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25 Jahre Partnerschaft mit Petrosawodsk: Grundstein für Vertrauen

Beim Festakt zur Feier ging es um Liebe und Politik

Preisend mit viel schönen Reden wurde am Donnerstag in der Alten Aula die Partnerschaft zwischen Tübingen und Petrosawodsk gefeiert. Das höchste Lob, das den 150 von der Stadt geladenen Festgästen zuteil wurde, kam dabei aus dem russischen Generalkonsulat in Frankfurt. Dessen Protokollchef Egor Leonov erklärte die 25-jährige Beziehung zur besten aller russisch-deutschen Städtepartnerschaften.

15.11.2014
  • Sepp Wais

Tübingen. Es sind nicht mehr so viele wie in den stürmischen Zeiten des west-östlichen Aufbruchs. Aber diejenigen, die den Austausch zwischen Tübingen und Petrosawodsk noch immer pflegen, sind sich inniger verbunden denn je. Das spürte man beim Festakt, der den Höhepunkt einer langen Reihe von Veranstaltungen anlässlich des 25-jährigen Bestehens der Partnerschaft bildete. Nach den offiziellen Reden gingen die Gäste bei Wein und Brezeln so herzlich aufeinander zu, dass der Abend schnell den Charakter eines Familien- oder Klassentreffens annahm.

Wenn sich diese Jumelage zu einer „Liebesgeschichte“ entwickelt hat, wie Kulturamtsleiterin Daniela Rathe über das ganzjährige Festprogramm schrieb, dann dachte sie dabei bestimmt nicht nur an die Ehen, die aus der Partnerschaft erwachsen sind. In jeder Runde, in der Gastgeber und Gäste aufeinander anstießen, gab es Liebesgeschichten zu erzählen.

Vom früheren DKP-Stadtrat und Hobby-Imker Gerhard Bialas etwa, der jahrelang die Kinder in einer Petrosawodsker Klinik eimerweise mit Honig beglückte. Oder vom Pfarrer-Ehepaar Michael und Angelika Volkmann von der Bonhoeffer-Gemeinde, das seinem Gast Dima Tsvibel mit einer Thora-Rolle beim Aufbau der jüdischen Gemeinde in Petrosawodsk half. Und nicht zuletzt auch von den Dolmetschern Mark Kirsanov und Irina Podgornaja, die seit 1989 so manche Freundschaft über die Sprachgrenze schleusten.

Dank dieser „bewegenden Entwicklung der zwischenmenschlichen Beziehungen“, so betonte OB Boris Palmer in seiner Festrede, sei aus der „zunächst politisch gewollten Städtepartnerschaft eine lebendige Partnerschaft geworden“. Besonderen Dank sprach er dafür seinem Vorvorgänger Eugen Schmid aus, der – ebenso wie Jörg Bohse, der 2011 verstorbene Vorsitzende der West-Ost-Gesellschaft – ein „engagierter Antreiber dieser Partnerschaft“ gewesen sei. Auch wenn es heute manchem so erscheine, sei der intensive Austausch zwischen Tübingen und Petrosawodsk keine Selbstverständlichkeit: „Es hätte auch anders kommen können“, meinte Palmer mit Blick auf den „weltpolitischen Kontext“ vor 25 Jahren, als keineswegs sicher war, dass der tief greifende Transformationsprozess in der Sowjetunion friedlich vonstatten gehen würde.

Die Diplomatie des Volkes baut Brücken

Und es sei auch keineswegs selbstverständlich, dass nun just diese beiden Städte ihre 25-jährige Verbindung feiern dürften. Zunächst nämlich, so erinnerte Palmer, schielten die Tübinger nach Simferopol, wo sich mancher schon mit einem Glas Krimsekt am Schwarzen Meer liegen sah. Dass Moskau diesen Wunsch ignorierte und Tübingen stattdessen Petrosawodsk am kalten Onegasee zuteilte, habe man damals als ziemliche Enttäuschung empfunden.

Heute freilich seien „alle froh über die zentralistische Steuerung“. Erstens, so Palmer, „weil wir Petrosawodsk, seine Bewohner und auch den See schätzen und lieben gelernt haben“. Und zweitens, „weil mir dadurch heute die Frage erspart bleibt, wie die Lage auf der Krim zu beurteilen ist“. Die aktuellen Spannungen zwischen Ost und West konnten am Donnerstag trotzdem nicht ausgeblendet werden. Daniela Rathe, die etwas später ausführlich an die vielen partnerschaftlichen Aktivitäten im Jubiläumsjahr erinnerte, sah in der „Stärkung des zivilgesellschaftlichen Austausches“ die richtige Antwort auf solche Turbulenzen: „Wir müssen das politische Potenzial dieser Partnerschaft nutzen.“

In diese Richtung zielte auch die neue Petrosawodsker Rathaus-Chefin Galina Shirshina, die ihren Besuch wegen kritischer Etat-Verhandlungen abgesagt, ihrem Hauptamtsleiter Sergey Kulabukhov aber ein Grußwort mitgegeben hatte. Shirshina kam darin ebenfalls auf die „dramatischen Änderungen“ bei der Gründung der Partnerschaft zu sprechen, würdigte den intensiven Austausch, an dem sich „hunderte und tausende Bürger beider Städte beteiligt“ hätten – und rühmte diese Aktivitäten dann als „Diplomatie des Volkes, die Verbindungen knüpft und Brücken der Freundschaft baut“.

Egor Leonov vom russischen Generalkonsulat in Frankfurt hob in seiner Glückwunschrede hervor, dass die Partnerschaft auf kommunaler Ebene „eine tragende Säule der russisch-deutschen Beziehungen“ sei: „Hier wird der Grundstein zum gegenseitigen Vertrauen gelegt, das unsere beiden Länder so dringend nötig haben – gerade jetzt angesichts der aktuellen Spannungen.“

Beim Festakt zur Feier ging es um Liebe und Politik
Dass sich auch die Musikschule am regen schwäbisch-karelischen Kulturaustausch beteiligt, machten am Donnerstag Samuel Weilacher und Rika Tanimoto deutlich, als sie die Festgäste im Duett mit Violoncello und Violine begeisterten. Ihnen lauschten in der ersten Reihe links die Tübinger Kulturamtschefin Daniela Rathe neben zwei Vertreterinnen der Stadtverwaltung Petrosawodsk, dahinter Alt-OB Eugen Schmid – und rechts vorne OB Boris Palmer neben dem Petrosawodsker Hauptamtsleiter Sergey Kulabukhov, dahinter Michael Goldenberg, der Direktor des Karelischen Nationalmuseums in Petrosawodsk, sowie der frühere Tübinger Kulturamsleiter Wilfried Setzler. Bild: Sommer

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15.11.2014, 12:00 Uhr

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