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Wie die Kuh die Milch gibt

Berlin feiert den "Alpensinfonie"-Geburtstag 320 Minuten lang im XXL-Format

Das notenreichste Einzelstück der Klassik-Musik wurde hundert: die "Alpensinfonie". Mit sechs Aufführungen an vier Abenden stürzten sich drei Spitzenorchester in die ungeheuren Tonmassen des Richard Strauss.

02.11.2015
  • CHRISTOPH MÜLLER

Berlin Das gibt's nur einmal, das kommt nicht wieder. In der Berliner Philharmonie gaben an vier atemlos aufeinander folgenden Tagen drei Star-Dirigenten den Taktstock an den Kollegen weiter, um drei deutsche Spitzenorchester ein und dasselbe Stück von vorne bis hinten durchspielen zu lassen - insgesamt sechs Mal. Dieses Stück ist das längste und lauteste, das je ein abendländischer Komponist für ein 119-Mann-Orchester geschrieben hat, ohne dass es auch nur eine Sekunde Spielpause zum Luftholen dazwischen gibt. Also keine in Sätze aufgeteilte Sinfonie, sondern ein gigantomanisches Tongemälde, das in Breitwandformat den alpinen Gipfelsturm eines nach Erlösung trachtenden einsamen Wanderers in glühenden Farben ausmalt.

Wir sprechen von der maß-, aber keineswegs ziellosen "Alpensinfonie" Richard Strauss'. Der Komponist höchstselbst hat die Uraufführung am 28. Oktober 1915 in der alten Philharmonie Berlin dirigiert. Sein Orchester war die Königlich-Sächsische Hofkapelle Dresden. Aber sein geliebtes Dresden kam für die Uraufführung nicht infrage, weil es dort keinen Konzertsaal mit Orgel gab. Zudem benötigt sein naturmystischer Gebirgsrausch auch Wind- und Donnermaschine, Tamtam, Celesta, Heckelfon, Glockenspiel, Kuhglocke, alle Bläser in mindestens doppelter Besetzung (plus 14 Extra-Hörner hinter der Bühne) und acht Mann fürs Schlagwerk.

Das bringen nur die ganz großen Sinfonieorchester ohne Aushilfe auf die Beine. In Berlin waren dies nun die Berliner Philharmoniker, die Berliner Staatskapelle und die Sächsische Staatskapelle Dresden unter ihrem als Strauss-Spezialist gefeierten Chefdirigenten Christian Thielemann. Doch nicht er durfte am Uraufführungs-Jubiläumstag antreten, sondern musste sozusagen vorfeiern am 27. Oktober. Den 28. hatte sich die Philharmonie für ihr Hausorchester unter Andris Nelsons, dem lettischen Star der Klassikszene, vorbehalten. Den Anfang aber machte Gustavo Dudamel. Er kam mit der Staatskapelle nicht über eine mäßig interessante Interpretation des diffizilen, leicht ins auftrumpfend Pompöse, Trivial-Lautmalerische entgleisenden Riesenwerk hinaus. Die Staatskapelle brillierte nur mit ihrem spektakulär weitausholenden Becken-Schläger. Im übrigen aber patzte das Barenboim-Eliteorchester mit kieksenden und unsauber intonierenden Blechbläsern genauso wie, erstaunlich, die Weltstar-Philharmoniker.

Aber auch Andris Nelsons polierte mehr oder weniger nur die Oberfläche, blieb also trotz wunderbar individualistisch phrasierenden Holzbläsern bloß naturalistisch, ganz nach dem freilich ironisch gemeinten Motto des Komponisten: "Ich hab' einmal komponieren wollen, wie die Kuh die Milch gibt!" Nelson verbannte jedoch ängstlich die gern belächelten Kuhglocken nach außerhalb und ließ sich mit 55 Minuten die längste Zeit; Thielemann begnügte sich mit guten 53 Minuten und Dudamel mit knappen 52, was schon viel ist; Georg Solti legte die Marathon-Strecke einst in 44 Minuten zurück.

Nicht nur beim Tempo und den Phonzahlen gleicht keine "Alpensinfonie" der anderen. Die Farben des Klangbilds, geboren aus dem raffiniert ausdifferenzierten Wagnerschen Mischklang, machen den Hauptunterschied. Da ist Thielmann mit den auf Strauss eingeschworenen Dresdnern der subtilste. Das geht mit dunklen liegenden Clustern beim Beginn der noch nächtlichen Bergwanderung los, strahlt dann hell im A-Dur-Sonnenaufgang, flirrt geradezu impressionistisch, wenn es bei Wind und Wetter über Stock und Stein geht, lässt Fagott und Englischhorn unheilkündend das donnernde Gewitter heranrauschen, um schließlich die metaphysisch deutbare Bergtour im Nietzsche-Nichts zart und lyrisch zu verhauchen. Die zu Unrecht als retro-konservativ verschrieene "Alpensinfonie" ist nicht nur quantitativ in jedem Sinne eines der größten und meistschichtigen sinfonischen Meisterwerke des frühen 20. Jahrhunderts - sie wird auch die nächsten 100 Jahre lässig überstehen.

Berlin feiert den "Alpensinfonie"-Geburtstag 320 Minuten lang im XXL-Format
In Garmisch-Partenkirchen - mit Blick auf das Wettersteingebirge samt Zugspitze - hat Richard Strauss die "Alpensinfonie" komponiert. Foto: fotolia

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02.11.2015, 12:00 Uhr

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