehen.

Erste Berichte, wonach der Pilot der Flugsicherung ein technisches Problem meldete und um Erlaubnis für eine Notlandung bat, wurden vom ägyptischen Luftfahrtminister Mohamed Hossam Kamal auf einer Pressekonferenz dementiert. Nach seinen Worten war der Funkverkehr mit dem Boden völlig normal, bis er plötzlich abbrach. Stimmenrekorder und Flugschreiber wurden inzwischen geborgen und sollen so schnell wie möglich ausgewertet werden. Nach Informationen der Website FlightRadar24 verlor die Maschine schlagartig an Geschwindigkeit und stürzte innerhalb von Minuten aus ihrer Reiseflughöhe zu Boden. Zum Zeitpunkt des Unglücks herrschte über dem Sinai gutes Wetter.

Die russische Nachrichtenagentur RIA Novosti berichtete, die Besatzung habe in der vergangenen Woche über Schwierigkeiten mit einem Triebwerk geklagt. Die Frau des Ko-Piloten erklärte gegenüber russischen Medien, ihr Mann habe vor dem Abflug am Telefon gesagt, der technische Zustand des 18 Jahre alten Airbus A 321 lasse sehr zu wünschen übrig. Die Maschine gehörte der kleinen russischen Fluggesellschaft Kogalymavia, die unter den Namen Kolavia und Metrojet operiert und ihren Sitz in der sibirischen Stadt Tjumen hat.

Auch die russische Fachwelt streitet über die Ursachen des Unglücks. Manche Experten gehen von technischem Versagen aus. Andererseits hätte die Maschine nach Ansicht russischer Fachleute selbst mit einem brennenden Triebwerk weiterfliegen und notlanden können. Traditionellerweise neigen russische Behörden dazu, den toten Piloten die Schuld an Flugzeugabstürzen zu geben. Aber Fehler geschehen meist bei Regen oder Nebel während des Startens oder Landens. Bei bestem Wetter in 9000 Metern Höhe ist menschliches Versagen ähnlich unwahrscheinlich wie ein Getriebebrand. "Irgendetwas Unvorhergesehenes ist an Bord passiert", sagt der ehemalige Versuchspilot Magomet Tolbejew Radio Kommersant FM. "Es kann eine Explosion an Bord gewesen sein." Der Moskauer Flugsicherheitsexperte Alexander Romanow redet gar von einem möglichen Kampf im Cockpit.

Für den ägyptischen Tourismus könnte der Absturz einen weiteren schweren Rückschlag auslösen. Russische Badegäste waren 2014 mit gut drei Millionen Menschen die größte Gruppe unter den ausländischen Urlaubern. Dagegen stagniert die Zahl der westlichen Touristen wegen mehrerer Terroranschläge und der derzeitigen autoritären Regierung im Land. Reisebüros in Russland locken mit extrem günstigen Pauschalangeboten. Eine Woche Ägypten mit Flug und Vollpension ist für russische Kunden bereits für 400 bis 500 Euro zu haben. Entsprechend gering sind die Gewinnspannen auch für die Chartergesellschaften, die versucht sein könnten, an der Wartung ihrer Maschinen zu sparen.

Während Strände und Feriengebiete im Süden des Sinai gut gesichert sind, verüben im Norden der Halbinsel Gotteskrieger, die sich zum "Islamischen Staat" zählen, nahezu täglich schwere Anschläge auf Polizisten und Soldaten. Erst kürzlich nach Beginn der russischen Luftangriffe in Syrien riefen IS-Kämpfer alle Muslime auf, in den Heiligen Krieg gegen Russland und die USA zu ziehen.

Beim Absturz eines russischen Flugzeugs sterben alle 224 Passagiere
Ägyptische Soldaten bewachen die Absturzstelle. Rechts die abgebrochene Nase des Unglücksflugzeuges. Foto: afp

Beim Absturz eines russischen Flugzeugs sterben alle 224 Passagiere

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02.11.2015, 12:00 Uhr

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