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Panik vor dem Supermarkt

Bericht einer Betroffenen über ihre Angsterkrankung

Seit einem heißen Tag im Sommer 2007 ist für Anke F. nichts mehr wie es war. Die Panik im stickigen Auto überfiel sie so plötzlich, dass die 29-Jährige die Kurve verfehlte.

07.02.2010
  • Christiane Hoyer

Tübingen. Der Wagen kam auf einer Wiese zum Stehen, die beiden Kinder und ihre Mutter hatten Glück: Keine Verletzungen, nichts Schlimmes passiert. Nur: Anke F. (Name geändert) hatte so starkes Herzrasen, dass sie mit dem Rettungswagen in die Klinik gebracht wurde. Dort beruhigte sich ihr Puls wieder, der „Kloß im Hals“ löste sich auf. Er kam erst wieder, als sie entlassen wurde.

Seitdem „ging das Leben nicht mehr wie vorher“, schildert die Alleinerziehende ihre krankhaften Angstzustände. Sie konnte plötzlich nicht mehr die Wohnung verlassen, nicht mehr allein sein mit den heute sechs und 10 Jahre alten Kindern. An Einkaufen im Supermarkt oder gar Autofahren war nicht mehr zu denken. Der Rat eines Psychologen, „in den Bauch zu atmen“, halfen auch nicht in der akuten Situation, und die Hilfe des Jugendamts für eine Familienhelferin kam ein halbes Jahr zu spät. Auch der erste Antrag auf eine Therapie in einer Reha-Einrichtung, in der die Kinder betreut wurden, scheiterte. Stattdessen verbrachte die Medizinstudentin einige Tage in der geschlossenen Abteilung der Psychiatrie.

Angst als Krankheitsbild hat vielfältige Erscheinungsformen. Bei Anke F. äußert sie sich als Panikattacke. Auslöser sind Situationen, in denen sie sich erdrückt fühlt von der Verantwortung. Und das bei einer jungen Frau, die bis dahin „ein Kontroll-Freak“ war. „Ich bin zu 99 Prozent ein Vernunftmensch“, schildert sie ihre eigene Persönlichkeit. „Am liebsten würde ich mein Leben in eine Excel-Tabelle pressen“. Doch seit jenem Sommertag funktionierte ihre Excel-Tabelle nicht mehr.

Der Weg ohne dieses Tabellen-Schema war seither mühsame Arbeit für die Alleinerziehende. Nach einer dreimonatigen Reha, in der sie ein spezielles Training gegen ihre Angstschübe einübte, schaffte sie es immerhin, die eigene Wohnung zu verlassen – wenn auch nur für einige Meter. Weil ihr Therapeut in einem anderen Ort wohnte, musste der ihr oft entgegenfahren. Öfters „haben wir die Therapie am Straßenrand gemacht“, erzählt Anke F.

Mit Hilfe einer Verhaltenstherapie und Hypnose hat Anke F. inzwischen gelernt, mit ihrer „diffusen Angst vor der Angst“ zu leben. Nach einem Jahr Training konnte Anke F. sogar wieder Auto fahren – ein Fläschchen Baldriantropfen geben ihr dabei Halt. Auch die Angst, auf einen Berg zu steigen „und nie wieder herunterzukommen“, konnte Anke F. überlisten: Zum ersten Mal seit drei Jahren war sie mit ihren Kindern jetzt beim Ski fahren.

Wie viele Angst-Patienten es in Tübingen und dem Kreis gibt, ist statistisch nicht belegt. Anke F. hätte in der akuten Situation schon geholfen, wenn sie jemanden hätte anrufen können. Im Sozialforum Tübingen hat sie eine Selbsthilfegruppe gefunden, in der sich andere Leute mit Angsterkrankungen regelmäßig zum Austausch treffen. Für Anke F. sind die Treffen zweimal im Monat eine wichtige Stütze im Alltag.

Weil das Thema viele betrifft, startet das Sozialforum jetzt mit einem Vortrag. Zum Auftakt spricht der Arzt Berthold Müller am 9. Februar (siehe Kasten).

Info

Die Selbsthilfegruppe Angsterkrankungen trifft sich zweiwöchig (gerade Wochen) jeweils mittwochs von 19 bis 20.30 Uhr in der Pflegeresidenz Vinzenz von Paul; Kontakt über tash-gruppe@web.de

Wege aus der Angst: Vortrag von Dr. Müller

„Wege aus der Angst: Erscheinungsformen, Hintergründe, Lösungsansätze“: Ein Vortrag mit Dr. Berthold Müller, Chefarzt der „Sinova“ Klinik in Zwiefalten – am Dienstag, 9. Februar, 19 Uhr, in der „Hirsch“-Begegnungsstätte (Hirschgasse 9; erster Stock). Berthold Müller ist Mitglied im „Bündnis gegen Depression Neckar-Alb“.

Bericht einer Betroffenen über ihre Angsterkrankung
Von der Angst erdrückt fühlte sich Anke F: In ihrem Therapie-Bild hat sie die Panikattacke als heranrollende Wolke dargestellt.

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07.02.2010, 12:00 Uhr

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