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„Beim Sigmar weiß man ja nie“
Künftig sieht sich Sigmar Gabriel im Auswärtigen Amt. Foto: photothek / Auswärtiges Amt
SPD

„Beim Sigmar weiß man ja nie“

Bis gestern galt es als nahezu sicher, dass Sigmar Gabriel dieses Mal als Kanzlerkandidat antritt, allen Zweifeln in der Partei zum Trotz. Doch jetzt soll es Martin Schulz werden.

25.01.2017
  • GUNTHER HARTWIG

Berlin. Selbst die Konkurrenz gab sich informiert. Sagte sie jedenfalls. Ein namhafter CDU-Mann plauderte dieser Tage aus, er habe zuverlässige Kunde: „Sigmar Gabriel wird Kanzlerkandidat, Martin Schulz Außenminister.“ So habe es ihm ein hochrangiger Sozialdemokrat jüngst versichert, unter vier Augen und dem Siegel der Vertraulichkeit, na klar. Wer glaubte denn auch noch ernsthaft daran, dass der SPD-Chef wieder kneift, wie schon 2013, als er Peer Steinbrück den Vortritt ließ?

Und doch, es gab zahlreiche Skeptiker, bis in jene engsten Zirkel hinein, die Gabriel seit langem sehr nahe kommen, solche, die sich politische Freunde und Unterstützer nennen, und andere, die von den Führungsqualitäten des temperamentvollen Vizekanzlers nicht so überzeugt sind. Unabhängig von ihrer persönlichen Sympathie für den sprunghaften Kugelblitz aus dem Harz versammelten sie sich hinter der übereinstimmenden Formel: „Beim Sigmar weiß man ja nie.“

Wie Recht sie hatten. Sogar als Gabriel jüngst seine Mitstreiter und die Partei dafür lobte, dass sie ihm und seinem vorgegebenen Zeitplan geduldig folgten, wurde weiter gemunkelt und gezweifelt. Dem SPD-Frontmann geht nun mal der Ruf voraus, schwankend in seinen Stimmungen und Positionen zu sein, wankelmütig geradezu – warum also sollte er es sich nicht in letzter Minute wieder anders überlegen? Der ehemalige EU-Parlamentspräsident Martin Schulz stünde sofort bereit, und Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz wäre für viele Sozis und manche Beobachter ebenfalls eine Alternative. Außerdem: War es, angesichts deprimierender Meinungsumfragen und Popularitätswerte für die Partei und ihren Boss einerseits, anschwellenden Gegenwinds bedeutender Medien (“Mit Gabriel geht es nicht“) andererseits, überhaupt ratsam, mit dem Wirtschaftsminister an der Spitze in eine scheinbar aussichtslose Schlacht zu ziehen? Solche Überlegungen kursierten nicht bloß in maßgeblichen SPD-Kreisen, sondern man kann davon ausgehen, dass auch Gabriel selbst und sein Umfeld an diesen ernst zu nehmenden Einwänden zu knabbern hatten. Die Aufregung war spürbar, vor allem in den letzten Tagen.

Nachzuvollziehen ist der Verzicht auf die Spitzenkandidatur also allemal, noch dazu bei einem Mann, der seit Jahren immer wieder gesundheitliche Rückschläge und stationäre Klinikaufenthalte zu verkraften hatte und obendrein in den nächsten Monaten zum dritten Mal Vater wird. Dass Gabriel stabil, widerstandsfähig und präsent genug sein könnte, um die lange Strecke bis zur Wahl am 24. September durchzustehen, die physischen und mentalen Herausforderungen eines Wahlkampfs, der hart und polarisierend zu werden droht, war eine offene und nervös diskutierte Frage. Der nach Willy Brandt am längsten amtierende SPD-Vorsitzende hat sie gemeinsam mit seiner Familie und seinen Beratern offenkundig mit Nein beantwortet.

Die Risiken einer eigenen Kandidatur gaben wohl den Ausschlag. Noch am Montag hatte die SPD-Pressestelle mitgeteilt: „Sonntag, 13 Uhr: Vorstellung des SPD-Kanzlerkandidaten.“ An diesem Tag trifft sich der Vorstand zu einer Klausursitzung im Berliner Hauptquartier. Doch dann sickerte durch, dass Gabriel das Präsidium schon für gestern Abend einbestellt hatte, um die Inszenierung vorzubereiten. Schließlich soll mit der Proklamation des Merkel-Herausforderers ein Ruck durch Partei und Wahlvolk gehen. Aber der schöne Plan wurde durch die Vorabmeldungen aus Hamburg bereits am Dienstagnachmittag durchkreuzt.

Kurz vorher hatte Fraktionschef Thomas Oppermann vor Medienvertretern noch vielsagend angekündigt: „Die SPD berät in dieser Woche über die Kanzlerkandidatur. Sigmar Gabriel wird einen Vorschlag machen. Lassen Sie sich überraschen!“ Kurze Zeit später liefen die „Breaking News“ über alle Kanäle. Dass Gabriel im letzten Moment zugunsten von Martin Schulz (61) verzichtet, galt bis zu diesem Zeitpunkt zwar als nicht gänzlich ausgeschlossen, aber doch sehr unwahrscheinlich. Einige Medien meldeten am Dienstag sogar, Olaf Scholz hätte im Falle eines Rückziehers von Gabriel die besseren Karten.

Abschied vom Parteivorsitz

Was für Gabriels Zugriff auf die Kanzlerkandidatur sprach, war immer wieder bekräftigt worden: Sollte er sich verweigern, wäre das zwangsläufig mit dem Abschied vom Parteivorsitz verbunden, denn ein SPD-Chef, der sich nicht zutraut, Kanzler zu werden und vorher eine Bundestagswahl zu gewinnen, wäre kaum der richtige Mann an der Spitze der ältesten deutschen Partei – so verdienstvoll es auch sein könnte, die persönlichen Ambitionen zurückzustellen und einem vielleicht aussichtsreicheren Bewerber den Boden zu bereiten.

Nun schickt er also Schulz vor, den gerade aus dem Amt des EU-Parlamentspräsidenten ausgeschiedenen Ex-Buchhändler aus dem rheinischen Würselen. Vor Gabriel liegt nicht weniger Überzeugungsarbeit, als wäre er trotz demoskopischer Hypotheken selbst angetreten. Dass der Wirtschaftsminister ins Auswärtige Amt wechseln will, was er noch im Dezember als unsinnige Spekulation zurückgewiesen hat, wirft ebenso Fragen auf wie die Tatsache, dass er Schulz, den erfahrenen Europapolitiker, empfiehlt und nicht Scholz, den innenpolitisch versierten Strategen mit reichhaltiger Regierungserfahrung im Bund und in Hamburg.

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25.01.2017, 06:00 Uhr

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