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Benefit ins Examen

Irgendwann kam der Spendenlauf in die Welt. Denn Laufen ist etwas, das extrem gut zu Benefiz-Zielen passt. Man überwindet sich – oder im Ersten Weltkrieg-Slang: den inneren Schweinehund –, indem man sich körperlich anstrengt. Und mit der Selbstüberwindung überwindet man zugleich ein bisschen die Armut in der Welt. So wird – eins, zwei, drei – aus sportlichem Ehrgeiz schönster Altruismus.

18.07.2015
  • Ulla Steuernagel

Spendenläufe sind weit besser als Kuchenverkäufe. Erstens bringen jene mehr ein, zweitens taugt Kuchen im Einsatz gegen Armut in der Welt nur sehr bedingt. Man denkt sofort an die Empfehlung, die die französische Königin Marie Antoinette ihrem Volk gab: „Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen.“ Damit ist eine zynische Schiene zwischen Hunger und Kuchen gelegt, auch wenn die Königin, die ihren Kopf an die Revolution verlor, diesen Satz in Wirklichkeit gar nicht gesagt haben soll. Wohltätige Kuchenverkäufe eignen sich also dann am besten, wenn der Ertrag hinterher nicht an die Ärmsten, sondern an Kindergärten, Schulen oder Vereine fließt.

Große Wohltätigkeitsbälle mit hohen Eintrittspreisen, mehrgängigen Menüs und viel Charity-Glamour sind für Tübinger Verhältnisse ungeeignet. Allzu glanzvoll sollte der Spendenrahmen nicht sein. Gutmenschentum sollte lieber mit Verzicht oder Anstrengung einhergehen. Allenfalls Kulturveranstaltungen können noch wohltun und wohltätig sein. Denn sie dringen tief in Seele und Geist ein, dienen nebenbei der Bekanntheit von Künstlern und tätscheln sanft das Gewissen des Publikums.

Wozu eigentlich diese Aufzählung? Weil wir uns eines Tages vielleicht kaum noch erinnern werden, wie Spendensammlungen früher aussahen. Denn mit Tübinger Medizinstudierenden könnte der Benefizgedanke in eine neue Ära eintreten.

Bislang dachten viele, Examen sei diese Prüfung am Ende eines Studiums, die man ablegt, weil sie den Grundstein für die berufliche Tätigkeit legt. Ja, und vorher hieß es deshalb: Büffeln, um nicht durchzufallen. Das schien zu reichen. Tübinger Medizinstudierende setzten jedoch noch eins drauf. Für jedes richtige Kreuz, das 174 Student(inn)en bei 318 Fragen setzten, sollten Sponsoren nämlich einen Cent bezahlen.

Und so kam das schöne Sümmchen von 3632,65 Euro zusammen. Es fließt in ein Krankenhaus im Ost-Kongo, das vom Tübinger Institut für Ärztliche Mission unterstützt wird und das das Geld sicher gut brauchen kann. Das neue benefitte Prüfungsmodell lässt also den Prüfling über sich hinauswachsen, es macht also doppelt glücklich. Die Tübinger wollen nun dafür sorgen, dass es seinen Siegeszug durch die Examenslandschaft antritt.

Aber ist diese Idee wirklich so gut? Zu allem Examensstress kommt jetzt auch noch die Sponsorensuche hinzu. Es sei denn man knöpft gleich den eigenen Eltern das Geld als eine Art Examens-Antrittsgebühr ab. Wehe also dem, der nur auf gute Noten lernt! Jetzt muss er auch noch gegen die Not anlernen. Braucht ein Examen überhaupt noch ein weiteres und höheres Ziel als das eine und an sich ehrenwerte: das Examen zu bestehen?

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18.07.2015, 12:00 Uhr

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