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Das Mittwochs-Interview

Benedikt Karus über sein Debüt bei der Crosslauf-Europameisterschaft und seine Zukunftspläne

Der Start bei der Crosslauf-Europameisterschaft am Sonntag in Samokov (Bulgarien) war einer der Karriere-Höhepunkte von Hindernis-Spezialist Benedikt Karus (24) von der LG Farbtex Nordschwarzwald. Im Interview mit der SÜDWEST PRESSE spricht Karus über seine Probleme in der zurückliegenden Saison, seine Abneigung gegenüber der Halle und die Vorteile, mit einer Läufer-Kollegin zusammenzuleben.

17.12.2014

Von Interview: Vincent Meissner

SÜDWEST PRESSE: Herr Karus, wie zufrieden waren Sie mit Platz 22 bei Ihrem Debüt bei der Crosslauf-Europameisterschaft am Wochenende in Bulgarien?

Benedikt Karus: Sehr! Ich hatte ja vor dem Rennen gesagt, unter die Top 20 zu kommen, wäre der absolut Knaller. Mein Ziel war, im ersten Drittel des Feldes zu landen. Das hat geklappt. Deswegen bin ich richtig, richtig zufrieden. Und auch der Bundestrainer war zufrieden. Zumal ich mich nicht speziell auf das Rennen vorbereitet hatte. Ich bin gerade mitten im Grundlagen-Training.

Wie waren die Bedingungen?

Die dünne Luft auf 1300 Metern über dem Meeresspiegel war ein nicht zu unterschätzender Faktor. Beim Trainingslauf am Tag vor dem Rennen hatte ich schon das Gefühl, dass ich ein bisschen mehr keuchen muss, als zu Hause. Aber im Rennen ging?s dann ganz gut.

Und die Strecke selbst?

Die war recht unterschiedlich. In manchen Bereichen hat die Sonne auf den Boden gescheint, da wurde es ziemlich matschig und ich war froh, dass ich meine Nagelspikes mit 15 Millimetern Länge unter den Schuhen hatte. Und an Stellen im Wald, die von der Sonne unberührt waren, blieb der Boden gefroren. Das geht dann ganz schön auf die Fußmuskulatur.

Das klingt nach einem Eiertanz…

Man muss sich eben auf alles einlassen und damit zurechtkommen. Aber als Hindernisläufer auf der Stadionbahn komme ich mit unterschiedlichen Rhythmen und Tempowechseln ja gut zurecht.

Wie war es für Sie als Einzelkämpfer?

Es war schon schade, dass wir vom deutschen Verband keine Mannschaft im Männerrennen hatten. Aber ich habe mich dadurch nicht beirren lassen. Ich war eben mein eigenes Team. Im Rennen läuft ja eh jeder für sich alleine und irgendwann findet man eine Gruppe. Und der Rest vom deutschen Team, die Frauen und Junioren, waren bei meinem Rennen schon fertig und haben mich an der Strecke angefeuert.

Wo fühlen Sie sich wohler, auf der Bahn über 3000 Meter Hindernis oder im Gelände beim Crosslauf?

Mir macht beides riesigen Spaß. Für uns Läufer zählt der Sommer natürlich mehr, deswegen ist die Bahn wichtiger. Aber im Winter beim Crosslauf hole ich mir die Grundlagen für den Sommer. Der Crosslauf ist da ein super Trainingsmittel. Und er härtet einen ab. Und auf der Bahn geht es immer gegen die Zeit. Beim Crosslauf dagegen ist die Zeit nicht entscheidend, weil die Strecken immer unterschiedlich sind. Da geht es viel mehr Mann gegen Mann. Das finde ich auch mal schön.

Und warum laufen Sie im tiefsten Winter durchs Gelände?

Auf der Bahn kann man definitiv nur im Sommer laufen. Wenn man im Winter nicht in die Halle will, dann gibt es eben nur die Möglichkeit, ins Gelände auszuweichen. Und dann kommen eben viele Mittelstreckler und Langstreckler zusammen, die sich sonst in ihren einzelnen Disziplinen bewegen. Das ist auch etwas Schönes am Crosslauf, dass man mit Leuten aus anderen Disziplinen zusammen läuft.

Was haben Sie gegen die Halle?

Die Halle fasziniert mich nicht. Das ist einfach nicht so meine Sache. Ich bekomme da schnell Verletzungs-Probleme. Die meisten Hallenböden geben extreme Stöße auf die Gelenke ab. Auch die Achillessehne wird enorm belastet und die zwickt bei mir ja eh immer wieder mal.

Sie sind im Spätsommer aus dem B-Kader des Deutschen Leichtathletik-Verbandes DLV gefolgen. Wie schlimm ist das für Sie?

Für einen persönlich ist es schon bitter. Dadurch bekommst du noch mal vor Augen geführt, wie schlecht die Saison gelaufen ist. Auch finanziell gibt es ein bisschen Nachteile, weil ich meine Trainingslager jetzt eben selber zahlen muss. Aber das hätte ich eh reduziert. Ich bin schließlich kein Profi, der ein paar Wochen nach Südafrika kann. Und ein positiver Effekt ist der, dass ich jetzt nicht mehr den DLV am Bein habe. Das gibt mir auch ein Stück weit Freiheit.

Inwiefern?

Ein Kritikpunkt ist ja, dass der Verband sich nur an der Finanzierung von Trainingslagern beteiligt, die er auch selbst organisiert. Wenn ich selbst ein Trainingslager plane, muss ich es auch selbst bezahlen. Außerdem habe ich auch Motivation für die Cross-EM in Bulgarien aus der Nichtnominierung für den B-Kader geschöpft, indem ich mir gesagt habe, jetzt erst recht. Nun zeigst du?s denen, dass man auch ohne Kader-Zugehörigkeit bei einer Europameisterschaft mitlaufen kann. Aber klar, das Ziel ist schon, wieder die Kader-Normzeit zu laufen und wieder reinzukommen. Im vergangenen Jahr waren das über die 3000 Meter Hindernis 8:27:05 Minuten, gleichzeitig die EM-Norm.

Woran hat es gelegen, dass die vergangene Saison so schlecht gelaufen ist?

Ich konnte eben nicht das auf die Bahn bringen, was ich wollte. Nach dem ersten Höhentrainingslager meiner Karriere in Flag staff in den USA im Frühjahr hat es mich völlig zerlegt. Ich war schon vor den dreieinhalb Wochen skeptisch. Ich dachte, dass ich noch an anderen Stellschrauben drehen kann. Aber der Bundestrainer meinte, die anderen seien auch alle dabei und deshalb habe ich mich auch überreden lassen. Nach der Rückkehr kam ich mit dem Jetlag nicht zurecht und habe mir gleich eine Erkältung eingefangen. Und aus diesem Loch kam ich auch nicht mehr raus.

Hat der Bundestrainer denn eingeräumt, dass es vielleicht ein Fehler war?

Das ist immer schwierig. Mein Kollege Martin Grau zum Beispiel hat sich in diesem Trainingslager wahnsinnig verbessert. Es gibt eben unterschiedliche Typen, die mit der Höhe besser oder schlechte zurecht kommen. Ich bin aber sicherlich kein Einzelfall. Nächstes Jahr geht es zum Trainingslager eben wieder an die Adria. Da kann man auch super trainieren. Mein Team-Kollege Timo Benitz von der LG Nordschwarzwald hat über 1500 Meter auch eine Wahnsinns-Entwicklung gemacht – und das ganz ohne Höhentrainingslager.

Sie studieren im achten Semester Medizin an der Uni Tübingen und schreiben studienbegleitend an Ihrer Doktorarbeit. Worum geht?s da?

Ich bin bei der Uni-Sportmedizin Teil einer größeren Studie und untersuche die Erschöpfung von Mittel- und Langstreckenläufern. Wir stellen die aufs Laufband und nehmen dann Blut ab.

Und was soll das bringen?

Bislang misst man bei Tests den Laktatwert, also die Milchsäure, die auch zum Muskelkater führt. Mit diesen Werten steuern Mediziner das Training der Athleten. Bei uns geht es langfristig darum, neue Methoden zu finden, um die Erschöpfung zu messen, die vielleicht noch etwas präziser sind.

Wie lange planen Sie noch zu studieren?

Ich schätze, dass ich noch zwei, zweieinhalb Jahre brauche.

Und dann?

Es war immer klar, der Sport ist mein Hobby und das Studium mein Beruf. Ich werde kein Weltklasseläufer mehr werden. Da ist die Konkurrenz aus Afrika einfach zu stark. Und dass ich davon leben könnte, dafür ist das Geld, das in der deutschen Leichtathletik steckt, einfach zu wenig. Aber ich will schon meine Grenzen ausloten. Und wenn ich sehe, es geht was in Richtung Olympia in Rio 2016, werde ich alles geben. Ob ich es wie beispielsweise wie der deutsche Spitzenläufer Arne Gabius machen werde, der nach seinem Medizinstudium in Tübingen ein paar Jahre alles aufs Laufen setzt, weiß ich noch nicht. Jedenfalls bin ich auch nicht traurig, wenn es nicht läuft.

Und Ihre Ziele im nächsten Jahr?

Im März steht die Deutsche Meisterschaft im Crosslauf in Bayern an, wo wir mit der LG Farbtex den Mannschafts-Titel erfolgreich verteidigen wollen. Kurz darauf folgt die Studenten-Weltmeisterschaft. Und im Sommer auf der Bahn über 3000 Meter Hindernis möchte ich bei der DM wieder um eine Medaille mitlaufen, wenn nicht gar den Titel holen.

Sie wohnen in Tübingen mit Ihrer Freundin zusammen, der erfolgreichen Mittelstrecken-Läuferin Kerstin Marxen. Schnüren Sie auch gelegentlich gemeinsam die Laufschuhe?

Wenn bei mir ein lockerer Dauerlauf ansteht, dann gehen wir schon auch mal zusammen los. Ansonsten trainiere ich auch relativ viel alleine. Und am Wochenende bin ich meist in Dornstetten bei Jörg Müller. Es ist auf jeden Fall angenehm, wenn der Partner selbst auch Leistungssport betreibt und deshalb Verständnis dafür hat, dass man abends, wenn man nach Hause kommt, erst mal noch eineinhalb Stunden laufen geht. Und wenn man gemeinsam auf Wettkämpfe fahren kann, dann ist es umso schöner.

Der 24-jährige aus dem Loßburger Stadtteil Schömberg startete seine Leichtathletik-Karriere im Alter von neun Jahren beim Skiclub Loßburg unter Trainer Gottfried Schrempp. Später wechselte er zur LG Nordschwarzwald. Karus hat sich auf der Bahn im Sommer auf 3000 Meter Hindernis spezialisiert. Im Winter begibt er sich jedoch auch gerne auf Cross-Strecken. Seine persönliche Bestzeit über 3000 Meter Hindernis datiert aus dem Jahr 2012 mit 8:37,84 Minuten. Zu seinen größten Erfolgen zählen neben den Teilnahmen an der U 23-Europameisterschaft in Tschechin 2011 über 3000 Meter Hindernis (Platz 11) und an der Cross-Europameisterschaft jüngst in Bulgarien (Platz 22) die Deutschen Meistertitel 2012 über 3000 Meter Hindernis und im gleichen Jahr der erste Platz bei den Deutschen Crosslauf-Meisterschaften (U 23). Zudem ist Karus mehrfacher Deutscher Hochschulmeister in verschiedenen Disziplinen.

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Erstellt:
17. Dezember 2014, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
17. Dezember 2014, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 17. Dezember 2014, 12:00 Uhr

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