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Zum Dach des Chors kraxeln

Beim Stiftskirchenfest wagten sich die Besucher hoch hinaus

Beim Stiftskirchenfest am Sonntag durften die etwa 1000 Gäste auch in den Turm oder in den Untergrund. Eine weitere Attraktion war der Dachstuhl des Chors.

01.10.2012
  • DOROTHEE HERMANN

Tübingen. Etliche Besucher lockte besonders die Baugeschichte zum Stiftskirchenfest. Zur ersten Führung mit dem Tübinger Bau-Archäologen Tilman Marstaller kletterten um die Mittagszeit mehr als 100 Neugierige in den originalen, spätmittelalterlichen Dachstuhl des Chors. Zur einer zweiten Führung fanden sich weitere 30 Besucher/innen ein.

Das Chordach hat eine Spannweite von etwa 9,50 Meter und reicht etwa elf Meter in die Höhe. „Der Chor ist der zweitälteste Teil der Stiftskirche“, erläuterte Marstaller. Der älteste Gebäudeteil sei der Westturm. Das dazwischen gelegene Langhaus gehe zurück auf eine spätromanische Basilika, die um 1200 erbaut worden war. Bis heute zeigten die Außenwände der Stiftskirche noch Spuren dieses früheren Bauwerks, so der Bau-Archäologe. An den Steinen auf der Westseite ließen sich Rundbögen erkennen: „Der Vorgängerbau ist teilweise in den bestehenden Kirchenbau eingegangen.“

Zur Datierung des Chors fand der Bau-Archäologe gleich mehrere Hinweise. Die Schlusssteine im Chorgewölbe zeigten außer der Muttergottes und dem heiligen Georg, dem Namenspatron der Stiftskirche, auch das Wappen von Graf Eberhard im Bart und jenes seiner frisch angetrauten Frau Barbara Gonzaga, berichtete Marstaller. Deshalb lasse sich das Chorgewölbe als eine „in Stein gemeißelte Hochzeitsurkunde“ verstehen. Der Chor müsse daher „nach 1474, nach der Heirat, vollendet gewesen sein“.

Eine dendrochronologische Untersuchung der Dachbalken ergab, dass für die fast ausschließlich aus Weißtanne gezimmerte Sparrenkonstruktion Bäume verwendet wurden, die im Winter 1474/75 gefällt worden waren, sagte Marstaller. Weil sich an den Querbalken, Dachsparren und Bodendielen keinerlei Flößerspuren vom Wassertransport auf dem Neckar feststellen ließen, seien sie wohl „mit Ochsenkarren auf dem Landweg herangeschafft“ worden. Die von Tübingen aus gesehen nächsten Nadelwälder befanden sich im 15. Jahrhundert „12 bis 14 Kilometer hinter Rottenburg“.

Einen Vertrag zur Flößerei auf dem Neckar hätten die Grafen Eberhard erst 1476 mit Mechthild von der Pfalz abgeschlossen, so der Bau-Archäologe. Damit konnte auch Schwarzwald-Holz nach Tübingen gelangen – wie es sich im Dachwerk des Langhauses der Tübinger Stiftskirche nachweisen lasse.

Beim Stiftskirchenfest wagten sich die Besucher hoch hinaus
Einblick in den historischen Dachstuhl des Chors der Stiftskirche.Bild:Faden

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01.10.2012, 12:00 Uhr

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