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Trauer

Berlin rückt zusammen

Am Tag nach dem Attentat ist es rund um den Breitscheidplatz still wie sonst nie. Über der Budenstadt des Marktes liegt Nebel. Vor der Gedächtniskirche wächst das Blumenmeer.

21.12.2016
  • HENNING KRAUDZUN UND PETER GÄRTNER

Berlin. Es herrscht eine bedrückende Stille in der Gedächtniskirche. Durch die kobaltblauen Fenster dringt kaum Licht ins Innere, doch immer mehr Kerzen werden am Altar angezündet. Auf ihnen ruhen die Blicke der Menschen, die am Dienstag gekommen sind, ihre Hände falten und leise weinen.

Anselm Lange, Vorsitzender der Kirchengemeinde, steht mit aschfahlem, tieftraurigem Gesicht etwas abseits und versucht anderen Trost zu spenden. Der 50-Jährige ist zugleich Chef der Berliner Telefonseelsorge. Er berichtet, dass dort in der Nacht eine „heftige Welle der Trauer“ ankam. „Heute ist mein Herz aber hier, wir müssen in dieser Situation einfach nur zuhören.“

Neben dem Eingang der Gedächtniskirche, am Montag kurz nach 20 Uhr, pflügte der schwarze Sattelschlepper durch Menschenmassen und Buden des Weihnachtsmarktes. Der Attentäter hinterließ ein Blutbad mit mindestens zwölf Toten. Anselm Lange eilte sofort herbei, ließ sich von Polizisten über das Gelände führen, sah das Trümmerfeld, hörte die Schreie. „Furchtbare Bilder“, sagt er.

Drinnen wurde Bach geprobt

Axel Kaiser lehnt draußen an einem Absperrgitter und schaut gedankenverloren auf seine Holzhütte, in der am Abend eine Weihnachtsfeier stattgefunden hatte. Dann habe er einen „dumpfen Knall“ gehört und half, so gut er konnte. „Es gab keine Panik“, schildert der 61-jährige. „Es herrschte fast schon gespenstische Ruhe.“ Ohnehin dachten zuerst alle an einen Unfall.

Doch schnell wurde klar, dass der Laster gezielt über das Gelände gesteuert wurde, mit dem Ziel, Menschen zu vernichten. „Drinnen hat der Bach-Chor geübt, Lieder der Versöhnung, das muss man sich mal vorstellen“, sagt der Bischof der evangelischen Landeskirche, Markus Dröge, und atmet tief durch. Doch er fordert, dass die Gesellschaft jetzt keinen weiteren Hass zulassen dürfe.Immer mehr Details führten in der Nacht jedoch zur Gewissheit, dass ein Unfall ausgeschlossen werden kann. Feuerwehrleute bargen einen Toten aus dem Führerhaus, den polnischen Fahrer des Trucks, der offenbar vom Attentäter erschossen wurde.

Jetzt, am Tag, wird der Autoverkehr im weiten Bogen um das Herz des alten West-Berlin geleitet, der komplette Tatort ist mit weißen Sichtschutzwänden abgeschirmt. Gegenüber des Weihnachtsmarktes, von dem nur einige Budendächer zu sehen sind, stehen mehrere Dutzend Fernsehkameras. Die Reporter aus aller Welt versuchen, die Trauer und das Entsetzen in Worte zu fassen. Nahe des Bikini-Hauses werden Blumen abgelegt, immer wieder neue Kerzen angezündet. „Eigentlich führt mein Arbeitsweg direkt über den Markt“, erzählt eine junge Frau bewegt, die im nahen Europa-Center arbeitet. „Am gestrigen Abend bin ich gegen Halb Acht an den Ständen vorbeigegangen. Es hätte auch mich treffen können.“ Dann bricht sie ab, Tränen laufen über ihre Wangen. Drüben im Hotel Waldorf Astoria stehen Gäste an den Panoramascheiben im ersten Stock, blicken auf die zahlreichen Polizeifahrzeuge. Auf der anderen Straßenseite gehen die Bauarbeiten am Hochhaus „Upper West“ ganz normal weiter. Die Spitze des 119 Meter hohen Turms ist kaum zu erkennen, so dicht ist am gestrigen Vormittag der Nebel über dem Zentrum des alten Westens. Derweil wächst das Blumenmeer vor der Gedächtniskirche. Berliner und Touristen schreiben ihre Gedanken auf Zetteln nieder, die an einem Schaukasten kleben. Auch ein Kondolenzbuch liegt in der Kirche aus. Regierungschef Müller und Mitglieder seines Kabinetts waren die ersten, die sich dort eintragen.

Schaulustige mit Smartphones

Zumindest in den nächsten Tagen soll die Polizeipräsenz in der Hauptstadt sichtbar erhöht werden. Die größeren Märkte sollen mit Betonbarrieren geschützt werden. Für die Opfer auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz kommen diese Maßnahmen allerdings zu spät.

Rings um den Platz filmen Schaulustige das Geschehen am Tatort mit Smartphones. Andere blicken fassungslos in den Himmel. „Die Welt wird immer unberechenbarer“, sagt ein älterer Mann. „Es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis der Terror auch uns erreicht.“ Eine Frau erinnert vor dem Bikini-Haus an den versuchten Nagelbombenanschlag auf einen Ludwigshafener Weihnachtsmarkt. „Ich bin nicht wirklich überrascht.“ Sie habe schon eine Weile ein komisches Gefühl im Bauch. An dem beliebten, jetzt fast leeren Einkaufscenter prangt ein großes Schild: „Hier flaniert Berlin“. So still wie gestern war es hier noch nie. An diesem Tag rückt die Hauptstadt so eng wie lange nicht mehr zusammen.

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21.12.2016, 06:00 Uhr

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