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Spielen zwischen Schutt und Müll

Belsenerin betreute Kinder in bulgarischem Heim

Baufällige Betten, bröckelnde Wände, streng rationiertes Essen: Im staatlichen Kinderheim im nordbulgarischen Dorf Balvan herrscht große Versorgungsnot. Der Hechinger Verein „Kinder brauchen Frieden“ versucht zu helfen. Mit Spenden und Freiwilligen, die die Kinder vor Ort zeitweise mitbetreuen – so wie die Belsenerin Daniela Haug.

15.09.2010
  • Amancay Kappeller

Belsen. Über Freunde hat Daniela Haug von der Hechinger Organisation „Kinder brauchen Frieden“ erfahren: „Ich habe schon lange nach etwas gesucht, wo ich mich engagieren kann“, sagt die Mutter zweier Kinder. Im Juni reiste die 29-Jährige mit einer Gruppe für zehn Tage nach Bulgarien, um dort bei der Organisation der „Ferienspiele“ im staatlichen Heim in Balvan zu helfen – einem winzigen Ort im ländlichen Norden Bulgariens in der Nähe von Veliko Tarnovo, einer Stadt mit 65 000 Einwohnern.

Federball, Frisbee, Fingerspiele: „Es ist schwierig, überhaupt etwas auf die Beine zu stellen, es gibt dort ja nicht viel, die Möglichkeiten sind sehr begrenzt“, bedauert Haug. T-Shirts haben die „Helfer aus dem Westen“ mit den Kindern bemalt, außerdem wurden Plakate für ein Fußballturnier gemeinsam gestaltet. „Für die Kinder ist es aber schon etwas Besonderes, wenn man sich überhaupt mit ihnen beschäftigt, sie rangeln regelrecht miteinander um die Aufmerksamkeit der Helfer“, sagt Haug. Besonders beeindruckt hat die Belsenerin, dass die Kinder „überhaupt nicht distanziert und extrem dankbar“ waren.

Oft von den eigenen Eltern verkauft

Belsenerin betreute Kinder in bulgarischem Heim
Daniela Haug mit einigen ihrer Schützlinge vom Kinderheim.Privatbild

Rund 40 Kinder im Alter von fünf bis 16 Jahren waren zu der Zeit, als sich Daniela Haug in Balvan aufhielt, im Heim untergebracht. „Es können aber auch schon mal doppelt so viele sein“ – das weiß die 29-Jährige von dem Hechinger Alexander Brotz, der für „Kinder brauchen Frieden“ mehrmals im Jahr nach Balvan reist und auch Hilfstransporte dorthin begleitet. Manche Kinder können adoptiert werden; die Aussichten, dass sie im Land vermittelt werden, sind aber schlecht. „In einem winzigen Zimmer schlafen vier bis fünf Kinder, die Betten sind teilweise heruntergebrochen und die Wände offen“, beschreibt Haug die desolaten Zustände im Kinderheim. Auf dem gesamten Gelände liege „Müll und Schutt, rostige Nägel“ herum – die Kinder spielen dazwischen. Nachts werden die kleinen Heimbewohner eingeschlossen: „Damit keiner reinkommt, aber auch, damit keiner abhauen kann“, so Haug.

Vor allem Roma-Kinder leben in Balvan im Heim – „ dort eine absolute Randgruppe“, sagt Haug. Kinder würden oftmals als Ware betrachtet, Eltern verkauften den Nachwuchs nicht selten an kriminelle Organisationen: „Die Kinder werden als billige Arbeitskräfte verhökert, zur Prostitution oder zum Klauen gezwungen.“ Ins Heim kommen die Kinder meist dann, wenn Verwandte oder Bekannte die familiären Missstände dem Amt melden. Besuch von den Eltern bekommen die Kinder im Heim jedoch so gut wie nie. Angegliedert ist ein Krisenzentrum, in dem sexuell missbrauchte Mädchen betreut werden; ein EU-Projekt, das mittlerweile vom Staat übernommen wurde.

Daniela Haug erzählt von einem Mädchen, das eingeliefert wurde, weil die Mutter es absichtlich mit heißem Wasser übergossen hatte – alle sieben Kinder wurden der Familie daraufhin weggenommen. Viele Kinder wohnen in komplett vermüllten Häusern und sind auf sich gestellt, bevor sie vom Sozialamt ins Heim gebracht werden, sagt Haug. Dort bekommen sie immerhin das Allernötigste: Essen, Kleidung, Schulsachen. Eine Grundschule und einen Kindergarten gibt es am Ort, die Größeren besuchen eine weiterführende Schule in der Stadt.

Und trotzdem: Es fehlt nicht nur an Materiellem – Schuhe, Schulsachen wie Hefte, Stifte und Ranzen sowie Spielzeug sind Mangelware –, sondern vor allem an menschlicher Nähe: Rund zehn Betreuer/innen kümmern sich im Wechsel um die Kinder, zwei oder drei sind ständig im Haus. „Eng ist die Beziehung zwischen Betreuern und Kindern meist nicht“, hat Haug mitbekommen.

Eine Art Dritte Welt mitten in Europa

„Unheimlich gut erzogen“ sind die bulgarischen Heimkinder – diese Erfahrung hat die 29-Jährige gemacht; militärischer Drill spielt aber auch eine Rolle. „Vor dem Essensraum etwa müssen sich die Kinder in Zweierreihen aufstellen, um dann geordnet einzumarschieren“, erzählt sie befremdet; sozialistische Strukturen sind noch sehr präsent. Die Essensportionen sind streng rationiert, die Kinder können sich nicht satt essen. Es gibt wenig Fleisch, das Essen ist sehr vitaminarm. Milchreis, Grießbrei, Graupen oder Nudeln kommen stattdessen meist auf den Tisch.

„Einmal gab es einen Grillabend, da haben sich die Kinder fast um die Reste geschlagen“, veranschaulicht die zweifache Mutter. Lebensmittelspenden sind dennoch „schwierig“: „Nahrungsmittel werden eigentlich vor Ort gekauft, schließlich soll die heimische Wirtschaft angekurbelt werden.“

Eine Hilfe sind Organisationen wie „Kinder brauchen Frieden“ auf jeden Fall, sagt Daniela Haug, aber auch diese stoßen oftmals an ihre Grenzen: „Als wir in Balvan waren, wollten wir für die kleineren Kinder Schuhe kaufen. Das ging aber nicht, weil das Budget einfach zu knapp war.“ Deprimierend sei auch, dass die Kinder trotz schulischer Ausbildung später kaum eine – berufliche – Chance hätten: „Sie haben das Stigma als Roma-Heimkinder, für sie geht es danach kaum weiter.“ Bulgarien liege zwar in Europa, „ein bisschen“ gleiche es aber doch einem Dritte-Welt-Land. „Ich habe aber die Hoffnung, dass etwas hängen bleibt, dass die Kinder mitbekommen, dass es noch etwas anderes gibt“, sagt die 29-Jährige.

Mehrmals im Jahr begleiten Mitarbeiter/innen von „Kinder brauchen Frieden“ Hilfstransporte nach Bulgarien, der nächste ist für kommenden November/Dezember geplant. Daniela Haug möchte gespendetes Spielzeug in ihrer Scheune lagern. „Gut erhalten und einfach muss es sein, auch Bilderbücher sind willkommen“, sagt sie. Persönlichen Besitz haben die Heimkinder in Balvan nicht – „höchstens mal ein Foto, die sind sehr begehrt“.

Kinder brauchen Frieden – und Spielzeug

Zum Abschied hat ihr ein etwa zehnjähriges Mädchen im Heim ein Foto von sich geschenkt, im Tausch mit einem Bild von Daniela Haug und ihrer Familie. „Sie hat es gleich unters Kopfkissen gelegt.“ Tauschgeschäfte dieser Art wird es in Zukunft vielleicht noch öfters geben.

Mehr über die Projekte des Hechinger Vereins „Kinder brauchen Frieden“ unter www.kinder-brauchen-frieden.de. Spendenadresse: Sparkasse Zollernalb, Kontonummer: 79 234 034, BLZ 653 512 60.Gut erhaltenes Spielzeug kann bei Daniela Haug in Mössingen-Belsen in der Geißhäuserstraße 39 abgegeben werden.

Am 18. September bewirtet „Kinder brauchen Frieden“ im Oldtimermuseum in Hechingen, am 25. September werden auf dem Schlossplatz von 9 bis 18 Uhr Pfandflaschen entgegen genommen – der Erlös kommt Kindern in Not zugute.

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15.09.2010, 12:00 Uhr

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